Missstände bei der Tafel? Zwei Vorstandsmitglieder bei NRW-Verein zurückgetreten

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Mehr als 120 ehrenamtliche Helfer arbeiten bei der Lüdenscheider Tafel. Die jährlichen Pflichtbelehrungen zum Thema Lebensmittelhygiene haben sie bislang nicht erhalten. Das soll sich laut Angaben des Vorstands aber schon bald ändern. © Malte Cilsik

Bruch bei der Tafel Lüdenscheid: Zwei Vorstandsmitglieder sind zurückgetreten, darunter auch der 1. Vorsitzende. Dieser übt nun Kritik an internen Missständen.

Lüdenscheid – Lebensmittel retten und Menschen helfen: Seit nunmehr 30 Jahren ist es das erklärte Ziel der Lüdenscheider Tafel. Erst im April vergangenen Jahres hatten die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins einen neuen vierköpfigen Vorstand gewählt. Die Ziele damals waren ambitioniert. So hatte der Vorstand um den 1. Vorsitzenden Volker Linn unter anderem ein Platzproblem ausgemacht. Das alte Kühlhaus sollte einem größeren weichen. Doch nun kam es nach Informationen von come-on.de zum vorzeitigen Bruch. Auf der Vereinswebseite schreibt die Tafel: „Aus gesundheitlichen und internen Missständischen [sic!] Gründen haben der Vorsitzende der Tafel Lüdenscheid e. V., Volker Linn, und die Schriftführerin, Nadine Linn, ihre Ämter mit sofortiger Wirkung niedergelegt.“ Der Rücktritt erfolgte zum 1. April.

Missstände bei der Tafel? Zwei Vorstandsmitglieder zurückgetreten

Gegenüber come-on.de räumte Volker Linn ein, dass es noch vor seinem Rücktritt unter den Vorstandsmitgliedern einige Unstimmigkeiten gegeben habe. „Ich habe das Amt damals nur angetreten, weil mir versichert wurde, dass ich eine Einarbeitung und die volle Rückendeckung erhalte.“ Gerade letzteres sei aus seiner Sicht zuletzt nicht mehr der Fall gewesen. Demnach sei sich der Vorstand bezüglich der künftigen Ausrichtung der Tafel oftmals uneinig gewesen.

Zudem habe Linn nach eigenen Angaben einige Vorgänge intern kritisiert. Nach seinem Rücktritt macht er die Vorhaltungen jetzt auch öffentlich. So sei etwa die jährliche Pflichtbelehrung zur Lebensmittelhygiene nicht durchgeführt, das strenge Rauchverbot in den Tafel-Fahrzeugen nicht eingehalten worden. Bei einer Kontrolle des Gesundheitsamtes seien einige Mängel festgestellt worden. Zudem bemängelte er gegenüber come-on.de den allzu sorglosen Umgang mit den Tageseinnahmen. Eine Veränderung habe er, auch wegen interner Widerstände, nicht in allen Fällen bewirken können. Noch vor seinem Rücktritt suchte Linn selbst den Kontakt zum Landesverband Tafel NRW, um Beratung und Unterstützung zu erhalten.

Kritik an Missständen: Verbliebener Vorstand nimmt Stellung

Auf Anfrage nimmt der verbliebene Vorstand nun Stellung zu den vorgebrachten Kritikpunkten. Einleitend betont der Vorstand, dass sich die Tafel Lüdenscheid seit vielen Jahren als gemeinnütziger Verein für die Unterstützung bedürftiger Menschen einsetze. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehe der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln. Im Sinne größtmöglicher Transparenz wolle man sich daher zu den Vorhaltungen äußern.

