Michael Krüger ist als Verleger eine lebende Legende. Kurz nach seinem 80. Geburtstag las er in der Buchhandlung Kirchheim aus seinem neuen Buch „Verabredung mit Dichtern“.
Gauting – Wenn der Literaturnobelpreis wieder einmal an einen Autor des Münchner Hanser Verlags ging, wandte sich dessen Leiter Michael Krüger an den nahe gelegenen Kostümverleih. Bei der Verleihung in Stockholm herrscht nämlich Frackpflicht, und privat verfügt er über keinen. Weil das Datum immer auf Anfang Dezember fällt, fand sich Krüger in Gesellschaft von Leuten wieder, die sich dort als Nikoläuse ausstaffieren ließen. „Die haben mich dann gefragt, was ich hier eigentlich mache. Und als ich ehrlich geantwortet habe, lachten sie mich aus. Die hielten mich natürlich für einen Aufschneider.“
Mit solchen Anekdoten würzte Michael Krüger, der vor wenigen Tagen 80. Geburtstag feierte, seine Lesung in der Buchhandlung Kirchheim am Dienstag. Für Inhaber Marc Schürhoff war es etwas ganz Besonderes, den alten Meister zu empfangen, schließlich hatte er einst im Hanser Verlag unter Krüger ein Praktikum gemacht und durfte unter anderem an den Lektoratssitzungen teilnehmen. „Es war aufregend, neben solchen Koryphäen zu sitzen“, sagte er, noch heute schwer beeindruckt.
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Krüger, der im Berger Ortsteil Allmannshausen lebt und sich erst kürzlich von einer Leukämieerkrankung erholt hat, erzählte im Plauderton aus seinem Leben und las aus seinem Buch „Verabredung mit Dichtern“. Dass sein Name immer noch Strahlkraft besitzt, bewies die Tatsache, dass die Buchhandlung voll besetzt war und die Gäste an den Lippen des Mannes hingen, der ihnen die Bekanntschaft mit den Werken von so vielen Schriftstellern und Dichtern ermöglicht hat. Da sprach einer, der die intellektuellen Debatten in Deutschland jahrzehntelang mit geprägt hat – als Verleger, aber auch als Autor und Übersetzer.
Das Buch, über das der Gast an diesem Abend am zärtlichsten sprach, war das so genannte Buch der Bücher – die Bibel. Dazu muss man wissen, dass Krüger seine Jugend bei seinen Großeltern in der Nähe des sächsischen Zeitz verlebte. Zu den wenigen verfügbaren Druckwerken auf deren Gut gehörte die Bibel in der Luther-Übersetzung, aus der ihm die Großmutter „in feinstem Sächsisch“ vorlas – wobei sie die vielen schlüpfrigen Passagen gerne so vernuschelte, dass nichts zu verstehen war. „In der Bibel kommt alles vor, Liebe, Brudermord, Ehebruch. Sie gibt eine Vorstellung, was alles in der Welt passieren kann. Es ist das Schatzkästlein, aus dem alles entspringt.“
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Eine Zeit, die Krüger besonders prägte, war die in Italien. Als Stipendiat der Villa Massimo tat er etwas scheinbar Verrücktes und verlegte seine Zeit in die Wintermonate. „Das war das Beste, was ich tun konnte. Im Winter ist Rom nämlich leer.“ Freilich erkundete er nicht nur die Stadt, sondern suchte auch die Dichter auf. Für Italo Calvino, der ihm einst die Sternbilder erklärte, Natalia Ginzburg, die zu Fuß ins Parlament ging, Giorgio Manganelli, der beim Essen krankhaft wählerisch gewesen ist, und Alberto Moravia findet Krüger in seinem Buch rührende Worte der Bewunderung.
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Und wie hat sich das Verlagswesen seit Krügers Abgang 2013 verändert? Das wollte Marc Schürhoff zum Abschluss wissen. Der Gast hatte eine ernüchternde Antwort: „Bücher zu verlegen, sollte eigentlich eine kulturelle Sache sein. Es ist aber immer mehr eine kommerzielle geworden.“ Große Häuser wie Bertelsmann hätten schon seit zehn Jahren keinen Lyrikband mehr herausgegeben, einfach, weil es sich nicht rechne. Er selbst dachte da noch ganz anders – zum Nutzen der Dichter, der Leser - und des Verlags. Die Gautinger jedenfalls standen Schlange, um sich das Buch „Verabredung mit Dichtern“ signieren zu lassen.
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