Pfarrer und Friedensbeauftragter Jan Kingreen berät junge Menschen und Eltern zum Wehrdienst.
Im Gespräch erklärt er, warum es dabei weniger um Verweigerung als um Gewissensbildung geht – und weshalb die aktuelle Debatte von einer zweiten, oft übersehenen Zeitenwende geprägt ist.
Jan Kingreen, Pfarrer und Friedensbeauftragter der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche EKBO, gewährt im Gespräch mit dem Sonntagsblatt Einblicke in die Beratung zum Thema Wehrdienst. Wer ablehnt – und warum – offenbart nicht nur persönliche Gewissenskonflikte, sondern macht auch deutlich, wie sehr die aktuelle Debatte von einer zweiten, bislang kaum beachteten Zeitenwende geprägt ist.
Seit wann begleiten Sie Menschen bei der Gewissensentscheidung zum Wehrdienst?
Jan Kingreen: Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung wurde nie ausgesetzt – es galt auch nach 2011, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Deshalb haben wir als Kirchen immer beraten, nur die Fälle waren deutlich weniger. Mit der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022 stiegen die Zahlen signifikant an. Und seit der Einführung des neuen Wehrdienstgesetzes und der Debatte um die Wehrpflicht steigen sie noch einmal deutlich. Wir beraten also durchgehend seit 1956, aber die wirkliche Steigerung erleben wir seit etwa vier Jahren.
Wie viele Menschen beraten Sie inzwischen?
Bei mir persönlich sind es drei bis fünf Beratungsgespräche pro Woche. Wobei die Anliegen sehr unterschiedlich sind: Aktuell kommen vor allem junge Männer aus dem Jahrgang 2008, die direkt vom neuen Gesetz betroffen sind. Aber auch viele besorgte Eltern, insbeondere Mütter melden sich, deren Kinder zwischen 2007 und 2010 geboren sind. Für diese Familien ist das plötzlich ein Thema, mit dem sie vorher nicht rechnen mussten. Viele suchen zunächst einfach nach grundlegenden Informationen: Was ist jetzt zu tun? Welche Optionen gibt es? Was sollte man beachten? Und dann gibt es die individuelle Gewissensbegleitung – die tiefere Frage: Ist der Wehrdienst etwas für mich oder nicht? Wie entscheide ich das? Was hat mein Gewissen überhaupt geprägt?
Kommen die Menschen eher, um ihre Sorgen loszuwerden, oder haben sie konkrete Fragen?
Das hängt davon ab, wer kommt. Bei den Eltern ist es oft ein Seelsorgegespräch. Sie haben nachvollziehbarerweise Angst um ihre Kinder. Das klassische „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ aus den Achzigern wiederholt sich gerade. Da geht es dann darum, Ängste sichtbar zu machen, sie zu teilen, einen Umgang damit zu finden. Aber die Mutter, die hier sitzt, schreibt ja nicht den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung – das muss schon der Sohn machen.
Bei den jungen Männern – und es sind meistens Männer, weil das Gesetz sie direkt betrifft – geht es wirklich in die Tiefe. Wir stellen die zentrale Frage: Kannst du dir vorstellen, mit der Waffe auf jemanden zu zielen und gegebenenfalls abzudrücken? Wenn die Antwort nein ist: Warum nicht? Darum geht es. Dem inneren Kompass nachzuspüren und zu überlegen: Was oder wer hat mich eigentlich geprägt? Warum ticke ich so, wie ich ticke? Welche Personen, welche Erfahrungen haben meine Haltung geformt? Solche Gespräche über die eigene Gewissensbildung zu führen, ist eigentlich etwas Schönes – wenn das Thema nicht so existenziell wäre.
Steht bei den jungen Menschen mehr die Frage im Vordergrund, ob sie selbst töten könnten – oder auch, ob sie bereit wären, ihr eigenes Leben zu riskieren?
