Pinar Atalay hat eine neue Sendung. Überraschenderweise heißt der "n-tv"-Talk so wie sie selber, also „Pinar Atalay“. Sie wolle, so hat sie vor dem Start angekündigt, dass „Gespräche ehrlich und fair geführt werden“. Das ist jetzt noch kein Alleinstellungsmerkmal. Interessanter ist der Nachsatz dazu: „Wenn mir im Gespräch eine Frage einfällt, dann stelle ich sie auch.“
Die Journalistin stellt viele Fragen. Das hat Caren Miosga am Sonntagabend auch getan. Aber auf eine andere Weise. Friedrich Merz richtet sich darauf ein. Bei „Caren Miosga“ im Ersten gibt er sich mehr staatstragend. Bis auf den Moment, als es um Antisemitismus geht und er urplötzlich angefasst wirkt. Bei „Pinar Atalay“ ist Merz auch sehr konzentriert, auch sehr konterfreudig, aber insgesamt deutlich nahbarer.
Im Ersten sitzt der Kanzler am Tisch, bei "n-tv" im Lounge-Sessel
Es liegt schon an der Atmosphäre im Studio. Bei „Caren Miosga“ steht ein Tisch zwischen den Gesprächsteilnehmern. Merz sitzt aufrecht, in einer Hab-Acht-Stellung. Bei "n-tv" gibt es Lounge-Sessel. Merz tut sich wegen seiner Größe schwer, den Kanzler im Sitz unterzubringen. Aber er gibt sich lockerer, überschlägt die Beine, greift ans Knie dazu.
Pinar Atalay ist sehr gut vorbereitet. Natürlich startet sie wie am Sonntag ihre ARD-Kollegin Miosga mit schlechten Nachrichten: „Die Stimmung bei den Leuten ist wirklich mies.“ Merz kontert: „Wir haben schon einiges erreicht. Es kommt jetzt Schlag auf Schlag!“
Merz verrät, welche Frage er sich jeden Morgen stellt
Pinar Atalay schafft es, dass wir ein wenig hineinschauen können in den Kanzler. Er erzählt von seinen aktuellen Wochenend-Telefonaten mit Israels Premier Netanjahu und US-Präsident Trump. Er berichtet, wie er üblicherweise seinen Tag startet: „Ich beginne meinen Tag mit der Frage: Setzt du heute die richtigen Prioritäten?“
Beim Thema Bürgergeld führte Merz am Sonntag im Ersten aus: Statt „Lohnersatzleistung auf Dauer“ brauche es strengere Regeln gegen Missbrauch und stärkere Anreize für die Rückkehr in den Arbeitsmarkt. „Wenn wir 100.000 Menschen aus dem Bürgergeld zurück in den Arbeitsmarkt holen“, ermögliche dies bis zu 1,5 Milliarden Euro an Einsparungen.
Die Überschrift zur Bürgergeld-Reform gefällt Merz: „Strengt euch an!“
Bei "n-tv" liefert ihm die Moderatorin eine Antwort, die er gerne annimmt. „Was kann man den Betroffenen zumuten?“, fragt Atalay. Um dann direkt zu sagen, die Reformen klängen nach: „Strengt euch an!“ Das gefällt Merz: „Ja, das könnte die Überschrift sein.“
Er wirkt entspannter als bei „Caren Miosga“ einen Abend davor. Aber er ist nicht weniger konzentriert. Die "n-tv"-Moderatorin stellt keine komplizierten Nachfragen. Oft reicht ein „Warum?“ oder „Wieso?“ Sie spannt keine allzu streng festgelegten Themenblöcke. Dem Kanzler kommt das zupass. Er ist nämlich immer sehr gut, wenn er direkt und schnell reagieren kann. Seine Schlagfertigkeit und Auskunftsfähigkeit konnte man am Montagabend sehr gut verfolgen.
Stoßgebet im Kanzleramt und die Zumutungen für die Deutschen
Manches mag abseitig sein, wie Atalays Frage: „Hört man Sie manchmal mit einem Stoßgebet im Kanzleramt?“ Und natürlich bringt Merz seine Botschaften in deutlicher Manier an: Zum Thema Massenentlassungen sagt er: „Wir müssen Industrieland bleiben! Wir haben es übertrieben mit den Arbeitskosten. Das führt jetzt zu solchen Korrekturen.“
Pinar Atalay ist nicht vordergründig hart in ihren Fragen, aber sie will natürlich Antworten zu den Themen Rente und Krankenversicherung und Steuererhöhungen: „Trauen Sie sich, den Leuten zu sagen: Das wird weh tun?“ Oder: „Wäre es nicht gut zu sagen, es wird Steuererhöhungen geben?“ Da weicht Merz dann doch aus. Dabei ist längst klar: An der Erhöhung der Erbschaftssteuer wird kein Weg vorbeigehen.
Putin anrufen? Und was ist mit der Wehrpflicht für den Enkel des Kanzlers?
Pinar Atalay fragt auf eine Weise, die man – ist man bösartig – als naiv einstufen kann: „Haben Sie überlegt, dass man Putin einmal aufrufen sollte?“ Merz kann sehr nachvollziehbar erklären, dass man mit Kompromissen beim russischen Machthaber nicht sehr weit kommt. Auch wegen der Bedrohung durch Putin ist das Thema Wehrpflicht gerade hochaktuell.
Merz hätte lieber eine Pflicht als eine freiwillige Lösung, das ist bekannt. Pinar Atalay geht aufs Persönliche: „Empfehlen Sie Ihrem Enkel Wehrdienst?“ Merz will das zunächst erst mal ins Private wegdrücken. Und sagt dann doch: „Ich hätte keine Einwände.“
Bei "n-tv" erfahren wir, was Merz in zehn Jahren machen wird
Und ganz hübsch ist auch die Schluss-Idee, die Künstliche Intelligenz nach der Zukunft des 69-jährigen Kanzlers zu fragen. Was macht Merz also eigentlich in zehn Jahren? Die KI glaubt: „Es ist unwahrscheinlich, dass Friedrich Merz jemals in den vollständigen Ruhestand geht.“
Da schmunzelt der Kanzler, wiegelt ab. Er scheint zufrieden mit sich und dem Talk. Was bleibt nach diesen Talk-Duellen in der ARD und bei "n-tv"? An zwei Abenden konnte er seine Agenda präsentieren. Und sich als Mensch zeigen. Bei "n-tv" noch ein wenig mehr als im Ersten.