Die Lenggrieserin startet am 19. Februar im olympischen Skimo-Sprint. Eine Medaille hält die frühere Bahnrad-Europameisterin für möglich.
Lenggries – Vollgas vom Start weg. Schnell bergauf. Mit ein paar Hindernissen. Treppen. Laufpassage. Schnell die Felle runter. Und schnell die Abfahrt runter ins Ziel. Nach kaum 180 Sekunden ist das hochintensive Rennen vorüber. Für Tatjana Paller ist der Mix aus „sich hochquälen und dann die Abfahrt runterheizen die perfekte Mischung“. Wäre es nicht erstmals olympisch, man müsste den Skimo-Sprint olympisch machen, wenn es nach der Lenggrieserin geht. Die 30-Jährige ist bei der Premiere bei den am Freitag beginnenden Winterspielen in Norditalien dabei. Auch für sie ist es Olympia-Debüt. Ihr Rennen steht erst am 19. Februar auf dem Programm, die Staffel zusammen mit Finn Hösch folgt am 21. Februar. Die Skibergsteiger werden ein paar Tage vorher anreisen. Beim Rennen geht es gleich los mit den Viertelfinal-Heats, die sonst übliche Qualifikation wird durch das Ranking ersetzt.
Eine Medaille ist nicht unmöglich, das wäre schon ein Traum.“
Dabei sein – das olympische Motto – ist für Paller in dem Fall nicht alles. Die mehrfache Deutsche Meisterin im Skibergsteigen, Dritte bei der WM und Top-Fünf-Läuferin im Weltcup hat durchaus Edelmetall im Sinn. „Ich bin im Weltcup regelmäßig vorne dabei, laufe mit der Weltspitze bei Meisterschaften mit, da könnte bei Olympia schon auch was herausspringen“, sagt die Lenggrieserin. „Eine Medaille ist nicht unmöglich, das wäre schon ein Traum.“ Der Sieg scheint allerdings schon vergeben: Kaum ein Rennen läuft in diesem Winter ohne die Französin Emily Harrop an der Spitze. Auch Marianne Fatton (Schweiz), die Französinnen Margot Ravinel und Célia Périllat-Pessey sowie die Spanierin Ana Alonso Rodriguez mischen regelmäßig vorne mit. Paller hat sich spätestens mit Rang drei beim Sprint in Boí Taüll in der Weltspitze etabliert. Schon 2024/25 wurde sie Vierte im Gesamtweltcup.
Zumindest ist sie gut vorbereitet. Sie war den ganzen Winter über unterwegs auf Wettkämpfen und im Höhentrainingslager. Daheim war sie nur zum Wäsche waschen, Freunde treffen, oder auch doch mal geschwind das Brauneck hochlaufen. Die Formkurve passt also. Während des Höhentrainings in den Pyrenäen wollte sie den letzten Feinschliff beim Weltcup-Rennen in Andorra holen. Doch der Sprint fiel aus, fiel den Bedingungen zum Opfer. „Wegen viel Schneefall und Lawinengefahr“, sagt Paller. „Allerdings war es dann gar nicht so schlimm.“ Von Andorra aus ging es gleich weiter zur Generalprobe nach Spanien. Im letzten Sprint-Weltcup vor Olympia wurde Paller Achte.
Für Paller sind es die ersten olympischen Spiele. „Da geht schon ein bisschen ein Traum in Erfüllung.“ Sie stand schon einmal kurz davor. Allerdings nicht im Skibergsteigen, das erstmals ins Programm der Winterspiele aufgenommen wurde. Paller kommt aus dem Radsport, war zuvor eine der weltbesten Bahnrad-Fahrerinnen. Holte sich den Europameister-Titel, hörte dann am Höhepunkt auf. „Ich hatte Lust auf eine ganz andere Herausforderung.“ Aber sich in zwei Sportarten auf einem so hohen Niveau zu bewegen, dass es in beiden zur Olympia-Teilnahme reichen würde: „Das ist schon eine gute Geschichte“, sagt Paller grinsend. „Es gibt einige Quereinsteiger bei uns.“ Doch Wechsel vom Radsport seien tatsächlich selten.
Ihre beiden Disziplinen lassen sich nicht wirklich vergleichen. „Aber ich denke, ich kann wenigstens einiges mitnehmen, wie das Wettkampfgeschäft so läuft, weiß mit dem Druck umzugehen.“ Die Aufregung vor dem Start ist sie gewöhnt. „Am schlimmsten ist es beim Warmlaufen, bevor es losgeht, da denkt man sich schon, ,oh Scheiße, jetzt wird‘s gleich ernst‘. Mit dem Startschuss weicht die Nervosität dem totalen Fokus auf die Aufgabe.
Sie möchte auf jeden Fall die Premiere der Sportart genießen. „Wer weiß, ob es olympisch bleibt?“ Das Sprint-Format mit kurzem, knackigen Anstieg, Laufpassage, Fellwechsel und rasanter Abfahrt sagt ihr ohnehin zu. „Da geht‘s voll zur Sache, das ist genau meins“, sagt die Lenggrieserin, die bei ihrer ersten Skitour überhaupt noch Probleme mit der Bindung hatte und sich helfen lassen musste. Mit externer Hilfe war es aber spätestens 2020 vorbei, als überraschende Erfolgen bei Skimo-Wettkämpfen ihre Entscheidung zum Sportartwechsel beflügelten. Das Ticket für Olympia löste Paller souverän, ihre Ergebnisse bei Weltcups und Weltmeisterschaft machten sie zur besten Deutschen. Beide internen Qualirennen entschied sie für sich.
Die bisherige Saison verlief auch recht erfolgreich. Paller war viel im Höhentrainingslager unterwegs, holte gute Ergebnisse. Beim Weltcup in den USA lag sie in der Mixed-Staffel mit Hösch auf Rang zwei, fiel aber wegen einer Zeitstrafe auf vier zurück. In Courchevelle wurde sie Fünfte im Sprint, 18. im Vertical. „Da waren alle Guten am Start, ist also schon was wert.“ Zuvor holte Paller die DM-Titel in beiden Rennen. Und jetzt freut sich die Sportsoldatin und Lehramts-Studentin (Sport und WIrtschaft) sehr auf die Spiele – nicht nur auf das Sportliche. Auch wenn die Skibergsteiger abseits der „Massen“ in Bormio untergebracht sind. „Wir haben ein kleines olympisches Dorf, aber ein bisschen olympisches Feeling wird da schon aufkommen.“ Spätestens wenn sie von den Zuschauern entlang der Strecke ins Ziel getragen wird.