Man kann das nicht pauschal sagen, beides spielt eine Rolle. Aber die ethische Begründung, wenn jemand ablehnt, ist bei vielen: Ich kann mir nicht vorstellen, auf jemanden zu schießen, ihn zu verletzen oder gar zu töten. Der Reflexionsraum geht oft noch gar nicht so weit, dass man sagt: Ich kann mir nicht vorstellen, für ein höheres Ziel oder für Werte mein Leben zu lassen. Das spielt natürlich auch eine Rolle, völlig klar. Aber es ist bereits ein Hindernis, sich vorzustellen, andere Menschen zu verletzen – weil eben sehr viele Menschen Probleme mit Gewalt haben. Zum Glück, möchte ich sagen.
Gibt es typische Konfliktsituationen, die Sie aus den Beratungen kennen – etwa zwischen Familienerwartungen, Peergroup-Druck und eigenen Wertvorstellungen?
Was wir in der Beratung häufig erleben: Man muss insbesondere Müttern erklären, dass nicht sie verweigern, sondern dass ihre Kinder selbstbewusst und selbstreflektiert eine eigene Entscheidung treffen müssen U.nd es kann auch eine Entscheidung sein, mit der die Eltern gar nicht einverstanden sind. Das ist das klassische Thema. Die jungen Menschen sind 17 Jahre alt, tief in der Emanzipationsphase. Und die knallt jetzt eben bei so einem existenziellen Thema auch durch.
Es kann auch passieren, dass jemand nach einer Beratung sagt: Okay, ich kann mir das bei der Bundeswehr vorstellen – und beim Fragebogen „hohes Interesse“ ankreuzt. Und die Eltern sind damit nicht einverstanden. Auch das gibt es. Das ist meistens der erste Schritt in der Beratung, gerade Eltern zu sagen: Okay, das ist jetzt hier nur bedingt euer Thema. Ja, es ist euer Kind, und ich kann die Angst gut nachvollziehen, auch mit eigenen Kindern. Aber derjenige, den es direkt betrifft, muss eine selbst verantwortete Entscheidung treffen.
Es heißt oft, hier gebe es einen Generationenkonflikt: Die ältere Generation entscheidet über ein Gesetz, das die Jungen zur Verteidigung verpflichten soll – ohne dass die Betroffenen selbst gefragt wurden. Erleben Sie diese Spannung in Ihren Beratungen?
Solche weitreichenden Änderungen wie das neue Wehrdienstgesetz sollte man nicht ohne die betroffene Generation besprechen. Gleichzeitig: Ich bin nicht sicher, ob es wirklich einen so starken Generationenkonflikt gibt. Der wird medial sehr gepusht in die Richtung: Jetzt müssen die Jungen die Alten verteidigen. Man kann aber auch andersherum argumentieren: Die Jungen haben eine längere Lebenserwartung. Das, was hier notfalls verteidigt wird, wird auch von einem 18-Jährigen länger belebt als von einem 70-Jährigen.
Und wenn Jungen vorgeworfen wird, sie wollten sich nicht einbringen – dieses Bild kann ich absolut nicht bestätigen. Auch die neue Friedensdenkschrift fragt ja sinngemäß: Bin ich bereit, mich in die Pflicht nehmen zu lassen für die Gesellschaft – mit oder ohne Waffe? Bin ich bereit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, von der ich auch etwas bekommen habe? Und dass Jugendliche das nicht wollen, erlebe ich so nicht. Sie wollen durchaus. Sie wollen nur nicht mit einer Waffe auf Menschen schießen. Das ist aber ein anderes Thema. Angesprochen auf einen zivilen Ersatzdienst sitzt hier keiner und sagt: Da habe ich keinen Bock drauf. Man muss den Jugendlichen da euch deutlich mehr zutrauen.
Was ist dann das Spannende an dieser Debatte, wenn Sie mit Jugendlichen arbeiten?
