Andrea L‘Arronge im Interview über ihr Comeback, Leben in Italien, Renten-Probleme und ihr neues Buch – nach drei Jahren Pause wieder vor der Kamera.
Nach drei Jahren Drehpause kehrt Andrea L‘Arronge mit dem ZDF-Weihnachtsfilm „Eine fast perfekte Bescherung“ (am 14. Dezember um 20:15 oder in der ZDF-Mediathek auf Abruf) vor die Kamera zurück. Die 68-jährige Schauspielerin, die zwei Jahrzehnte lang als Gräfin Vera Schönberg in „SOKO Kitzbühel“ das Publikum begeisterte, hatte eigentlich geschworen: „Nie wieder will ich überhaupt drehen.“ Doch das Leben am Bracciano-See in Italien, wo sie sich als Innenarchitektin ausprobierte, brachte neue Perspektiven – und die Erkenntnis, dass alles seine Zeit hat.
Im Gespräch reflektiert L‘Arronge nicht nur über ihre Rückkehr zum Film, sondern gewährt auch intime Einblicke in ihr Leben zwischen Deutschland und Italien. Sie spricht offen über die prekäre Rentensituation deutscher Schauspieler, ihre gescheiterte Naturkosmetikmarke Shanti und die Entschleunigung, die sie im Süden gelernt hat. Besonders bewegt sie die Arbeit an ihrer Autobiografie, die im März 2026 erscheinen soll – ein Buch über Aufbruch und Veränderung auch im Rentenalter. Zwischen Yoga, Ayurveda und der italienischen Gelassenheit hat L‘Arronge zu einer neuen Lebensperspektive gefunden, die sie nun auch wieder für ausgewählte Filmprojekte öffnet.
Andrea L‘Arronge in ZDF-Weihnachtsfilm zu sehen: Eigentlich wollte sie „nie wieder drehen“
Sie haben nach drei Jahren Drehpause das Projekt „Eine fast perfekte Bescherung“ angenommen. Was hat Sie ausgerechnet an diesem Dreh gereizt?
Ich glaube, das war einfach das richtige Projekt zum richtigen Zeitpunkt. Mein Leitsatz ist ja: Alles hat seine Zeit. Diese drei Jahre habe ich ganz dringend als Auszeit gebraucht. Ich bin sogar in diese Auszeit gegangen und habe gesagt: „Nie wieder will ich überhaupt drehen.“ Aber so ist es eben im Leben. Ich habe dann andere Dinge gemacht, zum Beispiel in Italien ein Haus gekauft und mich dort in meiner zweiten Leidenschaft als Innenarchitektin ausprobiert.
Das ist natürlich alles ein bisschen schwieriger gelaufen, als ich mir das vorgestellt habe. Das liegt daran, dass man dort noch ein bisschen im Macholand lebt und als Frau ein schweres Standing hat – noch dazu als Frau, die die Sprache nicht richtig spricht. Aber dann war das Projekt endlich – na ja, beendet ist so ein Projekt nie –, aber sozusagen fast durch. Und dann kam dieses ZDF-Angebot und das fand ich sehr süß. Die Idee, dass sich durch einen besonderen Umstand lauter Menschen treffen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und was sich dann daraus ergibt – das fand ich einfach eine schöne Geschichte.
Sie spielen den Charakter Ulrike Schott in dieser bunten Gemeinschaft. Was zeichnet Ihre Rolle aus?
Die Supermutter natürlich, die die Familie im Griff hat – mit einer Tochter, die super performt, und einer Tochter, die immer einen Sonderweg geht und um die man sich immer Sorgen macht. Ich will nicht sagen, sie ist das schwarze Schaf, aber irgendwie geht sie einen eigenen Weg. Das ist dann auch der Höhepunkt dieses Films: Dass genau diejenige Tochter, um die man sich immer Sorgen gemacht hat, scheinbar im Happy End landet. Und das ist ja zu Weihnachten auch alles legitim.
Sie leben am Bracciano-See und in München. Wo verbringen Sie selbst Weihnachten?
