Die Rechnung von Nagelsmanns Eiertanz zahlen Baumann und Neuer

Das ist die Bühne, auf die Julian Nagelsmann seinen Rückkehrer schickt. Und es ist eine Bühne, die der Bundestrainer aus Feigheit so gebaut hat.

Acht Monate lang hat Nagelsmann nicht entschieden. Acht Monate „die Tür ist offen", acht Monate öffentliches Eiertanzen vor einer Frage, die ein Bundestrainer im Januar beantwortet, nicht drei Wochen vor dem Anpfiff. Was wir gerade erleben, ist kein mutiger Wechsel. Es ist die Rechnung für ein halbes Jahr vermiedener Klarheit. Und die zahlt nicht Nagelsmann. Sie zahlen zwei Torhüter.

Ich arbeite seit Jahren mit Profisportlern. Ich sage Ihnen, was in diesem Mann jetzt passiert – auch wenn er nach außen lächelt und vom Team spricht. Innen läuft ein Bohrer, den niemand stoppt:

Was war die Qualifikation dann wert? Wenn ich es jetzt nicht war – wann dann? Bin ich überhaupt jemand, dem man vertraut?

Einer meiner Klienten, langjähriger Bundesliga-Profi, saß vor einiger Zeit nach einer fast identischen Geschichte in meinem Coaching-Raum. Er sagte einen Satz, den ich seitdem nicht losgeworden bin: „Ich habe acht Jahre alles für dieses Trikot gegeben. Sie haben es mir in vierzig Sekunden ausgezogen."

Der Mann hat danach noch Bundesliga gespielt. Aber er hat nicht mehr gespielt. Wenn Sie wissen, was ich meine.

Dirk Schmidt, bekannt durch TV-Auftritte und gefragt als Coach, ist Autor und Motivationstrainer. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle

Bei der WM spielt Neuer mit der brutalsten Form von Druck

Und dann ist da Manuel Neuer. Er kehrt nicht in ein leeres Tor zurück. Er kehrt in ein Tor zurück, aus dem ein anderer noch warm herausgehoben wurde. Er trägt im Sommer kein Trikot. Er trägt eine Geschichte. Und diese Geschichte ist mental ein Bleigewicht.

Ab dem ersten Spiel gilt für Neuer eine Bedingung, unter der Baumann nie spielen musste: Beweislast. Jeder gehaltene Ball muss eine Antwort sein. Jeder Patzer öffnet nicht nur den Patzer – er öffnet die ganze Personalie. Mit 40 Jahren, nach einer Saison mit Wadenproblemen. Das ist die brutalste Form von Druck, die ein Sportler kennt. Nicht der Druck, gut zu sein. Der Druck, jedes Mal recht zu haben.

Statt Rückenwind stellt Nagelsmann Neuer unter zusätzliche Beweislast

Sie wissen, wovon ich rede. Sie haben einen Bereichsleiter befördert, weil der Vorgänger müde wirkte. Drei Monate später wundern Sie sich, warum der Neue jedes Meeting mit einer Rechtfertigung beginnt. Die Antwort sitzt nicht in seinem Kalender. Sie sitzt in der Geschichte, mit der Sie ihn auf den Stuhl gesetzt haben. Sie haben ihn nicht befördert. Sie haben ihn unter Beweislast gestellt.

Genau das hat Nagelsmann seinem Rückkehrer mitgegeben. Kein Vertrauen. Eine Hypothek, die im ersten Achtelfinale fällig wird. Das Schlimmste daran: Es war vermeidbar. Hätte Nagelsmann sich im Januar entschieden, wäre einer der beiden mit Rückenwind ins Turnier gegangen. Stattdessen geht jetzt einer mit Beweislast hinein – und der andere mit der Wasserflasche.

Gewonnen wird im Kopf. Verloren auch. Und manchmal verloren, bevor der erste Ball gerollt ist. Vierzig Sekunden. In dieser Zeit kann man einem Mann das Hemd ausziehen, für das er acht Jahre gerannt ist. 

Sechs Wochen wird Manuel Neuer dieses Hemd bei der WM bestenfallls tragen müssen, ohne darunter zu ersticken. Bei aller Größe dieses Torwarts: Ich glaube nicht, dass Nagelsmann ihm das schuldig sein durfte.

  • Bildquelle: Dirk Schmidt
    Bildquelle: Dirk Schmidt

    Buchempfehlung (Anzeige)

    "Wenn Sie wüssten, was Sie können" von Dirk Schmidt.

    Zum Buch