„Eindruck, er leidet unter Verfolgungswahn“ - Wie häufig hinter Gewalttaten tatsächlich psychische Erkrankungen stecken

Am Samstag setzt ein 41-Jähriger in Essen zwei Wohngebäude in Brand und verletzt dabei 31 Menschen. Zwei Kinder schweben in Lebensgefahr. Danach fährt er mit einem Lieferwagen gegen zwei Lebensmittelgeschäfte. Sein Anwalt erklärt nach seiner Festnahme: „Ich habe den Eindruck, er leidet unter einem Verfolgungswahn“ und regt eine psychiatrische Untersuchung an.

Immer wieder fällt in Zusammenhang mit schweren Gewalttaten der Begriff „psychisch krank“ – meist unmittelbar nach der Tat. Sei es vonseiten der Polizei, den Anwälten der Täter oder von Hobbypsychologen aus den Sozialen Netzwerken. Über den Täter, seinen sozialen Hintergrund und sein Motiv ist oft noch kaum etwas bekannt, da rückt bereits sein psychischer Zustand in den Fokus.

ANZEIGE

Doch wie häufig steckt hinter solch schweren Gewalttaten tatsächlich eine psychische Erkrankung? Sind psychisch kranke Menschen gefährlicher als gesunde?

Wie viele psychisch Kranke begehen schwere Straftaten?

98 Prozent der Normalbevölkerung leben gewaltfrei, berichtet Bernhard Bogerts in einem Beitrag des „SWR“. Der Psychiater und Hirnforscher hat das Buch „Woher kommt Gewalt?“ geschrieben. Es gebe zu dem Thema „sehr umfangreiche, an Zehntausenden von Leuten durchgeführte Studien“. Nur zwei Prozent der Bevölkerung neigten also zu Gewalttaten. Betrachte man ausschließlich psychisch kranke Menschen, ist der Anteil höher: Hier sind es vier Prozent.

ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Die große Mehrheit der psychisch Kranken ist also ebenfalls nicht gewalttätig (96 Prozent). Trotzdem gibt es laut Bogerts unter den psychisch Erkrankten doppelt so viele Gewalttäter wie in der Normalbevölkerung. Eine Studie der Universität von Helsinki geht in Schweden sogar von einem drei bis vier Mal so hohen Risiko aus, dass psychisch Kranke Gewalttaten begehen.

Wie viele Täter sind psychisch krank?

Wichtig ist auch die umgekehrte Frage: Wie viele schwere Gewalttaten wurden von Menschen mit psychischen Erkrankungen verübt? Betrachtet man nur besonders schwere Verbrechen, also Mord und Totschlag, sei der Anteil von psychisch kranken Tätern „erheblich höher“, sagt Bogerts. „Da gibt es Schätzungen, die gehen von 50 bis 80 Prozent.“

ANZEIGE

US-Wissenschaftler hatten im Jahr 2021 die Fälle von 35 Amokläufern genauer untersucht, die drei oder mehr Menschen mit Schusswaffen getötet hatten. In allen 35 Fällen hatten die Täter überlebt und es lagen psychiatrische Gutachten vor.

28 der 35 Täter hatten eine psychiatrische Diagnose.

  • 18 Täter litten an Schizophrenie
  • drei Täter litten an einer Bipolar I-Störung (Betroffene leiden an einem Wechsel aus depressiven und euphorischen Phasen, die Erkrankung kann auch Wahnvorstellungen hervorrufen. Bei einer Bipolar II-Störung sind die krankhaft euphorischen Phasen schwächer.)
  • zwei Täter litten an Verfolgungswahn
  • ein Täter litt an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung
  • ein Täter litt an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung
  • ein Täter litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung

Nur vier galten als psychisch gesund. In drei Fällen lagen zu wenig Informationen vor, um eine Diagnose stellen zu können. Zwei weitere Täter litten an substanzbezogenen Störungen ohne andere psychiatrische Diagnosen.