Ich denke wieder in Italien, weil es hier sehr schön vom Wetter her ist. Man kann ans Meer fahren und noch mal Fisch essen gehen. Ich habe es nicht mehr so mit der Kälte, muss ich ganz ehrlich sagen. Das war mein Traum, irgendwann im Süden zu sein, und das koste ich voll aus, indem ich hier mein Weihnachten mit Freunden verbringe.
Wie unterscheiden sich die italienischen Weihnachtsbräuche von den deutschen Traditionen, mit denen Sie wahrscheinlich aufgewachsen sind?
Die Italiener haben nicht den Heiligen Abend – das ist ähnlich wie bei den Amerikanern. Die Geschenke gibt es am 25. Nichtsdestotrotz sind natürlich alle in der Familie wahnsinnig beschäftigt. Die meisten hier haben ja auch eine große Familie und da trifft man sich. Am 24., 25., 26. wird ununterbrochen gegessen, getrunken, sich getroffen und ausgetauscht – und natürlich nicht nur mit der Familie, sondern auch mit Freunden. Das ist hier schon ein buntes Fest, ein etwas bunteres als bei uns, weil Großfamilien kennt man bei uns einfach nicht mehr so in dem Umfang.
Welche Traditionen verfolgen Sie selbst an den Festtagen? Deutsch, italienisch oder ein Mix?
Weihnachten hat für mich tatsächlich nicht so einen großen Stellenwert. Ich bin mit Spannungen an diesen Feiertagen groß geworden. Als ich 16 war, durfte ich ab 15 Uhr nachmittags Sherry mit meinem Vater trinken, um uns vor dem, was am Abend kommt, ein bisschen zu beruhigen und gelassener zu werden. Für mich war Weihnachten tatsächlich wie das volle Klischee – es gab immer irgendeinen Riesenstreit.
Es war auch ein bisschen ähnlich in meiner eigenen Familie später – mit Kind, Mann, Schwiegereltern und Eltern. Deswegen bin ich nicht mehr so scharf auf diesen Feiertag. Ich bin tatsächlich froh, wenn er vorbei ist, und versuche, einfach so zu tun, als ob es Feiertage sind, die auch Freunden, die noch arbeiten müssen, die Möglichkeit geben, sich mit mir zu treffen. Dass man einfach ein bisschen mehr Zeit hat, ein bisschen relaxter ist und gut isst und trinkt, sich austauscht, Zeit hat, entspannt, in der dunklen Phase des Jahres in sich geht und zur Ruhe kommt.
Andrea L‘Arronge über Veränderungen in der Schauspielwelt: „Diskrepanz zwischen Jungen und Alten“
Gibt es noch etwas an Italien, das es in Deutschland nicht gibt – abgesehen vom Meer und den angenehmeren Temperaturen?
Ja, ich habe hier Geduld gelernt. Ich habe einen gewissen Fatalismus an den Tag gelegt, den ich zwar per se im Hinblick auf das Leben immer hatte, und – sagen wir mal – Krisenbewältigung, die wir jetzt in Deutschland langsam lernen müssen, weil sich die ganze Situation doch ein bisschen zum Negativen hinbewegt, um es jetzt mal vorsichtig auszudrücken. Die Geduld und die Entspanntheit, mit Krisen umzugehen, das habe ich hier gelernt.
Ich habe gelernt, dass schon alles irgendwie wird und dass man nicht ständig mit dem Kopf durch die Wand muss. Dass das auch auf eine friedliche Art und Weise geht, mit Leuten umzugehen – und nicht immer mit diesem Befehlston, den wir in Deutschland gern an den Tag legen, mit Handwerkern zum Beispiel, wenn nicht gleich alles funktioniert. Es ändert nichts an der Sache, es wird schon alles irgendwie. Es dauert nur seine Zeit, und das finde ich sehr entspannend.
Sie stehen seit fast 60 Jahren vor der Kamera. Wie hat sich die Schauspielerei über die Jahrzehnte verändert?
