Ende einer Ära in Starnberg: Pommersche Landmannschaft löst sich auf

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Das letzte Gruppenfoto: Die Kreisgruppe Starnberg der Pommerschen Landsmannschaft mit ihrer Vorsitzenden Rosmarie Becker (Mitte) und Ehrenmitglied Altlandrat Karl Roth (r.) kürzlich beim Treffen im Starnberg. © Privat

Fast 75 Jahre nach ihrer Gründung hat sich die Kreisgruppe Starnberg der Pommerschen Landsmannschaft aufgelöst. Zuletzt zählte sie nur noch ein gutes Dutzend Mitglieder. Damit verblassen auch die Erinnerungen an die alte Heimat immer stärker.

Starnberg – Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren verloren nach Schätzungen von Historikern etwa zwölf bis 14 Millionen Deutsche ihre Heimat. Sie waren gezwungen, ihre Dörfer und Städte in Ostpreußen, Pommern, Schlesien oder dem Sudetenland zu verlassen, und mussten sich auf eine ungewisse Reise nach Westen machen. Eine von ihnen ist Rosmarie Becker, geboren am 9. Januar 1930 in Kolberg in Westpommern. Seit 1964 lebt sie in Starnberg, bis vor Kurzem war sie Vorsitzende der hiesigen Kreisgruppe der Pommerschen Landsmannschaft. Anlässlich ihres 95. Geburtstages hat sie das Amt jedoch aufgegeben, woraufhin sich die Gruppe aufgelöst hat. Damit endet eine 73 Jahre dauernde Geschichte, in der die Landsmannschaft für viele Heimatvertriebene ein Ort des Zusammenhalts, des Austauschs und des gemeinsamen Erinnerns war. Ein Essen im Wirthaus im Tutzinger Hof bildete den Schlusspunkt.

„Eine Fortführung der Gruppe mit regelmäßigen Treffen ist nicht mehr gegeben“, schildert Barbara Rehfuess aus Pöcking, die bis zuletzt Schriftführerin der Kreisgruppe war. Nur noch rund ein Dutzend Mitglieder zählte die Gruppe zum Schluss, vor gut 20 Jahren waren es noch etwa 80 Personen gewesen, die sich regelmäßig trafen. Treibende Kraft mit einer aktiven Amtszeit von mehr als 50 Jahren sei Arnold Birk gewesen, berichtet Barbara Rehfuess. Das „Sisi-Zimmer“ im Hotel Bayerischer Hof sei der Treffpunkt gewesen. „Dort hatten wir viele Jahre lang monatliche Treffen, um heimatliche Atmosphäre zu spüren und Erinnerungen auszutauschen.“ Zum Schluss seien stets geliebte Heimatlieder und die Bayernhymne gesungen worden. „Auch viele Kulturveranstaltungen, Busreisen, Wanderungen, Vorträge und Tagungen wurden durchgeführt“, so Rehfuess. Höhepunkt in der Geschichte der Kreisgruppe sei die Feier zum 50-jährigen Bestehen im Mai 2002 in der Schlossberghalle gewesen, an der Otto von Habsburg als Festredner teilgenommen habe.

Rosmarie Becker mit ihrer Zwillingsschwester Bärbel und den Eltern Anfang der 1930er-Jahre in Degow, dem heutigen Dygowo. Das Foto entstammt dem 2024 erschienenen Buch „Ungehört – Die Geschichte der Frauen: Flucht, Vertreibung, Integration“.
Rosmarie Becker mit ihrer Zwillingsschwester Bärbel und den Eltern Anfang der 1930er-Jahre in Degow, dem heutigen Dygowo. Das Foto entstammt dem 2024 erschienenen Buch „Ungehört – Die Geschichte der Frauen: Flucht, Vertreibung, Integration“. © Volk Verlag

„,Alte Heimat – neue Heimat‘ war stets Leitmotiv der Pommern-Vertriebenen, die sich als Brückenbauer zwischen den Nationen verstanden“, betont Barbara Rehfuess. Sie wisse, dass den Vertriebenenverbänden sehr lange der Ruf des Revanchismus angehaftet habe. „Aber längst war doch der Verzicht auf die deutschen Ostgebiete unabänderlich beschlossen. Viele Vertriebenenorganisationen bemühen sich bis heute mit viel Einsatz und in Zusammenarbeit zum Beispiel mit Polen und Tschechien, in unseren ehemaligen Ostgebieten deutsche Kultur und Geschichte zu pflegen und zu erhalten.“ Das sei auch ein dringendes Anliegen von Ernst Schroeder, bis zuletzt stellvertretender Vorsitzender der Starnberger Kreisgruppe und ehemaliger Landesvorsitzender der Pommern in Bayern. Ihm sei es besonders wichtig, die Verbindung mit der Heimat seiner Väter nicht abreißen zu lassen.

Diese Verbindung dokumentieren auch die Lebensgeschichten der Vertriebenen, wie jene von Rosmarie Becker. Ihr Vater war Arzt mit eigener Praxis, ihre Mutter arbeitete dort als medizinisch-technische Assistentin. Das Paar hatte vier Kinder und lebte in Degow ein paar Kilometer von Kolberg entfernt. Im März 1945 nahm die Rote Armee den Ort ein. „Für die 15-jährige Rosmarie und ihre Zwillingsschwester begann eine harte Zeit, denn sie wurden täglich von Soldaten der Roten Armee zu schwerer Arbeit verpflichtet. Ihr Elternhaus wurde enteignet, dort wohnte jetzt der polnische Bürgermeister“, ist in dem Buch „Ungehört – Die Geschichte der Frauen: Flucht, Vertreibung, Integration“ nachzulesen, das im vergangenen Jahr im Volk Verlag erschienen und für 20 Euro erhältlich ist. Im November 1946 wurde die Familie in einem Viehwaggon in die damalige sowjetische Besatzungszone transportiert.

Die fünfköpfige Familie von Barbara Rehfuess (84) war bereits im Mai 1946 aus Pommern vertrieben worden und landete zunächst in Schleswig-Holstein. „Wir bekamen ein kleines Zimmer abseits vom Dorf, Wasser aus einer Pumpe, ohne Strom, ohne Heizung, in einem Haus mit zusätzlich sieben Personen, mit einem kleinen Herd in einer kleinen Küche. Es war erbärmlich. Wir waren bettelarm, aber wir hatten überlebt.“ Bis heute wühlten sie die Erinnerungen an diese Zeit auf – ein Gefühl, das viele Heimatvertriebene nur zu gut kennen.

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