Ihr Aussehen war Dauerthema: Die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang spricht über Hasskommentare im Netz – und wie sie politisch neu anfing.
Berlin – Die Optik sollte in der Politik eigentlich keine Rolle spielen, entscheidend sind die Inhalte. Besonders bei Politikerinnen ist das Aussehen aber immer wieder ein Thema, so auch im Fall von Ricarda Lang. Die frühere Grünen-Vorsitzende wurde in ihrer Karriere teils aggressiv persönlich attackiert. Ad hominem-Argumente gegen ihre Person, aber auch Beleidigungen und Hasskommentare waren für sie an der Tagesordnung. Mittlerweile hat die Grünen-Politikerin stark abgenommen. Lange habe sie sich nicht mit ihrem Gewicht befassen wollen, sagte sie dem Spiegel. Sie habe sich gar „eingeredet, das wäre unfeministisch“.
Jetzt fühle sie sich aber wohler mit ihrem Körper, räumte die 31-Jährige ein. Dem Gerücht, dass sie mithilfe von Abnehmspritzen Gewicht verloren habe, widersprach sie. Niemand müsse sich für solche Mittel schämen, „ich selbst habe sie nicht genutzt“, sagte sie dem Spiegel. Der Gedanke, ins Fitnessstudio zu gehen, habe bei ihr zunächst Ängste ausgelöst. „Und ich glaube, so geht es vielen, die in ihrer Jugend korpulent sind. Ich musste mich regelrecht zwingen, das erste Mal ins Gym zu gehen, nur um da zu checken: Mich starren ja gar nicht alle Leute an, die sind mit sich selbst beschäftigt – und Sport macht mir richtig Freude.“
Ricarda Lang: Rücktrittsgedanken, Comeback und Zukunftspläne
Nach dem Aus als Grünen-Chefin stand das Ende ihrer Politikerkarriere kurzzeitig im Raum: „Nach meinem Rücktritt vom Parteivorsitz habe ich darüber nachgedacht, ganz aufzuhören“, so die 31-Jährige. Doch sie entschied sich, wieder für den Bundestag zu kandidieren. In ihrem Jahresrückblick listet sie das als einen ihrer Erfolge 2025 auf: „Erneut in den Bundestag eingezogen“, schreibt die Politikerin in einem Instagram-Beitrag über ihr Mandat im Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd. Neben beruflichen Erfolgen sind auch persönliche Punkte gelistet: „Bachelor gemacht, Master an der Fernuni begonnen, weiter abgenommen“, heißt es da.
Privat und beruflich ginge es ihr jetzt gut, betont die Politikerin, doch sie übt auch Selbstkritik. Sie habe früher manchmal vor dem Fernsehen gesessen und sich gefragt: „Wie redest du da eigentlich?“ Sie habe wie ein Roboter geklungen, der über eine anonyme Masse spricht. „Nach dem Rücktritt hatte ich wenig zu verlieren. [...] Ich habe angefangen, öffentlich zu sprechen, wie ich es auch privat tun würde. Klarer und selbstbewusster in den Positionen, auch konfliktfreudiger – aber radikal offen und ansprechbar auch für Menschen, die mich oder meine Politik nicht mögen“, so Lang. Jetzt habe sie wieder Freude an Politik. „Ich habe aber nicht vor, in den nächsten Jahren ein Spitzenamt auszuüben“, erklärte sie gegenüber dem Spiegel.
Im Netz machen sich immer mehr Hasskommentare breit, wie Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) zeigen. Im ersten Quartal 2025 stieß ein Drittel aller Internetnutzer online auf Hassrede. Das sind 19,6 Millionen Internetnutzer – und ein Plus von sechs Prozentpunkten im Vergleich zu 2023. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen macht sich die 31-Jährige dagegen stark: „Hasskommentare werden auch nicht gerade kreativer. Aber dafür lauter und mehr.“ Das sorge dafür, dass sich viele aus dem Netz zurückzögen. Darauf habe sie „keinen Bock“ mehr. „Denn das Netz gehört uns allen“, so Lang in einem Online-Beitrag. (Quelle: dpa, Spiegel, Instagram, Statistisches Bundesamt) (bme)