Fast die Hälfte der gesetzlichen Krankenkassen erhöht Beiträge – Versicherte haben weniger Netto

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Millionen Versicherte müssen mehr Geld für die Krankenkassen zahlen und haben weniger Netto vom Brutto. Trotzdem wechseln nur wenige Menschen ihre Kassen.

Hamburg – Im Jahr 2026 müssen Millionen Versicherte höhere Kassenbeiträge zahlen: 42 von 93 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland haben zum Jahreswechsel die Beiträge erhöht. Im Schnitt stieg der sogenannte Zusatzbeitrag, den die Kassen selbst erheben können, um 0,23 Prozentpunkte auf 3,36 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens an. Das geht aus täglich aktualisierten Daten des Spitzenverbandes der Krankenkassen (GKV) hervor. Versicherte haben dadurch etwas weniger Netto vom Brutto, Arbeitgeber mehr Kosten, da sie die Hälfte der Beiträge tragen.

Krankenkassen erhöhen Zusatzbeiträge – Merz-Regierung tüftelt an Sparpaket

Am letzten Tag des alten Jahres lag der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz noch bei 3,13 Prozent, wie ein Abgleich mit den Werten vom Vortag zeigt. Die Bandbreite reicht aktuell von 2,18 bis zu 4,39 Prozent. 48 Kassen nahmen demnach keine Beitragsanhebung vor, zwei Kassen senkten ihre Zusatzbeiträge. Zu einer Kasse liegen keine Daten vor. Seit dem Jahreswechsel gibt es nunmehr 93 statt wie zuvor 94 gesetzliche Kassen. Grund ist eine Fusion der Siemens-Betriebskrankenkasse mit der BKK Voralb.

Der Plan der Bundesregierung war es, die Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung kurzfristig stabil zu halten. Dafür hatte der Bundesrat vor Weihnachten noch ein Sparpaket verabschiedet, das vor allem Kosten in Kliniken bremsen soll. Einige große Kassen hatten trotzdem Beitragserhöhungen zum Jahreswechsel angekündigt. Sie halten das Sparpaket für zu klein. 

Krankenkassen
Knapp die Hälfte der Kassen hat den Zusatzbeitrag zum Jahreswechsel erhöht. (Ilustration) © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Der Zusatzbeitrag kommt zum feststehenden und für alle gültigen Krankenkassenbeitragssatz von 14,6 Prozent hinzu und wurde einst eingeführt, um Wettbewerb zwischen den Kassen zu fördern. Am Ende kann jede Krankenkasse für sich entscheiden, ob und wie stark sie ihn anhebt. Versicherte haben bei einer Erhöhung ein Sonderkündigungsrecht und können zu einem günstigeren Anbieter wechseln. Die Erhöhungen werden vorher per Brief angekündigt.

Steigende Krankenkassenbeiträge – Versicherte haben weniger Netto vom Brutto

Die errechneten Durchschnittswerte berücksichtigen nicht, wie viele Versicherte bei jeder Kasse sind und sagen deshalb nur bedingt etwas darüber aus, wie hoch der Zusatzbeitrag im Schnitt für einen typischen Versicherten ist.

Bei einem Bruttoeinkommen von 3.000 Euro würde ein Anstieg des Zusatzbeitrags um 0,23 Prozentpunkte etwa 3,50 Euro weniger netto im Monat bedeuten. Gutverdiener werden im neuen Jahr zudem durch eine turnusgemäße Anhebung der sogenannten Beitragsbemessungsgrenzen mit höheren Renten- und Krankenkassenbeiträgen stärker belastet als im alten Jahr.

Krankenkassen erhöhen Beiträge 2026 – nur wenige wollen ihre Kassen wechseln

Trotz steigender Beiträge wechseln in Deutschland laut einer Umfrage nur wenige gesetzlich Versicherte ihre Krankenkasse. Entscheidend sind nicht nur die Kosten, sondern die Kombination aus Leistung und Beitrag. 2025 entschieden sich nur fünf Prozent für eine neue Kasse, wie das Verbraucherportal Finanztip mitteilte. 39 Prozent hätten noch nie ihre Krankenkasse gewechselt. Dabei seien zwei Drittel der Wechsler mit ihrer neuen Kasse zufriedener als vorher, wie aus der repräsentativen Umfrage hervorging. Jeder Dritte gab sogar an, deutlich zufriedener zu sein.

