Heilige Gräber haben im christlichen Glauben Tradition. Auch in St. Michael in Erpfting wurden Tod und Auferstehung Christi für die Gläubigen so erlebbar gemacht. Anfang der 1960er Jahre ist diese Tradition aufgegeben worden, schließlich galt das Heilige Grab als verschollen. Einige engagierte Gemeindemitglieder wollten sich damit aber nicht abfinden.
Von: Manuela Obermeier
Erpfting – 1825. Diese Jahreszahl steht unter anderem auf den beiden Wächterfiguren, die Teil der Kulissen des Heiligen Grabes in Erpfting sind, und lässt somit auf sein Ursprungsjahr schließen. Die Tradition der Heiligen Gräber ist jedoch viel älter, vermutlich etwa 1.700 Jahre, denn bereits im Jahr 326 gab Kaiser Konstantin den Auftrag, in Jerusalem an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesu eine Kirche zu errichten, die als Vorbild für viele Kirchen im gesamten christlichen Europa diente.
Wenn König Ludwig II. mit Bauklötzen spielt: Heilige Gräber zweitweise verboten
Im 14. Jahrhundert kamen figürliche Gräber auf, die in den Kirchen aufgestellt wurden und den Gläubigen Tod und Auferstehung Christi plastisch vor Augen führten. Im Laufe der Zeit entstanden immer aufwendigere Kulissen, die von beleuchteten, farbigen Glaskugeln in geheimnisvolles Licht getaucht wurden. Teilweise beherbergten sie sogar verborgene Mechanismen, die zur Auferstehung eine Christus-Figur aus dem Grab hoben und aufrichteten. Ein derartiger Mechanismus kam auch in Erpfting zum Einsatz – aber leider ist dieser nicht erhalten geblieben.
Das Heilige Grab in Erpfting ist ein beeindruckendes Ensemble mit einer Höhe von knapp drei Metern. Es besteht aus drei gestaffelten Ebenen, von denen die hinteren beiden sowie die beiden Wächterfiguren aufgrund der Signatur eindeutig dem Künstler Johann Pankraz Kober zugeordnet werden können. Die vorderste Ebene wurde allem Anschein nach später ergänzt, da sie die Jahreszahl 1838 trägt und sich auch in dem Stil, in dem sie gemalt wurde, deutlich unterscheidet.
In den vergangenen Jahrhunderten, vor allem in der Aufklärung, wurde die Aufstellung der Heiligen Gräber immer wieder verboten, weil vermeintlich zu viel Aufwand darum betrieben und ihr Prunk die Kirchen entwürdigen würde. In Bayern war dies unter anderem 1803 der Fall, jedoch fiel das Verbot bald wieder. Und so ist auch überliefert, dass König Ludwig II als Kind oft ein Heiliges Grab aus Bauklötzen gebaut haben soll. Zuletzt waren es die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965), die zur Abschaffung zahlreicher kirchlicher Traditionen führten – und darunter auch die Aufstellung der Heiligen Gräber.
Das Heilige Grab in Erpfting verschwindet - bis zum Dachbodenfund
Für die Erpftinger Dorfbewohner war die Aufstellung des Heiligen Grabes alljährlich ein Kraftakt, da sie den Aufbau am Gründonnerstag und den Abbau am Karsamstag neben ihrer alltäglichen Arbeit im Stall und auf dem Feld erledigen mussten. Möglicherweise trug auch dieser Umstand dazu bei, dass zu Beginn der 1960er Jahre die Aufstellung aufgegeben wurde, der Aufbewahrungsort der Kulissen in Vergessenheit geriet und das Heilige Grab schließlich als verschollen galt.
Einige Erpftinger wollten das jedoch nicht mehr hinnehmen und machten sich auf die Suche. Im April 2022 wurde ihre Mühe belohnt, und sie entdeckten das komplette Ensemble auf dem Dachboden des Pfarrstadels. Obwohl die Kulissenteile völlig ungeschützt gelagert waren und der Holzwurm rundherum ganze Arbeit geleistet hatte, war das Holz der Kulissen makellos und die Farben kaum verblasst.
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„Die Malerei ist so toll herausgekommen, dass wir selbst erstaunt und erschrocken waren“, sagt Rudolf Hansmann, einer der Entdecker, der das Heilige Grab noch aus seiner Jugendzeit kennt. „Wir haben alles im Grunde nur feucht abgewischt und die Farben mit Firnis aufgefrischt“, ergänzt Pfarrgemeinderatsvorsitzender Hubert Ludwig. „Mehr haben wir nicht gemacht.“
„Zum Glück haben wir einen Pfarrer, der das Ganze unterstützt“, betont Melanie Leutner, die zusammen mit ihrem Mann eine umfangreiche Broschüre zum 200. Jubiläum des Heiligen Grabes erstellt hat. Denn ohne Unterstützung durch Pfarrer Jean Kapena Mwanza wäre das alles nicht möglich, da sind sich die Gemeindemitglieder einig.
Heiliges Grab in Erpfting - Eine Besonderheit zum Jubiläum
Obwohl es keinen Bauplan gab, gelang es den Erpftingern, die Einzelteile zu einem Ganzen zusammen zu puzzeln, und zum Osterfest 2024 wurde es zum ersten Mal nach 60 Jahren wieder aufgestellt. „2024 nur für das Dorf alleine“, erklärt Ludwig. „Für das Jubiläum in diesem Jahr wollen wir aber etwas mehr Werbung machen und den Menschen dann auch genügend Zeit geben, das Heilige Grab zu besuchen.“
Deshalb wird es in diesem Jahr auch nicht nur an Karfreitag und Karsamstag aufgestellt sein, sondern vom 15. April bis einschließlich 27. April. Als weitere Besonderheit wird die Holzfigur des Auferstandenen Christus zu sehen sein, die um 1480/90 entstand und normalerweise im Diözesanmuseum Augsburg aufbewahrt wird.
Für Interessierte gibt es neben der Broschüre noch weitere Veranstaltungen rund um die Geschichte von St. Michael, die im Internet unter www.erpfting.de zu finden sind.
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