Wenn ich sonst in der Bildungsarbeit bin – wir machen hier viel Demokratiebildung mit Jugendlichen – dann ist das Spannende an der Wehrpflichtdebatte weniger die Generationengerechtigkeit, sondern viel mehr: Was soll hier eigentlich verteidigt werden? Um welche Werte geht es, die verteidigungswert sind? Und wo erleben wir die denn eigentlich konkret? Freiheit zum Beispiel lässt sich leicht sagen – aber was heißt das konkret im eigenen Leben? Das rauszustellen kommt mir in der gesamten Debatte im Moment zu kurz. Vor allem die Bundeswehr macht das. Sie machen sehr stark wertebasierte Werbung für den Wehrdienst: Diese und jene Werte wollen wir verteidigen, und deswegen brauchen wir den Wehrdienst. Aber insgesamt kommt es in der Debatte zu kurz.
Was wären dann die Hausaufgaben der Kirche? Was wäre der erste Schritt?
Einen Wertediskurs anbieten. Die Frage, welche Werte wir, auf welche Weise schützen wollen oder müssen, diese Frage sollten wir offen und generationsübergreifend diskutieren. Hier können wir uns als Kirche einbringen. Es steckt in unserer evangelischen DNA, dass wir aufs eigene Gewissen hören und in ihm Gott begegnen. Das ist Sinn und Zweck der Reformation: dass du dich mit dir und mit Gott direkt auseinandersetzt und nicht über eine vermittelte Instanz.
Diese Idee, gefühlig gesagt, auf die innere Stimme zu hören – das machen wir seit 500 Jahren ziemlich gut. Dafür Räume zu öffnen, ist unsere Aufgabe. Deswegen halte ich soviel von den Beratungsangeboten. Nur würde ich die Beratung nicht „Kriegsdienstverweigerungsberatung“ nennen, sondern „Beratung zum Wehrdienst oder zur Verweigerung“. Es ist eine ergebnisoffene Beratung, die wir anbieten. Nicht: Wie kann ich möglichst gut den Kriegsdienst verweigern? Sondern: Du setzt dich mit dir selbst auseinander und überlegst – willst du das oder willst du das nicht? Kannst du das verantworten oder kannst du das nicht?
Warum lehnen Sie den Begriff „Kriegsdienstverweigerung“ ab?
Der Begriff ist irreführend, weil der Wehrdienst ja nicht dafür da ist, einen Angriffskrieg zu führen. Das ist gerade nicht Sinn und Zweck der Bundeswehr, einer an das Parlament gebundene Verteidigungsarmee. Der Begriff kommt daher, dass es in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes heißt: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Ich würde dennoch viel stärker auf „Wehrdienst“ gehen und sagen: „Wehrdienst oder Verweigerung – eine Beratung der evangelischen Kirche“. So heißt es deshalb bei uns in Berlin und Brandenburg auch.
Es gibt ja auch andere Organisationen, die beraten – juristische Beratung, zivile Organisationen. Das Angebot ist übersichtlich, aber es gibt es. Warum kommen Menschen bei dieser Frage zur Kirche?
Weil wir die Beratungen auf hohem Qualitätsniveau anbieten. Die Beratenden haben eine modularisierte Ausbildung durchlaufen, sie werden evaluiert und statistisch erfasst, so halten beständig ein gewisses Niveau. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das die Kirche auch sehr pflegt – und wofür ich sehr dankbar bin. Man kann sich zum Berater oder zur Beraterin ausbilden lassen – 25-stündige Ausbildung, alles digitalisiert, gut evaluiert, begleitet von einem Mentor oder einer Mentorin. Ein super Modell auf EKD-Ebene.
Aber ich glaube auch, dass unsere Überzeugung – für das Individuum einzustehen, für das eigene Gewissen einzustehen – auf die Kompetenz trifft, tiefgehende Beratungsgespräche zu führen. Diese wird uns immer noch zugeschrieben, zu Recht. Wir sind ausgebildete Seelsorger im kirchlichen Dienst. Die Kompetenz, Beratungsgespräche so zu führen, dass man beim anderen bleibt, ihn ernst nimmt und nicht seine eigene Meinung oder Position durchdrückt – das ist, glaube ich, eine Kompetenz, die gesamtgesellschaftlich immer noch sehr geschätzt wird.
