Spaghetti sind Deutschlands Lieblingsnudel – aber ausgerechnet für viele Soßen die schlechteste Wahl

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In deutschen Küchen gelten Spaghetti als italienischer Klassiker. Doch gerade bei deutschen Fleisch‑ und Sahnesoßen scheitert die Nudelform physikalisch.

Ein Topf auf dem Herd, Spaghetti im Wasser, die Bolognese blubbert daneben. Ein Bild aus Millionen deutscher Küchen. Klingt klassisch italienisch, ist es aber nicht: Denn ausgerechnet bei Spaghetti Bolognese, dem wohl meistgekochten Pastagericht hierzulande, scheitert die Kombination an der Physik: Die Soße rutscht ab, das Hackfleisch landet auf dem Tellerboden, und am Ende isst man Nudeln und Soße getrennt statt vereint. Der Grund ist simpel und hat mit einem Fertiggericht aus den 60er-Jahren zu tun, das eine ganze Generation falsch geprägt hat.

Ein Mädchen ist Spaghetti.
Viele kennen Pasta seit ihrer Kindheit so: Spaghetti und Tomatensoße (Symbolbild). © IMAGO/Dreamstime/Armonn

Deutschland importierte 2024 rund 404.100 Tonnen Pasta aus Italien, das sind 86 Prozent aller Nudeln im Supermarktregal. Spaghetti führen das Ranking unangefochten an, gefolgt von Penne und Fusilli. Parallel dazu stieg die Produktion von Nudel-Fertiggerichten um 56,4 Prozent auf 539.000 Tonnen, eine Menge, die dem Gewicht von rund 3.500 ausgewachsenen Blauwalen entspricht. Doch während die Liebe zu Italien riesig ist, bleibt das Verständnis für die richtige Kombination oft auf der Strecke.

Geschmack trifft auf Physik: Warum die Soße an Spaghetti abgleitet

Die Form ist das Problem: Spaghetti sind glatte Zylinder ohne Hohlräume oder Rillen. Feste Bestandteile wie Hackfleisch der Bolognese haben keinen Halt – die Schwerkraft gewinnt. Röhrennudeln wie Rigatoni wirken dagegen wie Mini-Schöpfkellen, weil das Fleisch innen hängen bleibt. Verstärkt wird das Missverständnis durch Teflon-Matrizen in der Industrie: Sie erzeugen eine polierte Oberfläche, an der Soße regelrecht abperlt. Selbst Bronze-Spaghetti (teurere „Al bronzo“ Erzeugnisse) sind zwar rauer, lösen aber das Grundproblem nicht.

Viele Köche, in Italien und zunehmend auch hier, weisen darauf hin, dass kurze Nudeln schwerere Soßen „tragen“. Auch geläuterte Hobbyköche berichten von demselben Effekt, sobald sie einmal umgestiegen sind.

  • Rigatoni: Kurze Röhren mit Rillen außen, hohl innen – ideal für Hackfleischsaucen, da das Fleisch im Inneren gefangen wird
  • Penne Rigate: schräg geschnittene Röhren, ebenfalls geriffelt – perfekt für stückige Gemüse- oder Wurstsaucen
  • Fusilli: spiralförmig gedreht – die Soße kriecht durch Kapillarkräfte tief in die Windungen, ideal für Sahne- oder Käsesaucen
  • Tagliatelle oder Pappardelle: Breite Bänder, oft mit Ei – die raue, großflächige Textur trägt Fleischragouts optimal (das ist übrigens die klassische Paarung für echtes Ragù alla Bolognese in der Emilia-Romagna)
  • Spaghetti: funktionieren nur bei glatten Soßen wie aglio e olio oder Pomodoro perfekt
  • Die Nudel mit Kanten: Italiens bestgehütete Pasta stellt Spaghetti in den Schatten

Die Mirácoli-Prägung: Warum Deutschland trotzdem an Spaghetti hängt

Die Wurzel des Missverständnisses liegt im Jahr 1961. Damals brachte der Lebensmittelkonzern Kraft das Fertiggericht „Mirácoli“ auf den Markt – und konditionierte damit Generationen von Deutschen auf den Irrtum, dass „italienisch essen“ gleichbedeutend mit „Spaghetti mit Tomatensoße“ sei. Die über 600 italienischen Nudelformen wurden mental auf den langen Strang reduziert. Die Mirácoli-Soße war dickflüssig und klebrig, sie haftete dank chemischer Bindemittel auch an glatten Spaghetti, was die Erwartung prägte, dass diese Nudelform schwere Soßen tragen könne.

Ein süßer Irrtum der Kindheit, der bis heute nachwirkt. Nostalgisch betrachtet war Mirácoli das Versprechen von „Bella Italia“ im grauen Wirtschaftswunder–Deutschland. Kulinarisch war es der Anfang einer Fehlprägung. Einen Pasta-Klassiker entweihen selbst italienische Restaurants in Deutschland regelmäßig.

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