Eine Tradition in Osnabrück geht fast 400 Jahre zurück. Heute erinnern Kinder auf ihren Steckenpferden an ein geschichtsträchtiges Ereignis.
Osnabrück – Viele Städte haben ihre ganz eigenen Festumzugs-Traditionen, die entweder Kopfschütteln oder einen Touristenansturm zur Folge haben. In spanischen Buñol etwa wird bei der „Tomatina“ die ganze Stadt zu einer einzigen Tomatensoße. Ebenfalls in Spanien steigt der berühmte Stierlauf in Pamplona, bei der regelmäßig Tiere und Mitläufer zu Tode kommen.
Und, etwas weniger dramatisch, aber weiter verbreitet: Am 11. November ziehen in Deutschland die Kinder mit den Laternen beim St.-Martins-Umzug durch die Straßen. In Osnabrück jedoch gibt es einen Umzug wie nirgendwo sonst: Hier sind Kinder auf Holzpferden unterwegs. Auch Wolle oder alte Socken werden als Materialien genutzt.
Ursprung des Steckenpferdreitens in Osnabrück geht bis ins Jahr 1648 zurück
Am 24. Oktober um 17 Uhr war es wieder so weit: Etwa 1400 Grundschüler aus Osnabrück bestiegen ihre selbstgebastelten Holzpferde und machten sich auf den Weg durch die Stadt. Vom Schulhof der Domschule aus waren sie unterwegs. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) eröffnete das Treiben. Doch wie kam es überhaupt zu dem ungewöhnlichen Holzpferdelauf, der in dieser Form seit 1948 besteht?
Die Tradition dahinter geht sogar noch weiter zurück, bis ins Jahr 1648 – ebenfalls am 24. Oktober. Damals verkündeten die Großmächte Europas auf der Treppe des Osnabrücker Rathauses den Westfälischen Frieden, der dem Dreißigjährigen Krieg endlich ein Ende setzte. An genau dieses Ereignis erinnern die Kinder mit ihren Holzpferden, denn die niedersächsische Stadt gilt seitdem als Friedensstadt.
Osnabrücker Steckenpferdreiten: Ein Zeichen für den Frieden
Der Osnabrücker Umzug setzt ein „spielerisches Zeichen für Toleranz und friedliches Zusammenleben“, heißt es auf der Website der Stadt. Sie singen das „Steckenpferdlied“, in dem es heißt: „Wir Reiter zieh‘n durch Osnabrück.“ Mit bunten Hüten ziehen die Kinder zur geschichtsträchtigen Rathaustreppe, wo sie von der Stadtherrin eine süße Brezel erhalten. Dann gibt es sogar noch ein Feuerwerk.
Der Dreißigjährige Krieg war ein Konflikt um die Hegemonie in Mitteleuropa. Unmittelbarer Auslöser war der „Prager Fenstersturz“ im Jahr 1618. Auf der einen Seite standen das Heilige Römische Reich, Spanien, die Katholische Liga und Bayern, auf der anderen das Königreich Böhmen, die Kurpfalz, Savoyen, Dänemark, Schweden, Sachsen, der Heilbronner Bund, Frankreich und Hessen-Kassel. Der Krieg forderte zwischen 3,5 und 6,5 Millionen Opfer.
Die Rathäuser von Osnabrück und Münster, wo gleichzeitig ebenfalls ein Friendensschluss unterzeichnet wurde, zeichnete die EU-Kommission 2015 ob ihrer historischen Bedeutung mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel aus. Eine sogar noch ältere Tradition gibt es indes in einer anderen niedersächsischen Stadt – einen 500 Jahre alten Weihnachtsmarkt. In einem Kloster in Niedersachsen wird dagegen seit 1682 ein besonderes Produkt hergestellt.(cgsc)