Erreichen Sie mit Ihrem Beratungsangebot alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen?
Nein, überhaupt nicht. Wenn ich sehe, wer kommt: Es sind vor allem bildungsnahe Schichten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Bildungsfernere Schichten sind viel schwieriger zu erreichen. Du schreibst einen Antrag, der soll zwei A4-Seiten umfassen – das ist eine Hürde. Die meisten, die zu mir kommen, sind tatsächlich Abiturient:innen. Die Frage ist: Wie erreichen wir mit diesem Angebot bildungsfernere Schichten? Darauf haben wir kirchlich noch keine gute Antwort.
Müsste das Beratungsangebot vielleicht verpflichtend sein?
Es gibt gute Argumente dafür, aber es lässt sich strukturell überhaupt nicht abbilden. 300 000 Jugendliche im Jahrgang – wie sollen 300 000 Menschen verpflichtend beraten werden, wenn sie nicht mal verpflichtend gemustert werden können?
Also eher das Angebot breiter fahren und besser bewerben?
Genau. Bewerben und versuchen, so dicht und so zugeschnitten an Zielgruppen ranzukommen, die man sonst vielleicht nicht erreicht. Das ist erfolgsversprechender. In einer idealen Welt wäre es fantastisch, wenn jeder mit 18 so eine Gewissenserforschung macht. Aber ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, wer das begleiten sollte.
Haben die bildungsnahen Menschen in Ihrer Beratung die neue EKD-Friedensdenkschrift schon mal gelesen?
Nein. (lacht) Ich glaube nicht. Die Denkschrift ist für den kirchlichen Fachdiskurs und die große Verunsicherung auf allen kirchlichen Ebenen wichtig, aber gesamtgesellschaftlich spielt sie leider keine große Rolle.
Wie erleben Sie die Zeitenwende in der evangelischen Friedensethik unmittelbar in Ihrer Arbeit?
Sie ist da, absolut. Ich möchteaber ganz deutlich noch einen weiteren Punkt danebenlegen: Es gibt noch eine zweite Zeitenwende, die wir noch nicht wirklich thematisieren, weil sie für uns alle sehr unangenehm ist. Sie beginnt spätestens mit dem Rauswurf Volodymyr Selenskyjs aus dem Oval Office und mündet in den aktuellen Grönland-Plänen der US-Regierung.
Unser wichtigster Bündnispartner – in der gesamtdeutschen Perspektive seit 1990, in der westdeutschen seit 1945 –, der die Weltordnung, in der wir leben, maßgeblich selbst erschaffen hat und davon auch profitiert hat: Er kündigt diese Weltordnung gerade teilweise auf. Das ist wirklich eine Zeitenwende. Die ist noch nicht angekommen in der gesamten Breite der evangelischen Friedensethik. Den russischen Angriff auf die Ukraine haben wir alle auf dem Schirm, das ist auch eine Zeitenwende, keine Frage. Auch da hat sich die evangelische Friedensethik durchaus bewegt. Die neue Denkschrift hat das nachvollzogen, was seit drei Jahren in der breiten Kirche läuft an Debatte.
Aber dieser neue Turn seit etwa einem Jahr, mit der Amtseinführung Trumps – der ist auch in der Politik noch nicht ganz angekommen, oder wird wenigstens nicht klar kommuniziert. Eine Unabhängigkeit unserer Verteidigungssysteme oder Verteidigungsfähigkeit von den USA ist nicht realisierbar. Das sagt sich als Wunsch leicht und ist gut nachvollziehbar, aber es geht schlicht nicht. Was bedeutet das nun? Darf sich die US-Administration nehmen, was sie will? Beurteilen wir ihr Handeln nach anderen Maßstäben? Manchmal bin ich nicht ganz sicher, ob wir alle diese zweite Zeitenwende wirklich schon mitvollzogen haben – gerade, weil sie so existenziell ist.
