Die Tagespflege Weßling stößt an ihre Grenzen. Leiterin Julia Hager sieht einen Ausbau kritisch und fordert Systemänderungen.
„Unsere wichtigste Antwort auf die teils schweren Herausforderungen von Krankheit und Alter heißt Verbundenheit.“ Das ist einer der Sätze, mit dem Julia Hager, Leiterin der Tagespflege Weßling, auf 2025 zurückblickt. „Alle gemeinsam versuchen wir immer wieder aufs Neue, Momente der Freude, Lachen, Nähe, schöne Erinnerungen und Geborgenheit zu schaffen“, so Hager. Das ist offensichtlich gelungen: Denn der gute Ruf der Tagespflege sorgt in der immer älter werdenden Bevölkerung auch für steigende Anfragen. Erstmals reichen die elf, höchstens zwölf Plätze nicht aus.
„Es ist uns immer wichtig, Leben in die Tagespflege zu holen“, sagt Hager. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer kommen regelmäßig zum Vorlesen, Singen und für Gesprächsrunden. Petra Hausmann und die Damen vom Strick-Café verschenkten kleine Kunstwerke an die Tagespflegegäste, die Vorschulkinder vom Kindergarten Regenbogen sangen Weihnachtslieder. Besondere Nähe spendeten Andachten mit den Pfarrern, die Zweimannband Edi & Walter machte Musik. „All diese Besucher tragen unsere Tagespflege mit“, so Hager. Gerade die Musik rühre viele Gäste an. „Da singen dann plötzlich wieder ganz verstummte Menschen Liedzeilen mit.“
Das Team der Tagespflege, die der NBH angegliedert ist, besteht aus neun Teilzeitkräften und sieben Fahrern. „Alle waren wir beim Jahresgespräch dankbar für diese Art der Arbeit“, sagt Hager. Ziel ist eine Versorgung älterer Menschen auch mithilfe eines dichten sozialen Netzes. Je nach Pflegegrad werden die Gäste morgens durch den Pflegedienst betreut, vom Fahrdienst in die Tagespflege gebracht und abends wieder abgeholt. Im besten Fall sind auch die Alltagsbegleiter mit im Boot. Doch da zeigen sich bei Julia Hager schon die ersten Sorgenfalten. Denn die Pflegekassen sind leer, und der medizinische Dienst angehalten, die Pflegegrade härter zu prüfen. „Dabei bewahrt schon ein niedriger Pflegegrad manche vor dem Ertrinken“, weiß Hager. „Und es hilft dabei, dass die Menschen zu Hause bleiben können.“ Angesichts der Preise in den Heimen müsse dies das Ziel sein. „Jeder will doch zu Hause bleiben.“
Nun aber wegen fehlender Plätze die Tagespflege auszubauen, würde Probleme an anderen Stellen schaffen, glaubt Hager. Angefangen bei den „absurden Ansprüchen der Pflegekassen an diese Art Neubauten“. Aus wirtschaftlicher Sicht werde eine Tagespflege mit mindestens 15 Plätzen empfohlen, mit einer Belegungsplanung mit vielen Gästen bei maximal zwei, drei Besuchstagen. Ausfälle durch Absagen ließen sich so besser regulieren. „Aber dieses System hilft nicht, die Menschen im eigenen Heim zu halten, weil die pflegefachliche Betreuung nicht ausreicht und die Angehörigen nicht ausreichend entlastet sind“, erklärt Hager.
An mehr Personal sei ebenfalls nur schwer zu kommen. „Drei in unserem Team sind über 60. Und neulich erst haben wir große Schwierigkeiten gehabt, eine Krankenschwester zu finden. Wie soll das gehen?“ Ein weiteres Problem sei, dass bei sinkenden Pflegegraden die Tagespflegeplätze nicht mehr bezahlt werden könnten. Auch Wartelisten seien ein Problem: „Sie sind nicht verlässlich, weil sich bei alten Menschen binnen kurzer Zeit sehr viel ändern kann“, weiß Hager.
Die jetzige Tagespflege sei auf höchstens zwölf, vielleicht 13 Personen erweiterbar. „Besser wäre ein bisschen mehr Platz, 15 Quadratmeter oder so insgesamt“, sagt Hager. Einen Ausbau der Tagespflege im großen Stil wie jetzt bei der NBH in Inning sieht sie in Weßling nicht. Und sie wünscht sich eine Änderung im System: „Wir sollten vielmehr auf Prävention setzen.“ In Dänemark beispielsweise erhielten Einrichtungen auch einen Bonus, wenn der Pflegegrad sinkt. „Das ist bei uns auch gewünscht, wird aber nicht belohnt, im Gegenteil.“ Eins sei jedoch sicher: „Wir werden uns alle in Zukunft viel mehr gegenseitig unterstützen müssen. Auch deshalb sind Strukturen wie eine NBH, die das soziale Miteinander fördert, so wichtig und erhaltenswert.“