ARD-Doku prangert Milchindustrie an – das Problem liegt bei den Verbrauchern

Die Empörungskultur ist groß inzwischen. "Die da oben" würden keine gute Politik machen. Der Nachbar sei rücksichtslos, der Chef ein unfähiger Grobklotz. Schuld sind jedenfalls immer die anderen, nie man selber. Und dann werden wir natürlich auch noch ständig übers Ohr gehauen von der bösen Lebensmittelindustrie. Zu teuer, zu klein, zu schlecht – all das, was wir bekommen, ist nicht gut genug. Wirklich?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen prangert auch gerne an, wenn es ums Essen und Trinken geht. Etabliert haben sich viele Sendungen ums Besseressen, ums Aufdecken und um die zwar legalen, aber unschönen Tricks der Lebensmittelindustrie. So auch "Die Tricks der Milchindustrie".

ARD zeigt, was wir doch längst selbst erkennen müssten

Wir lernen: Viele Produkte kaufen Verbraucher, weil sie Gutes versprechen. Also riesige Früchte auf der Buttermilchverpackung, die Vitamine in rauen Mengen liefern. Tolle Zusätze, die eine perfekte Darmflora erzeugen. Und "High Protein"-Schmankerl, die Muskeln aufbauen und einen um Jahre verjüngen. Wer glaubt denn so etwas? Braucht es da wirklich eine ARD-Sendung, um beim Verbraucher einen Aha-Effekt zu evozieren? Brauchen wir noch mehr Nannys in unserem Leben?

Wir lernen dennoch Menschen kennen, die Werbe-Slogans auswendig wissen und die abgebildeten Früchte auf Verpackungen für wahr halten. "Das ist gesund", sagt eine Probandin. Sie schwört auf Joghurt als gesunde Alternative zu Süßigkeiten. Blöd nur, dass in einem Buttermilch-Drink oder einem kleinen Joghurt umgerechnet bis zu 18 Würfel Zucker enthalten sind. Eine Verbraucherschützerin sagt lapidar: "Das betrifft fast alle Produkte."

Eine Probandin zur anderen: "Da fühlt man sich verarscht"

Als das Geheimnis um den Zucker bei den Test-Verbrauchern gelüftet ist, sagte eine Frau zu einer anderen: "Da kannst du lieber Schokolade essen." Und weiter: "Da fühlt man sich verarscht." Echt jetzt? Können die Leute eigentlich nicht lesen, was auf den Verpackungen steht? 

Ein Produzent antwortet auf die ARD-Anfrage nach den Zuckerzusätzen: "Wir setzen auf mündige Kunden." Und damit hat das Unternehmen absolut recht. Und wer sich nicht die Mühe machen will, die Zusatzstoffe zu studieren, soll seinen Joghurt halt selber machen. Ist ohnehin billiger und gesünder. Beispielsweise kostet es ein Drittel, Milchalternativen zu Hause mit Mandeln, Hafer oder Soja herzustellen und nicht für bis zu drei Euro pro Packung im Supermarkt zu kaufen.

Rohmilch ist "Superfood": Influencer müssen es ja wissen

Besonders anfällig sind junge Menschen für Versprechen. Mit "High Protein" in Joghurt und Quark glaubt man, sich etwas Gutes zu tun. Haben ja schließlich die Influencer auf Instagram und TikTok behauptet. Ein Ernährungswissenschaftler entgegnet: "Diese High-Protein-Produkte sind für niemanden geeignet – und zu viel Proteine sind sogar gesundheitsgefährdend." 

TV-Kolumne "Die Tricks der Milchindustrie"
Influencer auf Instagram oder TikTok preisen Rohmilch als "Superfood" an - dabei sind die Gesundheitsrisiken groß ARD

Ein neuer Trend ist auch Rohmilch – natürlich ebenso auf Instagram und TikTok. Jeder Bauer sagt: Vor dem Verzehr bitte abkochen. Denn diese Milch kann Keime enthalten, die Durchfall und Erbrechen befördern können. Auf Social Media hören wir dagegen: "Rohmilch ist Superfood!" Wenn die Influencer das sagen, wird’s schon stimmen. Was in jedem Fall stimmt, sagt ein Labor-Test: "Rohmilch ist nicht besser als Milch aus dem Supermarkt."

Tierwohl und gesunder Menschenverstand – das wäre die Lösung

Wer die frühe Trennung von Kalb und Mutter ablehnt sowie Transport von Kälbern quer durch Deutschland nicht artgerecht findet, kann das mit seinem Verhalten ändern. Wer glaubt, dass Früchte-Milch-Shakes nur gesunden Inhalt anbieten, sollte das Lesen auf der Rückseite von Verpackungen für seine Gesundheits-Bildung befördern. 

Wem das zu viel Kleingedrucktes ist: Gerne auch die Brille dafür aufsetzen! Und am Ende nicht die böse Industrie verantwortlich machen, wenn in der Buttermilch fast 20 Stückchen Zucker drin sind.