Die Kunden standen bei Sieglinde Wastian für Kuchen, Eier und Brot gerne Schlange auf dem Wochenmarkt in Weßling. Nach fast 30 Jahren hat sie ihren Stand nun aufgegeben – aber nicht ihre Liebe zu regionalen Produkten.
Weßling/Oberpfaffenhofen – Fast drei Jahrzehnte lang war Sieglinde Wastian ein vertrauter Anblick auf dem Wochenmarkt in Weßling. Ob Sonne, Regen oder weihnachtliches Schneegestöber – jeden Markttag drapierte die 66-Jährige mit geübten Händen ihre Köstlichkeiten: selbstgebackene Kuchen, hausgemachten Käse, Brot, frische Eier vom Hof oder Nudeln. Mit ihrer herzlichen Art und der regionalen Produktauswahl wurde sie zu einer Institution. Doch nun heißt es Abschied nehmen, zumindest vom Marktplatz. Nach 29 Jahren wechselt Sieglinde Wastian den Standort: Statt auf dem Wochenmarkt in Weßling ist sie künftig in ihrem eigenen Hofladen in Oberpfaffenhofen anzutreffen.
„Frohe Weihnachten – und schad“, bedauerte eine Kundin der ersten Stunde den Abschied der 66-Jährigen, bevor sie mit vier Paketen Eiern – die Weihnachtsbäckerei lässt grüßen –, Kuchen, Brot und Kartoffeln den Heimweg antrat. „Man weiß zu schätzen, was verloren geht“, sagte eine andere, die das Markttreiben ebenfalls schon lange begleitet. 29 Jahre lang stand Sieglinde Wastian jeden Mittwoch um 5.30 Uhr auf, steckte Kuchen und Torten in die Röhre und verkaufte ab 11 Uhr Selbstgemachtes auf dem Marktplatz. Dabei hatte sie ursprünglich einen Stand auf dem damals neu eröffneten Markt gar nicht im Blick. „Wir waren gerade mit unserem Hausbau gut ausgelastet“, erzählt sie dem Starnberger Merkur. Dann entschied sie sich aber doch dafür und richtete in ihrem neuen Zuhause spontan eine Käseküche ein, in der sie fortan frischen Käse herstellte. Am 28. September 1995 stand sie zum ersten Mal mit ihren Produkten auf dem Markt, einen Steinwurf von den Bahngleisen entfernt – und trotzte in einem wortwörtlich windigen Pavillon, der bei Sturm mit aller Kraft festgehalten werden musste, allen Wetterlagen. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, ist der Verkaufswagen längst zur festen Anlaufstelle geworden – und war auch an ihrem letzten Markttag im Dauereinsatz.
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Ob Schnee, Hagel, Sturm oder waagrechter Regen – sie ließ sich nie abschrecken. Bei richtig miesem Wetter schleppte sie den Verkaufsladen mit dem Traktor statt mit dem Pkw vor Ort. Das war es ihr wert – für den Markt, für die Kunden. Denn der Wochenmarkt ist für Sieglinde Wastian weit mehr als nur ein Verkaufsort. Er war ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung und des Austauschs und ein Ausdruck ihrer Liebe für regionale Produkte. Das spiegelte auch dieser Tag wider: Ein langjähriger Besucher schnappte sich gleich mehrere Stücke vom Nusszopf, und über den Ladentisch hinweg wurden noch ein paar persönliche Worte gewechselt. Eine andere Kundin wartete geduldig in der Schlange, um sich Rumbombe, Eierlikörtorte und Apfelschmandkuchen zu sichern. „Des muaß i jetzt no ausnutzn“, sagte sie lächelnd.
Manche Kunden begleiten Sieglinde Wastian seit dem allerersten Markttag – damals noch mit quirligem Nachwuchs an der Hand, der inzwischen längst die Schullaufbahn hinter sich und das Elternhaus verlassen hat. Über die Jahre hat Wastian miterlebt, wie Stände kamen und gingen. Nun ist auch für sie der letzte Markttag gekommen. Aber vorbei ist es nicht: Der Hofladen am Auweg 10 auf ihrem landwirtschaftlichen Betrieb in Oberpfaffenhofen wird zur neuen Anlaufstelle für ihre Kunden. Dort führt sie das fort, was sie seit Jahrzehnten auszeichnet: regionale Lebensmittel mit Herzblut und Sorgfalt hergestellt. Und als Marktmeisterin steht sie den Fieranten weiterhin mit Rat und Tat zur Seite.
Von Michèle Kirner