Was macht man, wenn die eigene Psyche in Scherben liegt? Man macht einen Beruf daraus. So befeuert Sigi Zimmerschied in seinem Programm „Kein Thema – Eine deutsche Antwort“ im Waitzinger Keller in Miesbach als Coach und fataler Verführer den Verfall im Land.
Eine Wampe, keine Haare auf dem Kopf, dazu eine kaputte Festplatte nach dem Schlaganfall: „Mi nimmt koana mehr.“ Also gibt Sigi Zimmerschied in der Rolle von Heini Himmerl Lebenshilfe als „Coacher“. Und diverse Tabletten helfen zu stabilisieren, „wenn’s überschießt“ mit der eigenen bipolaren Störung.
Himmerl berät seine Klienten via Telefon und Headset, will sie in ihren Notlagen ermutigen, indem er ihre Schwächen aus dem Bauch heraus starkredet, ihr Scheitern glorifiziert und sie zum Untergang verführt. Sein Narzisten-Credo für sie: „Ich bin stark! Ich bin schön! Ich bin der Nabel der Welt!“
Das Publikum beschreitet mit dem selbstmordgefährdeten Zeiserl, dem erfolglosen Schauspieler Sonneberg, dem im Unfragetief hängenden SPD-Abgeordneten Mösl, der gender-übersexualisierten Intendantin Swantje und dem Rechtspopulisten Warmduschinger den Weg zur Eskalation. Schlaglichtartig reihen sich in diesem Ein-Mann-Theater die Beratungsgespräche aneinander, immer wieder unterbrochen von Telefonaten mit der Mutter und Zwiesprache mit dem toten Vater. Ein schizophrenes Durcheinander, das kaleidoskopartig die Seelenscherben der Hilfesuchenden immer mehr mit denen des Coachers vermengt.
Wer erwartet, dass sich Zimmerschied der skurrilen Komik bedient, wie man sie aus seiner Rolle als Dienststellenleiter Moratschek in den Eberhofer-Krimis kennt, wird bitter enttäuscht. Auch die leise Nachdenklichkeit aus der TV-Serie „Hubert und Staller“ lässt er solo vermissen.
Natürlich hat Zimmerschied urige Komik, eine unvergleichliche Mimik, virtuose Stimmgewalt, perfektes Timing. Der Mann hat mit seinen 72 Jahren, davon bald 50 auf der Bühne, alles, um im traditionellen Kabarett zu brillieren. Aber er mag nicht. Er erzählt lieber eine depressive, zerstörerische Geschichte, treibt sie auf die Spitze und fordert sein Publikum, auf alle Ebenen mitzugehen. Ohne etwas versöhnlich Verbindendes. Man muss den derb-obszönen Zynismus aushalten.
So bringt er seine kammerspielartige Innenansicht verletzter Seelen auf die Bühne. Der Coacher selbst etwa, vom Vater fürs Leben fitgeschunden, von der Mutter einst dem Vater ungeschützt überlassen und heute gemaßregelt. Die beste Basis also, um nun selbst von einem Unbekannten im Hintergrund instrumentalisiert zu werden, die Klienten in den Untergang zu coachen.
„Der Mensch ist die Krebszelle der Schöpfung“, sagt er dem Politiker und ermutigt ihn, seinen Beliebtheitswert mit aberwitzigen Parolen auf Null zu senken. „Um über den Menschen zu schweben, genügt manchmal ein Strick“, raunt er dem Selbstmordkandidaten zu. Und dem Rechtspopulisten rät er zur Bewegungslosigkeit, „denn in einer Rückschrittspartei ist der, der stehen bleibt, die Avantgarde“. Verführung als Antwort auf die Suche nach einfachen Antworten.
Ob das Stück dem Publikum gefallen hat? Es wurde gelacht, es wurde applaudiert. Komplexe Kost, meisterlich inszeniert. Was man mitnehmen kann? Vielleicht das: Jeder ist verantwortlich. Der Handelnde und erst recht der Anstifter.