In einigen Bereichen seien inzwischen Anpassungen vorgenommen worden. Die Lüdenscheider Tafel befindet sich damit in mehrfacher Hinsicht in einem Umbruchprozess. So heißt es in der Stellungnahme in Bezug auf den Umgang mit den Tageseinnahmen: „Wir nehmen das Thema Sorgfalt im Umgang mit Einnahmen sehr ernst. Auf Hinweise in diesem Zusammenhang haben wir reagiert, indem wir unsere Abläufe überprüft und entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit eingeführt haben.“

Weiter führt der Tafel-Vorstand aus: „Es gab in der Vergangenheit vereinzelt Hinweise auf mögliche Verstöße gegen das Rauchverbot in den Einsatzfahrzeugen.“ Der kommissarische Vorstand habe die Situation folglich zum Anlass genommen, die Fahrer nochmals ausdrücklich an die Einhaltung des Rauchverbots zu erinnern.

„Hygiene hat einen hohen Stellenwert“: Überprüfung durch Gesundheitsamt unauffällig

Des Weiteren erfolgte Ende April 2025 eine Überprüfung der Tafel Lüdenscheid durch das Gesundheitsamt. Der Märkische Kreis bestätigte dies auf Anfrage unserer Redaktion. „Auf Hinweis aus der Bürgerschaft hat die Lebensmittelüberwachung des Märkischen Kreises die Tafel Lüdenscheid überprüft“, schreibt Kreis-Pressesprecherin Ursula Erkens. Zu Beanstandungen sei es nicht gekommen.

Allerdings habe es, wie der Tafel-Vorstand erklärt, im Zuge der Überprüfung Hinweise zur Optimierung einiger Abläufe gegeben. „Die Umsetzung ist bereits erfolgt und der Anlass wurde dazu genutzt, zusätzlich eine komplette Wartung des Kühlhauses durchführen zu lassen“, heißt es in der Stellungnahme des Vorstands weiter. Außerdem: „Hygiene hat für uns einen hohen Stellenwert und ist uns ein wichtiges Anliegen. Im Zuge interner Abstimmungen und den Hinweisen des Gesundheitsamtes zur Optimierung unserer Abläufe haben wir festgestellt, dass einzelne Prozesse in diesem Bereich neu strukturiert werden können.“ So sollen demnach auch die Pflichtbelehrungen zur Lebensmittelhygiene, die alle Tafel-Helfer jährlich absolvieren müssen, „zeitnah“ durchgeführt werden.

Mitgliederversammlung in den nächsten Monaten: Landesverband Tafel NRW hilft bei Neuwahlen

Doch wie geht es bei der Lüdenscheider Tafel nun weiter? Mit zwei verbleibenden Vorstandsmitgliedern sei der Verein weiterhin handlungsfähig, erklärt Peter Vorsteher, Landesvorsitzender der Tafel NRW, auf Nachfrage. Der Landesverband wolle seinen Ableger in der Bergstadt bei der Beilegung der internen Differenzen beratend unterstützen. „Im nächsten Vierteljahr muss eine Mitgliederversammlung einberufen werden“, so Vorsteher zum weiteren Vorgehen. Ein konkreter Termin stehe noch nicht fest. Aber: „Wir werden die Versammlung leiten, damit sie ordnungsgemäß durchgeführt werden kann“, versichert er.

Und auch der Lüdenscheider Tafel-Vorstand blickt in seinem Statement nach vorn. Der Wortlaut: „Der kommissarische Vorstand nutzt die aktuelle Übergangsphase seit dem Rücktritt des 1. Vorsitzenden, um strukturelle Themen zu überarbeiten und die in der Amtszeit des letzten Vorstandes aufgelaufenen Themen ab- und aufzuarbeiten.“ Auch sei auf Anraten von Tafel NRW eine Satzungsänderung in Planung, wonach der Vorstand künftig aus fünf Mitgliedern bestehen soll, um Pattsituationen zu vermeiden. „Der Prozess sowie die Neuwahlen werden in enger Abstimmung mit dem Landesverband der Tafeln in NRW vorbereitet und sollen in angemessenem zeitlichem Rahmen erfolgen“, heißt es dort abschließend.

Die Tafeln finanzieren sich durch Spenden. In Plettenberg fand bei einem Straßenfest kürzlich etwa ein Spenden-Haarschneiden statt. Der Erlös sollte der Tafel zugutekommen.

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