Deutschland steht vor einem strengen Winter mit niedrigen Gasspeichern. Experten sehen die Lage kritisch: Der Marktmechanismus funktioniert nicht.
München – Deutschland erlebt einen strengen Winter mit historisch niedrigen Gasspeicherfüllständen von unter 52 Prozent. „Mit einem Füllstand von aktuell unter 52 Prozent verlaufen die Gasspeicherfüllstände auf einem historischen Tief“, warnt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern. Trotz dieser alarmierenden Zahlen geben Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium Entwarnung und verweisen auf eine gesicherte Gasversorgung durch LNG-Terminals und norwegisches Pipelinegas.
Gasspeicher-Krise: Deutschland auf historischem Tief – „So schlecht wie Anfang 2022“
Die Energiebranche blickt deutlich skeptischer auf die Lage. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE, Stefan Dohler. Er kritisiert die politischen Rahmenbedingungen scharf: „Es ist ein Zeichen, dass die Mechanismen, die die Politik geschaffen hat, so nicht funktionieren. Es gab im vergangenen Sommer keine Preissignale im Markt, die Gasspeicher zu befüllen.“
Auch der Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft bestätigt die kritische Situation. Dessen Vorstand Timm Kehler betont: „Die aktuellen Füllstände der Gasspeicher liegen deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt.“ Zum Vergleich: Anfang 2025 waren die Speicher noch zu rund 77 Prozent gefüllt – aktuell sind es nicht einmal 52 Prozent.
Die Gründe für die niedrigen Füllstände liegen im Marktmechanismus. Speicherbetreiber füllen ihre Anlagen typischerweise im Sommer, wenn die Preise niedrig sind, um das Gas im Winter gewinnbringend zu verkaufen. Doch im vergangenen Sommer fehlten die wirtschaftlichen Anreize. Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper fasst zusammen: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.
Winter-Schock für Deutschland: Gasspeicher auf Rekordtief – Uniper stellt Betrieb ein
Die Situation hat sich durch den Ausbau der LNG-Infrastruktur verändert. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums können die deutschen LNG-Terminals in den kalten Monaten etwa 16 Prozent der Nachfrage decken – das entspricht 32 Prozent der Kapazität der deutschen Erdgasspeicher. Diese Flexibilität hat die Bedeutung der Gasspeicher für die Versorgungssicherheit verringert.
Die Bundesnetzagentur betont, der Gasspeicherfüllstand sei zwar ein wichtiger Indikator, aber nicht allein ausschlaggebend. Deutschland verfüge über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten. Die stabilen, wenn auch leicht ansteigenden Gaspreise deuteten auf ein ausreichendes Angebot am Weltmarkt hin.
Die aktuelle Entwicklung hat bereits wirtschaftliche Konsequenzen. Uniper hat bei der Bundesnetzagentur die Stilllegung eines Speichers in Bayern zum Frühjahr 2027 beantragt. Unter den aktuellen Voraussetzungen sei ein wirtschaftlich tragfähiger Speicherbetrieb langfristig nicht darstellbar. Insgesamt liegen Anträge für zwei bayerische Speicher vor.
Gasnotstand: Speicher unter 52 Prozent
EWE-Chef Dohler fordert mehr Vorsorge und schlägt die Schaffung einer nationalen, strategischen Gasreserve vor – ähnlich wie es sie für Erdöl gibt. Er verweist auf Österreich, das bereits eine solche Gasreserve betreibt: „Dort wird bewusst Gas als Puffer eingespeichert, was nicht angetastet wird, und nur für Notfälle zur Verfügung stehen sollte.“ Eine staatliche Stelle regele dort über Ausschreibungen die Befüllung von Speichern in einem bestimmten Volumen.
Die Situation bleibt angespannt. Heinermann von der Initiative Energien Speichern erklärt: „Im Vergleich zum Dezember ist der Januar von deutlich kälteren Temperaturen geprägt, weshalb derzeit in großem Umfang ausgespeichert wird.“ Sollten sich die Speicher mit dem gleichen Tempo wie im Vorjahr leeren, wären sie Ende März nur noch zu 5 Prozent gefüllt. „Das wäre ziemlich wenig“, warnt Dohler, schränkt aber ein, dass dieses Szenario aktuell wenig realistisch sei, da die Preise auf dem Gasmarkt entspannt seien und Händler dort Gas kaufen könnten. (Verwendete Quelle: dpa)