ANZEIGE
ANZEIGE

Die Studienautoren betonen: „Keiner derjenigen, bei denen eine psychiatrische Krankheit diagnostiziert wurde, wurde mit Medikamenten behandelt.“

Symptome psychischer Erkrankungen unterscheiden sich stark

Wie sich psychische Erkrankungen äußern und wann sie eine gewisse Gewaltbereitschaft fördern, unterscheidet je nach Krankheitsbild stark. So geht von vielen psychischen Erkrankungen überhaupt keine erhöhte Gefahr aus. Dazu zählen etwa Depressionen.

ANZEIGE

Aggressionen gegenüber anderen Menschen seien kein typisches Merkmal einer Depression, erklärt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, gegenüber FOCUS online. Im Gegenteil: Betroffene quälten sich häufig mit Schuldgefühlen. Das sei ein klassisches Symptom einer Depression. Dass solche Schuldgefühle in Aggression gegen Mitmenschen umschwenken, hält Hegerl für ausgeschlossen.

ANZEIGE

 „Nicht jeder psychotische Mensch hat Gewaltfantasien“

Störungen, von denen dagegen eine erhöhte Gewaltbereitschaft ausgehen kann, sind dagegen

  • Wahnerkrankungen wie Schizophrenie
  • Psychopathie

Letztere ist verbunden mit einer starken Skrupellosigkeit. Betroffenen fehlt die Fähigkeit zur Empathie. Zudem sind sie häufig narzisstisch veranlagt, was ihre Kritikfähigkeit mindert und Aggressivitätspotenzial birgt. Narzissmus allein macht einen Menschen nicht zum Gewalttäter. Bei Psychopathen kann diese Neigung allerdings dazu führen, dass eine kleine Kränkung, etwa der unbedachte Kommentar eines Mitschülers oder Kollegen, große Wut auslöst und in einer Gewalttat gipfelt, die in keinem Verhältnis zum Auslöser steht.

ANZEIGE
ANZEIGE

„Ein Drittel der erwachsenen Amokläufer leidet an einer Psychose, an einer Schizophrenie“, sagt Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen, im „SWR“-Interview. Ein Mensch mit Schizophrenie sei „in der Statistik sieben bis acht Mal gefährlicher als ein Mensch, der keine Psychose hat“, sagt die Expertin. 

Das Risiko für ein schweres Gewaltdelikt sei umso höher, wenn Betroffene der beiden genannten Kategorien obendrein Medikamente oder Alkohol missbrauchen, etwa um ihren Wahn zu dämpfen. „Das machen sehr viele Schizophrene, dann steigt das Risiko um das 14-Fache, ein schweres Gewaltdelikt zu begehen“, so Bannenberg.

ANZEIGE

Dennoch warnt auch sie vor Pauschalisierungen: „Nicht jeder psychotische Mensch, nicht jeder schizophrene Mensch hat Gewalt- und Tötungsfantasien.“

Wer stellt die These „psychisch krank“ auf?

Wichtig ist auch zu differenzieren, wer in der öffentlichen Debatte einen Täter als psychisch krank bezeichnet. Ist es ein psychiatrischer Gutachter, der nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Täter zu einer Einschätzung gekommen ist? Oder wie im Fall des Täters aus Essen der Anwalt, der mit entsprechenden Aussagen möglicherweise eine Strafmilderung für seinen Mandanten bezweckt?

ANZEIGE

„Bei einer akuten Schizophrenie ist es mehrheitlich so, dass [Täter] vermindert schuldfähig sind, gegebenenfalls auch schuldunfähig“, erklärt die Psychiaterin Nahlah Saimeh gegenüber dem „SWR“. Bei Persönlichkeitsstörungen sei das in der Regel nicht der Fall. „Bei Persönlichkeitsstörungen ist es so, dass sie ganz überwiegend sogar voll schuldfähig sind.“