Die Geretsrieder Urzelzunft feiert ihren runden Geburtstag mit einer großen Parade. Das Aprilwetter tat der Stimmung beim Faschingstreiben im Zentrum keinen Abbruch.
Geretsried – Schwarze, zottelige Gestalten mit Fratzen drängten sich am Faschingsdienstag, begleitet von Peitschenknallen und lautem Kuhglocken-Geschepper, dicht an dicht im Museumsgarten an der Graslitzer Straße. Gut 120 Urzeln aus Geretsried, Nürnberg, Traunreut, Sachsenheim und München kamen bei Aprilwetter zusammen, um mit einer großen Parade durch die Stadt 40 Jahre Urzelzunft Geretsried zu feiern. Rathauschef Michael Müller hatte sich extra für diesen Anlass in Schale geworfen. Verkleidet als Biene im gelb-schwarzen Frack mit schwarzer Perücke, Fühlern und gelber Sonnenbrille begrüßte er die besonderen Gäste.
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„So viele Urzeln sind selten“, stellte er fest und sprach von einer „Weltpremiere“ in Geretsried. „Ich freue mich, dass ihr so viel gute Laune mitbringt.“ Der Urzellauf sei „ein Brauch, der sich sehen lassen kann. Das können wir öfter wiederholen“, so Müller. Er appellierte an die Gäste: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei, also nutzen wir das Zeitfenster.“
Zunftlade und Kürschnerkrone mit Füchsen
Urzelzunftmeister Peter Wagner überreichte Müller einen Korb, gefüllt mit Krapfen. „Heute früh frisch gebacken und natürlich ohne Marmelade“ – so wie es sich für das Siedegebäck gehört, das die Urzeln traditionell in ihrer Krapfenquetsche an die Zuschauer verteilen. Dann erklärte er, wer sich alles im Museumsgarten versammelt hatte. Da waren Männer in Agnethler Tracht mit Pelzhaube. Sie trugen die Zunftlade und die Fahne der Kürschner. Außerdem hatten sie eine prächtige Kürschnerkrone dabei, mit vier Füchsen, die die vier Jahreszeiten symbolisieren. Ein altes Schaukelpferd versinnbildlichte die Zunft der Seiler. „Dieses Jahr haben wir sechs Reifenschwinger mit dabei“, freute sich Wagner. Deren Darbietung und das Peitschenknallen umrahmte eine Kapelle, bestehend aus Mitgliedern der Gartenberger Bunkerblasmusik sowie der Isartaler Adjuvanten.
Dass es den Urzellauf an Fasching überhaupt in Geretsried gibt, ist Peter Wagners Vater Horst Wagner zu verdanken. Der heute 84-Jährige hat den siebenbürgischen Brauch aus Agnetheln im heutigen Rumänien mit hierhergebracht. 1986 fand er zum ersten Mal in Geretsried statt. Damals mit 13 Personen – heute sind es normal um die 60. Horst Wagner, langjähriger Zunftmeister, gab das Amt 2017 an seinen Sohn ab.
Brauch aus Siebenbürgen
Doch woher stammt der Brauch eigentlich? Einer Überlieferung zufolge wurde die Kirchenburg in Agnetheln vor vielen hundert Jahren von den Türken belagert. Alle Einheimischen brachten sich in der Burg in Sicherheit. Eine Frau namens Ursula soll daraufhin, bekleidet mit schwarzem Zottelanzug, Schellen und Peitsche, aus der Burg gelaufen sein und die Angreifer vertrieben haben.
Blitzte beim Empfang im Museumsgarten noch die Sonne durch die Wolken, fielen dicke Flocken, gepaart mit Regentropfen, vom Himmel, als die Urzeln gemeinsam mit dem Bürgermeister Kurs auf den Karl-Lederer-Platz nahmen. Den Besuchern machte das Wetter nichts aus. Sie konnten die Urzeln schon von weitem hören, als sie in Reih und Glied in das Geretsrieder Zentrum einbogen und mit gehörig Lärm den Winter und die bösen Geister vertrieben.
Ein Pflichttermin mit guter Stimmung
„Wir sind heute das erste Mal in Geretsried“, erklärten Steffi, Michaela, Nelli und Kristina. „Normal sind wir in Königsdorf“, so die bunt verkleidete Mädelsgruppe. Aber dort fand heuer wie berichtet kein Faschingszug statt. Für Heike und Tina ist der Faschingsdienstag auf dem Karl-Lederer-Platz dagegen schon Pflichttermin. „Hier ist immer was los und gute Stimmung“, finden die Geretsriederinnen.
Passend zum Wetter versorgten örtliche Vereine die Besucher sowohl mit warmen Getränken wie Glühwein und Kinderpunsch als auch mit Bier und Limo. Dazu ließen sich viele Bratwurst, Pommes oder Crêpes schmecken.
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Der Bürgermeister begrüßte die Gäste auf dem Karl-Lederer-Platz und rief den Urzeln zu: „Das, was ihr aus der alten Heimat mitgebracht habt, ist gelebtes Brauchtum, Tradition und Gemeinschaft.“ Anschließend heizte die Showband Blow Up den Narren und Maschkera mit Schlagern und Stimmungshits ein. Spätestens bei der gemeinsamen Polonaise über den Platz wurde allen wieder warm.