Welche Fragen kommen in den Beratungen, auf die Sie vielleicht auch erst mal keine Antwort haben?
Die große Verunsicherung schlägt sich oft in Einladungen zur Spekulation nieder: Muss ich dann in Litauen kämpfen? Was passiert, wenn Russland Deutschland überfällt? Muss ich dann eigentlich meine Ausbildung abbrechen? Alles Fragen, die man so nicht beantworten kann. Aber sie sind ein Zeichen von Angst und Unsicherheit, die ja gesamtgesellschaftlich nicht gerade kleingeredet wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass für einige Menschen in Medien und Politik schon feststeht, dass wir bald im Krieg sind – obwohl das ja kein Automatismus ist.
Sie selbst haben nie gedient – Wehrdienst war zu Ihrer Zeit kein großes Thema. Wie denken Sie heute darüber nach? Würden Sie heute dienen?
Ich bin durchaus bereit, mich für die Gesellschaft in die Pflicht nehmen zu lassen. Und ich merke, dass diese zweite Zeitenwende – der drohende Verlust des Bündnispartners USA – in mir ein Moment freigesetzt hat, das mich ganz groß fragen lässt, ob es nicht sinnhaft wäre, sich zur Landesverteidigung ausbilden zu lassen.
Es gibt Gruppen, die sind vom Wehrdienst befreit. Straftäter, Abgeordnete und Geistliche gehören dazu. Das heißt, ich habe nie verweigert, aber auch nie gedient. Was ich heute mit 18 machen würde, weiß ich nicht. Ich habe im Bekanntenkreis jemanden, der eher aus dem linken Spektrum kommt, nie bei der Bundeswehr war und jetzt angefangen hat, sich für den Dienst in der Reserve ausbilden zu lassen, mit Mitte 30. Dabei mit genau der Begründung: Irgendwas muss ich jetzt tun.
Und das muss nicht mit einer Waffe sein. Ich halte aber viel davon, unsere Gesellschaft insgesamt resilienter zu machen, das geht im Kopf los und umfasst auch Katastrophenübungen. Dann könnte man auch auf Naturkatastrophen wie die Flut im Ahrtal gezielter reagieren. Aber auch so eine Resilienz-Steigerung immer unter der Prämisse, dass es möglich sein muss – und das ist im Grundgesetz dankenswerterweise so geregelt –, zu verweigern und einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. Man kann ja auch im Kriegsfall, selbst wenn Deutschland angegriffen würde, den Wehrdienst verweigern.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Sonntagsblatt.de.
Sie meinen das Losverfahren im Ernstfall?
Im Kriegs- oder Spannungsfall tritt die Wehrpflicht automatisch in Kraft. Genau wie bei dem Losverfahren, wenn sich nicht genügend Freiwillige für den Wehrdienst melden, kann man dann auch verweigern. Es steht in unseren Grundrechten, die nur mit einer Zweidrittelmehrheit im Bundestag abgeschafft werden könnten. Das ist eine riesige Errungenschaft, die wir uns mühsam aufgrund unserer Geschichte erarbeitet haben. Es gibt viele Länder, in denen das nicht der Fall ist. Da kann man zwar den Wehrdienst verweigern, aber im Kriegs- oder Spannungsfall eben nicht. Hier ist das Gesetz. Und das ist übrigens auch ein Wert, den man verteidigen kann.
Zum Abschluss: Welches Beratungsgespräch geht Ihnen heute noch sehr nach?
Ein 17-jähriger Brandenburger, der zu mir sagte: Lieber einen ungerechten Frieden als einen gerechten Krieg. Also die ganze ethische Debatte, um die wir so ringen, die hat er für sich entschieden – auf eine Weise, wie ich sie nicht entscheiden würde. Er hatte für sich ganz klar: Nein, lieber ein erzwungenen Sieg-Frieden als überhaupt in irgendeiner Form Krieg. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es seine feste Überzeugung war. Und, weil er sie auch begründet im Gewissen verantworten konnte.