Natürlich enorm und das ist auch okay, weil sich die Zeiten immer wandeln. Wir werden immer Veränderungen haben und wer das nicht annehmen oder erkennen will, der tut sich schwer im Leben. Tatsache ist aber auch, dass man im Alter vielleicht sagt: Alles hat seine Zeit und du hast deine Zeit gehabt, weil du eine beständige Karriere erleben durftest. Jetzt haben sich die Gegebenheiten dahingehend verändert, dass du nicht mehr alles machen musst und dir ein bisschen aussuchen kannst, worauf du noch Lust hast. Tatsächlich ist es für mich etwas schwierig – aber sicherlich nicht nur für mich –, wenn jetzt junge Leute kommen und mir erklären wollen, wie Filmemachen geht. Das ist halt immer die Diskrepanz zwischen Jungen und Alten. Die sehe ich ganz entspannt, aber ich muss eben nicht mehr alles mitmachen.
Sie haben 20 Jahre die Gräfin Vera Schönberg in „SOKO Kitzbühel“ gespielt. Was bedeutet Ihnen diese Rolle im Rückblick?
Im Rückblick muss ich sagen, war sie ein Geschenk. Wir wollten damals alle eigentlich nicht so viele Serien drehen, sondern schöne Filme, und das ist uns auch zum Teil gelungen. Dann kam aber die Zeit, da gab es eigentlich fast nur noch Serien. Filme wurden wirklich sehr selten. Da habe ich zugegriffen, weil erstens in Kitzbühel gespielt wurde, wo wir sowieso schon eine Ferienwohnung hatten – mein Mann, meine Tochter und ich. Das war natürlich toll, weil ich es nie genossen habe, in Hotels zu wohnen. Ich hatte das Gefühl: Okay, da wohne ich wie zu Hause. Und ich kann ins Auto steigen und nach Hause fahren. Das war von daher ein Geschenk, vom Praktischen her. Dass sich das natürlich 20 Jahre hinzieht, damit hat kein Mensch gerechnet. Da hat sich was entwickelt, das war schön. Natürlich mal mehr und mal weniger, also eigentlich wie das richtige Leben. Die Beliebtheit beim Publikum war einfach enorm und das betrachte ich als Geschenk, dass so viele Leute das gern geschaut haben.
Was haben Sie in der dreijährigen Pause nach dem Ende von „SOKO Kitzbühel“ noch für sich entdeckt – neben Renovierung und Innenarchitektur?
Ich habe tatsächlich wieder angefangen zu schreiben und habe ein Buch geschrieben, das im März beim Westend Verlag erscheinen wird. Darin geht es darum, dass das Leben einfach nie zu Ende ist – und schon gar nicht, wenn wir ins Rentenalter kommen – sondern dass die Zeit für den Aufbruch und für Veränderung eigentlich immer da ist, ein Leben lang, bis wir in die Grube hüpfen. Da erzähle ich mein Leben und meine Erkenntnisse aus dem Ganzen und ich würde mich freuen, wenn das den einen oder anderen inspiriert. Das hat mich natürlich auch beansprucht und beansprucht mich immer noch. Wir sind jetzt im zweiten Lektorat und das ist ein völlig neues Kapitel in meinem Leben und ein sehr interessantes. Ich bin sehr gespannt, was da noch passiert.
Also es ist eine Autobiografie, kein Roman?
Ja.
Andrea L‘Arronge spricht offen über ihre Rente: „Mit der kann man nicht zufrieden sein“
Weil Sie es angeschnitten haben: Bekommen Sie eigentlich Rente oder waren Sie immer freiberuflich als Schauspielerin?
Wir Schauspieler sind ja immer für die Zeit der Dreharbeiten fest angestellt – das weiß nur keiner. Das Problem ist: Deswegen gibt es so viele Schauspieler, denen es wirklich schlecht geht. Wir werden nur für diese Zeit versichert. Das heißt, ein Schauspieler, der im Jahr 50 Drehtage hat – der ist ja schon richtig gut dabei, der dreht zwei große Filme oder drei –, der ist aber trotzdem nur für 50 Tage versichert. Wenn du das dein Leben lang machst, dann hast du halt ganz große Versicherungslücken und kriegst deswegen auch nur 500 Euro Rente.
