EU-Staaten erarbeiten einen Notfallplan gegen Trump-Drohungen. Wadephul trifft heute Barrot und Sikorski in Paris. Grönland steht auf der Agenda.
Brüssel/Washington, D.C. – Mehrere EU-Staaten erarbeiten derzeit einen Notfallplan für den Umgang mit US-Drohungen gegen Grönland. Am Mittwochmorgen (7. Januar) erklärte Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot, dass Paris gemeinsam mit Partnern an einem entsprechenden Konzept arbeite. Bei der heutigen Zusammenkunft des sogenannten „Weimarer Dreiecks“ in der französischen Hauptstadt, die primär dem Ukraine-Krieg gewidmet ist, wird die Grönland-Frage ebenfalls zur Sprache kommen. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) trifft dabei auf seine Amtskollegen Barrot und Radosław Sikorski aus Polen.
Seit das Weiße Haus einen Militäreinsatz ausdrücklich nicht ausschließt und US-Außenminister Marco Rubio Berichten zufolge von einem Kauf der Arktisinsel spricht, ist die Bevölkerung Grönlands besorgt. „Die letzten Tage waren sehr, sehr schwierig - und emotional aufwühlend“, sagte die Grönländerin Pitsi Karolussen dem dänischen Fernsehen in Nuuk. Viele ihrer Landsleute machten sich Gedanken um die Zukunft. Eine Zugehörigkeit zu den USA lehnt die Mehrheit der Grönländer entschieden ab. „Ich will nicht Amerikaner sein. Ich bin Grönländer mit einer Verbindung zu Dänemark, und das ist völlig in Ordnung so“, erklärte Erik Kuitse aus Nuuk. Das Verhältnis zu Kopenhagen mag kompliziert sein, doch eine amerikanische Übernahme wird zurückgewiesen.
Paris strebt abgestimmte europäische Antwort an: Reaktion auf Trump-Drohungen geplant
Paris strebt eine abgestimmte europäische Antwort auf Washingtons jüngste Schritte an. Gegenüber dem Radiosender France Inter kündigte Barrot an, nicht im Alleingang zu handeln: „Wir wollen Maßnahmen ergreifen, aber wir wollen dies gemeinsam mit unseren europäischen Partnern tun.“ Konkret gehe es um eine Reaktion auf die Ende Dezember verhängten Einreiseverbote für mehrere Europäer, darunter die Leitung der deutschen NGO Hateaid. Barrot sprach auch von „Einschüchterungsversuchen“ der USA und signalisierte damit eine härtere Linie gegenüber Washington.
Für unrealistisch hält der französische Außenminister allerdings Spekulationen über eine gewaltsame US-Annexion Grönlands. Eine solche Aktion bezeichnete er als „Fiktion“ – innerhalb der NATO würden Mitgliedstaaten nicht militärisch gegeneinander vorgehen. Nach einem Gespräch mit Rubio sei er überzeugt, dass es zu keiner Militäroperation komme. Der US-Außenminister habe „ausgeschlossen, dass sich in Grönland das wiederholen könnte, was gerade in Venezuela passiert ist“, so Barrot.
Drei Optionen für US-Einmischung zeichnen sich ab: Wirtschaftsdruck am leichtesten umsetzbar
Nachdrücklich bekräftigte er die Position, die Emmanuel Macron während seines Besuchs auf der Arktisinsel im Juni formuliert hatte. Grönland stehe „nicht zum Verkauf“. Die Insel sei „europäisches Territorium und das bleibt es auch“. Damit unterstreicht Paris seinen Willen, Dänemarks territoriale Integrität und europäische Souveränität zu verteidigen. Ob sich wirtschaftliche oder politische Übernahmeversuche der USA abwehren lassen, bleibt allerdings offen.
Drei Optionen für verstärkte US-Einmischung in Grönland zeichnen sich derzeit ab, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Am einfachsten umsetzbar wäre wirtschaftlicher Druck auf Kopenhagen und Brüssel. Washington könnte Importzölle erhöhen und damit dänische Konzerne wie Lego oder den Pharmakonzern Novo Nordisk treffen, der mit seiner Diätspritze Ozempic in den Vereinigten Staaten einen wichtigen Absatzmarkt besitzt. Die Online-Geostrategie-Beratung Wikistrat halte auch einen auf Jahrzehnte befristeten Leihvertrag für denkbar. Grönland bliebe selbstverwaltet, müsste jedoch wirtschaftliche Erträge abtreten – ähnlich dem Abkommen, das Großbritannien bis 1997 Kontrolle über Hongkong sicherte.
Ausbau der Grönland-Basis würde Moskau provozieren: Derzeit nur 150 Einsatzkräfte stationiert
Geostrategisch heikler wäre ein erheblicher Ausbau der bestehenden Militärpräsenz. Die seit 1951 existierende Basis, einst „Thule Air Base“, heute „Pitufik Space Base“ genannt, beherbergt gegenwärtig lediglich 150 Einsatzkräfte. Stationiert sind dort Einheiten der Weltraum-Streitkräfte, Truppen zur Verteidigung des nordamerikanischen Luftraums sowie ein Raketenfrühwarnsystem. Wegen der strategischen Lage ist die Anlage zentral für Washingtons Arktis-Strategie. Eine deutliche Verstärkung könnte jedoch Moskau und Peking provozieren. Beide Mächte dürften nicht tatenlos zusehen, sollten die USA offen größeren Anspruch auf die Arktis erheben.
Am extremsten wäre ein offen erklärter Angriff und die militärische Besetzung der Insel. Zwei NATO-Partner stünden sich dann in einem Krieg gegenüber, obwohl das Bündnis die gemeinsame Verteidigung aller Mitglieder vorsieht. Obwohl die Folgen für die internationale Ordnung kaum absehbar sind, droht Trumps Team gerne mit einer solchen Option. Doch alle Szenarien bergen erhebliche Risiken für Washington und könnten eine gefährliche Eskalation in der Arktisregion auslösen.
Deutschland koordiniert mit Europa und Dänemark: Führungsspitzen stellen sich hinter Grönland
Hinter Grönland gestellt haben sich diese Woche die Staats- und Regierungschefs der großen europäischen Mächte und Kanadas. Die arktische Insel gehöre ihrem Volk, erklärten sie. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es laut Reuters, dass die Bundesregierung „eng mit anderen europäischen Ländern und Dänemark bei den nächsten Schritten in Bezug auf Grönland zusammenarbeitet“. Auch in Paris, wo Wadephul heute mit Barrot und Sikorski zusammenkommt, steht das Grönland-Thema auf der Agenda. (Quellen: dpa, France Inter, Reuters, RND) (tpn)