Bakterien haben einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit. Wie unser Darmmikrobiom die Entstehung von Krankheiten beeinflusst, wurde jetzt beim TUM@Freising-Vortrag erklärt.
Freising – Das bloße Auge reicht nicht, und selbst eine Lupe hilft nicht weiter: Um das zu sehen, was im Mittelpunkt des jüngsten „TUM@Freising – Wissenschaft erklärt für alle“-Vortrags im Freisinger Lindenkeller stand, braucht man schon ein Mikroskop. Die Rede ist von einem Bündel Bakterien – genauer gesagt: dem menschlichen Mikrobiom. Unter dem Titel „Mikrobiomforschung: Große Datensätze für kleine Mikroben“ brachte Prof. Dr. Melanie Schirmer den zahlreichen Zuhörern einen kleinen Teil ihrer Forschung näher.
Unter dem Mikrobiom versteht man eine Menge von Bakterien in einer bestimmten Umgebung. „Viele Lebensräume haben Mikrobiome“, so Schirmer. Neben Ozeanen oder Bodenerde auch Kühlschränke, Krankenhäuser oder die New Yorker U-Bahn – und natürlich auch Tiere und Menschen. Unseren Körper besiedeln rund 38 Billionen Bakterien. „Mikroorganismen machen etwa ein bis zwei Kilogramm unseres Körpergewichts aus.“ Unterschiedliche mikrobielle Gemeinschaften finden sich im Mund, in der Nase und auf der Haut, die meisten Bakterien besiedeln jedoch den Dickdarm, dem die Wissenschaftlerin ihren Vortrag widmete.
„Das Mikrobiom ist von Person zu Person unterschiedlich“
Die Mikrobiomforschung ist noch relativ jung, doch seit 2007 hat sie an Dynamik gewonnen. Damals startete das Human-Microbiom-Project, das sich zum Ziel gesetzt hat, herauszufinden, wie ein gesundes Mikrobiom aussieht. Diese Frage sei jedoch nicht so einfach zu beantworten: „Das Mikrobiom ist von Person zu Person unterschiedlich“, erklärte Schirmer, die selbst seit Jahren an der Identifizierung von mikrobiellen Faktoren, die an der Entstehung und Entwicklung von entzündlichen Darmerkrankungen und Immunreaktionen arbeitet. Die Zusammensetzung des Mikrobioms hänge von verschiedenen Faktoren wie Alter, Ernährung und Sport ab. Aber auch, wo auf der Welt man lebt – und ob man durch eine vaginale Geburt oder einen Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist.
Jedoch kann das Mikrobiom auch ins Ungleichgewicht kommen – vor allem in Zusammenhang mit Krankheiten wie Diabetes oder Krebs. „Die Forschung beschäftigt sich viel mit der Frage, ob eine solche Veränderung die Ursache oder die Folge von Krankheiten ist.“ Zudem gebe es Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Mikroben.
Weltweit Millionen Menschen betroffen
Um mehr über diese Verbindungen herauszufinden, beschäftigen sich Schirmer und ihre Team mit verschiedenen Forschungsthemen, die sich um die Interaktion zwischen Mikrobiom und Mensch und deren Bedeutung für unsere Gesundheit drehen. Dazu gehören unter anderem chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, von denen weltweit rund fünf Millionen Menschen betroffen sind, deren Ursache aber bisher nicht bekannt ist. Eine andere Frage, der Schirmer in einem Projekt namens „Heroine“, zu Deutsch „Heldin“, nachgeht, ist, warum Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 oder Morbus Crohn verstärkt bei Frauen auftreten. Auch diesbezüglich wird ein Zusammenhang mit dem Mikrobiom vermutet. „Es könnte sein, dass die Sexualhormone Östrogen und Progesteron das Mikrobiom beeinflussen – und umgekehrt“, so Schirmer. Der Einfluss der Pille, eine der häufigsten Verhütungsmethoden, sei ebenfalls noch zu erforschen.