Du hast aber dieselben Sozialabgaben anteilig abgedrückt wie eine mittelständische Angestellte, weil das ja anteilig geht. Wir verdienen also immer in kurzer Zeit sehr viel. Das ist leider die Krux in Deutschland. In anderen Ländern ist das anders – von Frankreich und England weiß ich, dass das aufs Jahr umgelegt wird bei Künstlern, weil klar ist, dass Schauspieler nicht 365 Tage im Jahr drehen. Das ist eine ziemliche Ungerechtigkeit und eine ziemliche Schweinerei. Genossenschaften versuchen seit Jahrzehnten, seit den 1970er-Jahren, da was zu unternehmen, aber scheitern immer.
Das heißt, Sie bekommen eine Rente und sind zufrieden damit?
Ich bekomme eine Rente, mit der kann man nicht zufrieden sein. Aber ich bekomme auch eine Rente aus Österreich und habe selbst in eine Pensionskasse einbezahlt. Wenn man das nicht macht, dann wird es dünn.
Sie waren auch als Unternehmerin aktiv mit der Naturkosmetikmarke Shanti. Warum gibt es die Marke nicht mehr?
Ich habe völlig unterschätzt, was Marketing und Vertrieb anbetrifft. Ich weiß jetzt aber, wie das geht: Ich hätte im Grunde einen Sponsor gebraucht. Wenn du nicht bereit bist, mindestens ein bis drei Millionen Euro anfänglich zu investieren – genau in diese Sparten Marketing und Vertrieb –, hast du eigentlich keine Chance. Wir haben das halt so ein bisschen handgestrickt gemacht über viele Jahre und 2018 habe ich dann beschlossen zu verkaufen, weil mich das einfach überfordert hat.
Aber wenn man die Erkenntnis hat, dann ist ja gut, oder?
Ja, ich bereue es auch nicht. Ich habe wahnsinnig viel gelernt dadurch. Ich mache nach wie vor meine Cremes, meine Öle, meine Tinkturen und meine Kräutersachen alle selbst, weil ich das eben aus dieser Zeit – auch von der Ayurveda-Ausbildung, die ich mal gemacht habe –mitgenommen habe. Insofern ist es schon was Tolles, denn man kann es immer wieder im täglichen Leben gebrauchen.
Sie haben mal gesagt: „Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, auch mal faul zu sein.“ Was bedeutet Entschleunigung für Sie?
Eben dieses schlechte Gewissen nicht mehr zu haben. Das habe ich hier in Italien gelernt: Dass die privaten Dinge vorgehen, die eben auch wichtig sind – wenn man sich nicht wohlfühlt oder wenn man einer Freundin helfen muss. Das geht hier so weit, dass der Arbeiter, wenn du auf ihn in der Früh um 8 Uhr wartest, fertig geduscht und angezogen, erst um 10:30 Uhr kommt. Und dann fragst du: „Wo warst du?“ Und dann sagt er: „Ja, die Mama hatte ein Problem, die musste ich zum Arzt fahren.“
Das war natürlich eine völlig neue Art der Entschleunigung, die ich hier lernen musste. Sagen wir mal: Das Mittelding aus beidem, also geschäftlich oder beruflich eine Disziplin an den Tag zu legen, weil andere Leute auf dich warten, und dann dennoch in der Zeit, die einem zur Verfügung steht, wirklich die Flügel total hängen lassen zu können – das habe ich hier gelernt und das finde ich auch schön.
Yoga, Bewegung und Ayurveda sind ja wichtige Bestandteile in Ihrem Leben. Wie halten Sie sich generell fit?
Ich koche selbst jeden Tag, ich mache Yoga und ich schaue auf meine Ausgeglichenheit in Form von Entschleunigung. Ich schaue einfach darauf, dass es mir innerlich gut geht.
Wird „Eine fast perfekte Bescherung“ der Auftakt für weitere Projekte sein, oder genießen Sie die Freiheit, selektiv zu sein zu können und an Ihrem Buch zu arbeiten? Kommt in absehbarer Zeit mehr von Andrea L’Arronge?
Ich bin tatsächlich wieder bereit. Das hat mir jetzt so viel Spaß gemacht – die Kollegen, die Produktion, der Regisseur, die Kamera, alle waren ein Traum. Ich wünsche mir mehr solche Projekte und vielleicht geht dieses Projekt ja auch weiter. Es ist zumindest im Gespräch, was ich gehört habe.
Verwendete Quellen: Ippen.Media-Interview mit Andrea L‘Arronge, zdf.de