Die Zugvögel fliegen wegen des strengeren Winters hin und her. Das bedeutet enormen Energieverlust für die Kraniche.
Kreis Kassel – Die Zugvögel sind im Stress: Wegen der durch den Klimawandel zunehmend milden Winter bleiben immer mehr ganz oder länger in Deutschland. Durch den diesjährigen harten Winter ist alles anders. Zum Wintereinbruch vor zwei Wochen flüchteten dagebliebene Kranichtrupps auf einer der Hauptzugrouten durch den Landkreis Kassel gen Süden. Am Wochenende und am gestrigen Montag ging es wieder turbulent retour: „Wir stellen gerade in diesen Tagen zahlreiche Bewegungen fest“, erklärt Bernd Petri, Ornithologe beim Naturschutzbund Hessen (Nabu).
Das Problem: Südhessen sei schneefrei und in Nordhessen erwarte die Kraniche der Winterschock. „Das führt zu einem Zugstau, auch im Bereich des Landkreises Kassel“, so Petri. Es könne passieren, dass die Tiere in den kommenden Tagen erneut umkehrten und wieder Richtung Süden fliegen würden, da erneut Schnee angekündigt sei. Am Montag, 2. Februar, bestätigte Stephan Schmidt, der das Naturschutzgebiet Glockenborn bei Wolfhagen betreut, dass dort Kraniche verweilen. Er appelliert, nicht zu nah an die Tiere heranzugehen, und sie nicht von Hunden aufscheuchen zu lassen.
Zugvögel sind im Stress: 50.000 Kraniche sterben an Vogelgrippe
Denn für die Vögel bedeutet das Hin und Her einen großen Energieverlust, zumal sie im Schnee kaum Nahrung finden. Das Futter ist laut Petri einer der Hauptgründe, warum Zugvögel überhaupt gen Süden ziehen beziehungsweise es durch die milderen Winter und dem dadurch größerem Nahrungsangebot zunehmend nicht mehr tun. Auf das Reisen würden die Tiere gern verzichten, es bedeute Stress und sei gefährlich. Rund 10.000 Kraniche seien vergangenes Jahr in Deutschland geblieben. Die durch Landwirtschaft ausgeräumten Landschaften würden ihnen, im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten, entgegenkommen. „Kraniche mögen keine Hecken.“
50 000 Kraniche sterben an Vogelgrippe
Nicht nur der diesjährige Winter setzt den Kranichen zu: Die Vogelgrippe hat laut Naturschutzbund die Population schwer geschädigt. „Es gab in Deutschland Totfunde von rund 20 000 Tieren“, erklärt Bernd Petri vom Nabu. Vor allem an Rastplätzen in Brandenburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Weitere bis zu 30 000 Vögel habe es in Spanien und Frankreich erwischt. Die Vogelgrippe grassierte monatelang seit Oktober vergangenen Jahres.
Auch wenn es in diesem Jahr schwieriger ist, generell sieht es laut Bernd Petri so aus, dass die Kraniche das ganze Jahr über dauerhaft in Deutschland bleiben.
Dafür spricht, dass Kraniche seit Kurzem sogar im Landkreis Kassel brüten: Laut Petri gibt es Brutpaare im Kaufunger Wald und im Reinhardswald. Auch das erspart den Kranichen Reisekilometer. Denn die Vögel, die auf der Kasselroute unterwegs sind, steuern laut Nabu Berlin beziehungsweise Brandenburg an. (Bea Ricken)