Die Lesekompetenz in Deutschland sinkt stetig, aber das Buch ist ein Statussymbol. Manchem wird unterstellt, das Lesen lediglich als Masche zu nutzen. Dabei brauche das Buch jede Aufmerksamkeit, sagt die Bremer Literaturdozentin Schaefers.
Jane Austen ist eine Zierde. Ob in Leinen gebunden und mit Goldprägung oder mit kunstvoll illustrierten Covern - die anlässlich ihres 250. Geburtstages am 16. Dezember 2025 erschienenen Neuauflagen ihrer Werke sind außerordentlich dekorativ. Sie machen sich gut in Regalen und ziehen die Blicke auf sich, wenn man im Café oder in der U-Bahn darin blättert. Damit eignen sich die Romane der britischen Schriftstellerin perfekt für das sogenannte „Performative Reading“, inszeniertes Lesen.
Das Phänomen kursiert seit einiger Zeit in sozialen Medien. Dabei wird Menschen, die sich im öffentlichen Raum insbesondere Literaturklassiker vor die Nase halten, unterstellt, dass sie dies nur tun, um aufzufallen. In zahlreichen Videos macht sich die Internetgemeinde vor allem über junge Männer lustig, die das Stöbern in Wälzern von Proust oder Faulkner als Flirtmasche einsetzen oder Werke von Kant und Nietzsche als Statussymbol unterm Arm tragen. Selbst wenn wahres Lesevergnügen dahinterstecken sollte, sieht es für viele schnell nach Bildungshuberei aus. Lesen in der Öffentlichkeit gilt daher als zunehmend uncool oder gar peinlich.
Lesekompetenz sinkt
Dabei brauche das Buch in Zeiten, in denen die Lesekompetenz stetig sinke, jede Aufmerksamkeit, die es kriegen könne, sagt Stephanie Schaefers, freie Literaturdozentin aus Bremen. Schaefers gibt Literaturseminare für Erwachsene und hat auch Erfahrung mit Leseworkshops in Schulen. „Kinder und Jugendliche lesen entweder sehr viel oder ganz wenig bis gar nicht“, berichtet die Germanistin. Die Lesekompetenz gehe weiter zurück.
Das belegt unter anderem die jüngste IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) von 2021, wonach jeder vierte Viertklässler hierzulande nur unzureichend lesen kann. Immerhin: Die 2024 veröffentlichte Studie Jugend, Internet, Medien (JIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) hat ergeben, dass 37 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland täglich oder mehrmals pro Woche gedruckte Bücher lesen.
Das sind mehr als unter den Erwachsenen: Laut dem aktuellen Freizeit-Monitor, einer Langzeitstudie der Stiftung für Zukunftsfragen, greifen 35 Prozent der über 18-Jährigen mindestens einmal pro Woche zum Buch. Im digitalen Zeitalter sei das Buchlesen ein „bewusster Gegenpol“ zur schnellen Mediennutzung und diene der Selbstfürsorge, schreibt die Stiftung auf ihrer Website. Wer in der Öffentlichkeit in einem Buch liest statt scrollt, mag in einer Umgebung voller Smartphones auffallen, will aber womöglich gar nicht um Aufmerksamkeit buhlen, sondern einfach nur entschleunigen.
Entschleunigung und Empathie
Das ist in Zeiten von digitaler Reizüberflutung gar nicht so einfach: „Es braucht Konzentration“, gibt Schaefers zu bedenken. Und daran hapere es offenbar bei vielen. Sie treffe oft auf Menschen, die erstaunt darüber seien, woher sie die Zeit und die Ruhe nehme, regelmäßig zu lesen und sich auf einen langen Text einzulassen. „Und zwar nicht nur zur Entspannung, sondern auch, um andere Lebenswelten kennenzulernen, die mit meinem Alltag nichts zu tun haben“, sagt Schaefers. Insofern sei das Eintauchen in eine Geschichte nicht unbedingt Flucht vor der Realität: „Durch die Literatur lernt man viel über fremde Schicksale. Dadurch wird man empathischer.“
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Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Womit das Lesen als Flirtmasche wieder ins Spiel kommt. Der empathische, sensible Bücherwurm hat ein attraktives Vorbild: Hugh Grant im Film „Notting Hill“. Julia Roberts in der Rolle einer umschwärmten Schauspielerin fliegt auf den introvertierten Buchladenbesitzer. In Hollywood und bei Netflix und Co. war und ist das Buch schon immer eine beliebte Requisite für Romanzen. Man denke nur an „Harry und Sally“, die sich in einer Szene zwischen Bücherregalen beäugen oder an Filme und Serien aus dem derzeit besonders bei jungen Frauen beliebten „Dark Academia“-Bereich, wie etwa „My Oxford Year“ oder „Maxton Hall“, wo Liebe auch durch Buchdeckel geht.
Für Nachschub an Aufsehen erregendem literarischen Stoff ist auf jeden Fall gesorgt: Nach dem Austen-Jahr kommt im Februar eine Neuverfilmung von Emily Brontës Klassiker „Wuthering Heights“ (“Die Sturmhöhe“) ins Kino. Der Buchmarkt lockt mit teils aufwendig gestalteten Neuerscheinungen des Romans. So geraten die Klassiker zumindest nicht in Vergessenheit. Schaefers hofft, „dass viele Menschen auch ernsthaft darin lesen. Denn Bücher allein als Accessoires zu nutzen, ist doch ziemlich unbefriedigend.“ (von Kerstin Hergt)