Unzufriedener waren nach dem Wechsel demnach nur rund vier Prozent. „Die hohe Zufriedenheit zeigt: Ein Kassenwechsel kann sich durchaus lohnen“, erklärte Finanztip-Expertin Barbara Weber. Durch einen Wechsel lasse sich zudem oft sparen, ohne dass Versicherte auf Leistungen verzichten müssten, fuhr das Verbraucherportal in Berufung auf seinen Krankenkassenvergleich fort.

Das Sparpotenzial bei einem Wechsel bezifferte Finanztip auf hunderte Euro pro Jahr und verwies auf seinen Online-Rechner, mit dem sich Versicherte die Einsparung individuell berechnen könnten. Am sinnvollsten sei ein Vergleich zum Jahreswechsel, empfahl das Verbraucherportal. Bei Erhöhung des Zusatzbeitrages haben Versicherte demnach ein Sonderkündigungsrecht. Für die Erhebung befragte Innofact den Angaben zufolge im Auftrag von Finanztip im Dezember 2025 insgesamt 1017 Personen. Die Ergebnisse sind laut Finanztip repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren

Kassen beklagen steigende Ausgaben – Beitragsspirale dreht sich 2026 weiter: „Hält kein System aus“

Warum steigen die Kassenbeiträge jedes Jahr? Ein wesentlicher Grund sind die immer weiter steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen. Die Summen sind enorm, wie ein Blick auf die Finanzentwicklung zeigt. Abschließende Zahlen liegen für 2024 vor, für 2025 noch nicht. Die Gesamtausgaben der Kassen lagen bei 312 Milliarden Euro (2023: 289 Mrd.). 102 Milliarden Euro flossen in Krankenhausbehandlungen (2023: 94 Mrd.), für 2025 werden noch einmal rund zehn Milliarden mehr erwartet. 55 Milliarden Euro betrugen die Ausgaben für Medikamente (2023: 50 Mrd.) und 50 Milliarden wurden für ärztliche Behandlungen (2023: 47) ausgegeben.

Für 2025 werden für die Krankenkassen Gesamtausgaben von rund 347 Milliarden Euro prognostiziert. Und im neuen Jahr geht es weiter steil nach oben: Es wird mit einem Anstieg auf nunmehr 370 Milliarden Euro gerechnet. „Solche Steigerungsraten hält auf Dauer kein Gesundheitssystem aus“, hatte Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Chefin des GKV-Spitzenverbandes, der „Rheinischen Post“ vor allem mit Blick auf Klinikbehandlungen und Arzthonorare gesagt.

Kassen fordern dringende Reformen – und wollen unter anderem mehr Geld für Bürgergeldbeziehende

Seit Monaten werden zahlreiche Reformvorschläge von Verbänden, Wirtschaft und Politik diskutiert. Was umgesetzt wird, wird sich im Laufe des Jahres zeigen. So steht im Koalitionsvertrag etwa das „Primärarztsystem“. Patienten sollen zunächst den Hausarzt aufsuchen und nur mit Überweisung zum Facharzt. Bisher gilt freie Arztwahl, Überweisungen sind nur für einige Fachärzte nötig. Weitere Vorschläge sind.

Daneben wird Kontaktgebühr für Arztbesuche und Gebühren für die unangekündigte Nutzung von Rettungsstellen diskutiert, höhere Zuzahlungen bei Klinikaufenthalten und Medikamenten und eine Entlastung der Hausärzte durch Übertragung bestimmter Aufgaben an Fachpersonal. Ein besonders kontroverser Vorschlag ist, dass der Staat höhere Versicherungsbeiträge für Bürgergeld-Empfänger zahlt und klagen deswegen. Die aktuelle Pauschale von rund 133 Euro monatlich sei zu niedrig. (Quellen: dpa) (bohy)