Flüge gestoppt: Über 400 Touristen in Kriegsland gestrandet – „Zusammengepfercht in Hotels“

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Die Ferien auf der Drachenblutbaum-Insel enden im Chaos. Kämpfe stoppen den Flugverkehr, Familien sitzen fest, Hilfe ist nicht in Sicht.

Sanaa – Die Traumreise zu den „Galapagos des Indischen Ozeans“ ist zum Albtraum geworden. Türkisfarbenes Wasser, mystische Drachenblutbäume und eine einzigartige Tierwelt lockten über 400 ausländische Touristen auf die abgelegene Insel Sokotra vor der jemenitischen Küste. Doch nun sitzen sie fest – ihre Rückflüge wurden wegen der eskalierenden Kämpfe im Jemen komplett gestrichen.

Paradiesisch: Das Homhill-Plateau auf der Insel Sokotra im Jemen.
Paradiesisch: Das Homhill-Plateau auf der Insel Sokotra im Jemen. © IMAGO/Zoonar.com/Jaroslav Sugarek

„Wir haben mehr als 400 ausländische Touristen … ihre Flüge wurden eingestellt“, bestätigt Yahya bin Afrar, Vizegovernneur von Sokotra für Kultur und Tourismus, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Die etwa 380 Kilometer vor der jemenitischen Küste liegende Insel wird normalerweise von Abu Dhabi aus angeflogen. Doch seit der Ausrufung des Notstands sind alle Häfen und Flughäfen geschlossen. Unter den Gestrandeten befinden sich 80 Italiener sowie über 60 Russen, aber auch Deutsche, Amerikaner, Briten, Franzosen und weitere Europäer. Viele kamen für Neujahrsfeierlichkeiten auf die UNESCO-Welterbestätte.

Touristen im Jemen gestrandet: „Wir hoffen, dass jemand etwas unternimmt“

Die Verzweiflung der Touristen wächst täglich. Gerrit van Wijngaarden, ein niederländisch-polnischer Staatsangehöriger, befindet sich mit seiner Frau, drei Kindern und einem Enkelkind bereits seit elf Tagen auf Sokotra – geplant war nur eine Woche. „Wir hoffen, dass jemand etwas unternimmt“, sagt er zu CNN. Immerhin: An Lebensmitteln und anderen Gütern mangelt es nicht. Einige Touristen haben erfahren, dass es möglicherweise eine Schiffsverbindung in den Oman geben könnte.

Die Wut der Gestrandeten richtet sich auch gegen die Informationspolitik der Behörden. „Die Flüge sind bereits seit dem 2. Januar unterbrochen und sie wussten es schon seit dem 30. Dezember, aber sie haben uns nichts gesagt“, berichtet eine italienische Touristin gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, die eigentlich am Freitag hätte abreisen sollen. „Als wir am Flughafen ankamen, um den Rückflug zu nehmen, fanden wir den Flughafen geschlossen vor.“

Touristen klagen: „Zusammengepfercht in Hotels“ im Jemen

Trotz der schwierigen Umstände versuchen die Touristen, das Beste aus der Situation zu machen. „Es geht uns gut, aber die Situation ist nicht komfortabel und wir haben keine Informationen über unsere Rückkehr“, erklärt die Frau via WhatsApp. „Die Einheimischen sind sehr freundlich und beherbergen uns.“ Doch die Realität sieht anders aus als in den Reiseprospekten: „Wir sind nicht im ‚Paradies‘ wie sie sagen, sondern zusammengepfercht in den Hotels, weil es nur hier Internetverbindung gibt.“

„Touristen, die auf der Insel festsitzen und von denen viele für Neujahrsfeierlichkeiten dorthin gereist waren, wenden sich nun an ihre Botschaften um Hilfe bei der Evakuierung“, erklärt ein westlicher Diplomat gegenüber Al Jazeera. „Ihre jeweiligen Botschaften haben sich an die saudi-arabische und jemenitische Regierung gewandt, um ihre Evakuierung zu erwirken.“

Botschaften können kaum etwas für die Touristen im Jemen tun

Die Hilfe von diplomatischer Seite ist begrenzt. Touristen wenden sich an ihre Botschaften um Hilfe bei der Evakuierung, doch der anhaltende Konflikt bedeutet, dass nur wenige westliche Nationen eine diplomatische Vertretung im Jemen haben. Die meisten Botschaften betreuen die jemenitischen Angelegenheiten von nahegelegenen Hauptstädten aus.

Van Wijngaarden berichtet, dass sich bis zu 100 polnische Touristen auf der Insel befinden. Die polnische Botschaft in Saudi-Arabien, die für polnische Bürger im Jemen zuständig ist, konnte bisher nicht erreicht werden. Die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Sanaa ist aktuell ebenfalls geschlossen.

Konflikt erreicht UNESCO-Welterbe im Jemen – Huthi-Rebellen nicht beteiligt

Die Gewalt zwischen rivalisierenden bewaffneten Gruppierungen im Jemen ist kürzlich wieder aufgeflammt. Ein Konflikt zwischen dem von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Südlichen Übergangsrat und der von Saudi-Arabien angeführten Regierung hatte sich zugespitzt. Sokotra, seit 2008 UNESCO-Welterbe wegen seiner einzigartigen Flora und Fauna, blieb bisher weitgehend vom Festland-Konflikt verschont. Während die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen in den vergangenen Monaten wegen ihrer Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer und der daraus resultierenden Konfrontation mit den USA international Schlagzeilen machten, sind sie am aktuellen Konflikt nicht beteiligt.

Der jetzige Machtkampf findet zwischen zwei Fraktionen statt, die eigentlich beide zur international anerkannten Regierung gehören: dem von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Südlichen Übergangsrat und der von Saudi-Arabien geführten Regierung. Das Auswärtige Amt hatte Reisen dorthin als „absolut nicht empfohlen“ eingestuft. Die Insel ist seit Jahren ein Magnet für abenteuerlustige Reisende, die von den hunderten endemischen Arten und der spektakulären Landschaft mit ihren ikonischen Drachenblutbäumen angezogen werden. Jetzt appelliert die örtliche Verwaltung an alle Beteiligten, den Flughafen „von politischen Konflikten fernzuhalten“ und die Flüge wieder aufzunehmen. Auch für Zypern sprach das Auswärtige Amt zuletzt Reisehinweise aus. (Quellen: AFP, CNN, Ansa, Al Jazeera, Auswärtiges Amt) (cgsc)