Beinahe wäre die historische Echelsbacher-Brücke 90 Jahre alt geworden. Die „Golden Gate Bridge vom Oberland“ – wie sie Alexander Dobrindt einmal nannte – war schon bei ihrem Bau in den Jahren 1928 und 1929 eine technische Sensation, aber ab Juli 2018 musste die betagte Konstruktion mit ihrem Teilabriss einem Neubau weichen.
Bad Bayersoien/ Rottenbuch - Am 9. Januar 1906 war der Weilheimer Lohnkutscher Anton Vollmeier mit seinem Zweispänner auf der Straße von Schongau nach Oberammergau unterwegs. In einer Senke bei Echelsbach rutschten beide Pferde weg. Es entstand ein enormer Sachschaden. Die Zeitung kommentierte: „Der Unfall ist nur der abnormen Steigung der Ammerschlucht zuzuschreiben. Es ist ein Wunder zu nennen, dass sich nicht mehr Unfälle dort ereignen.“
Die in der Presse geforderte „Verbesserung der Verhältnisse an dieser wohl größten Steigung in Bayern“ dauerte allerdings noch mehr als zwei Jahrzehnte.
Enorme Wichtigkeit für Handel
Schon zur Zeit Kaiser Ludwig des Bayern im 14. Jahrhundert gab es eine Verbindung von der Via Claudia im Lechtal zur Brennerstraße im Loisachtal. Die schwierigste Passage dieser Route führte bei Bayersoien-Echelsbach durch die Ammerschlucht. Die engen Kehren des, durch 20 Prozent Steigung extrem steilen und sehr schmalen Pfades, waren bei Regen oft wochenlang unpassierbar.
Die Bedeutung dieser Straße wuchs mit dem Aufstieg Augsburgs zur Welthandelsstadt. Im 15. Jahrhundert teilten sich in Schongau zwölf und im Ammertal neun Rottleute die Speditionsrechte. Das sogenannte Rotthaus zum Zwischenlagern der Waren stand in Echelsbach. Im 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Überlegungen, die Gefahrenstelle auf zehn Prozent zu verringern; etwa 1890 durch eine Betonbrücke.
Zur Jahrhundertwende sollte es eine Eisenfachwerkbrücke sein. Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg passierte nichts, dann lag der verwegenste Plan auf dem Tisch. Zur Nutzung der Wasserkraft sollte eine 67 Meter hohe Mauer die Ammer aufstauen. Auf der Mauerkrone würde die Straße geführt. Der Stausee hätte im Süden bis zu den Schleierfällen bei Saulgrub gereicht. Der Krieg schwemmte alle Visionen weg.
Wie bei vielen anderen Projekten im Ammertal mussten die Passionsspiele das Problem lösen – dieses Mal jene von 1930. Es war notwendig geworden, den Autoverkehr durch das Ammertal zu verbessern. Am 22. Dezember 1924 entschieden sich die Anliegergemeinden für eine Hochbrücke. Den Zuschlag für den Bau bekam die Münchener Firma Hochtief mit den Planern des Ingenieurbüros ‚Streck & Zenns‘, sowie dem Architekten Wilhelm Kahrs.
Meisterleistung der Technik
Die Arbeiten begannen am 8. November 1928 mit der ersten Detonation von insgesamt 4.712 Sprengungen. Die Brücke mit einer Spannweite von 130 Metern und einer Bogenhöhe von 32 Metern soll den Talgrund in einer Höhe von 76 Metern überspannen. Für die gewaltige Konstruktion wurde das System des böhmischen Ingenieurs Joseph Melan gewählt und von dem Münchener Professor Heinrich Spangenberg auf die Anforderungen der Echelsbacher-Brücke optimiert:
Den Stahlgerüstbogen von Joseph Melan ließ Spangenberg mit Kies stabilisieren und Zentimeter für Zentimeter über die Schlucht schieben. Das funktionierte so genau, dass beim Bogenschluss der West- und der Ostteil der Straße lediglich zwei Zentimeter auseinander klafften. Öldruckpressen drückten die Fahrbahn-Lastträger zusammen. Ein wahrer Rekord: Bereits 422 Tage nach Baubeginn rollte der Verkehr über die damals weltweit längste Melan-Bogenbrücke!
Zwischen 70 und 100 Männer waren mit den Bau beschäftigt. Es wurden 3.000 Kubikmeter Fels ausgehoben und 850 Kilogramm Sprengstoff verbraucht. An Beton wurden 3.200 Kubikmeter verarbeitet und 500 Tonnen Eisen. Schmiede fertigten 87.000 Nieten direkt an der Baustelle.
Ingenieurpreise für Jahrhundert-Projekt
Heute steht ein Neubau, der die beiden Denkmal geschützten Melan-Bögen als Fledermaus-Behausungen einbezieht, ihnen aber keine tragende Funktion zugesteht. Alte und neue Brücke sehen sich zum verwechseln ähnlich; Laien erkennen keinen Unterschied.
Die Ansprüche an den Brückenbau waren groß, sagte Michael Kordon vom Staatlichen Bauamt Weilheim bei der Vorstellung der Pläne. Es mussten Belange des Naturschutzes, des Artenschutzes, und des Denkmalschutzes berücksichtigt werden.
Das größte Problem: Wie kann man verhindern, dass während der mehrjährigen Bauzeit der Landkreis Garmisch-Partenkirchen von der direkten Verbindung nach Augsburg und ins Allgäu abgeschnitten wird? Es brauchte eine Behelfsbrücke über die Ammerschlucht; die 2017 aufgestellt wurde.
Im Juli 2018 begann der Bau der neuen Echelsbacher Brücke, die am 28. November 2021 fertig war. Das Jahrhundert-Projekt ist in den Augen von Fachleuten so gelungen, dass bereits 2017 die Entwurfsplanungen den ‚Deutschen Ingenieurpreis‘ bekamen, und im Januar 2025 mit dem dritten Platz des ‚Bayerischen Ingenieurpreis‘ gewürdigt wurde.
Mit dem Kreisbote-Newsletter täglich zum Feierabend oder mit der neuen „Kreisbote“-App immer aktuell über die wichtigsten Geschichten informiert.