Deutschland wird einer aktuellen Studie zufolge in der russischen Öffentlichkeit überwiegend negativ wahrgenommen, besonders seit Beginn des Ukraine-Kriegs.
Eine neue Studie zeigt: Das Bild Deutschlands in Russland hat sich seit Beginn des Ukraine-Kriegs deutlich verschlechtert – und bleibt es bis heute. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des unabhängigen Lewada-Zentrums, die von der Deutschen Sacharow Gesellschaft in Auftrag gegeben wurde.
Ein erster Einschnitt im Deutschlandbild zeigt sich bereits im Jahr 2014. Bis dahin wurde Deutschland als das russlandfreundlichste der westlichen Länder wahrgenommen. Mit der Annexion der Krim und den darauf folgenden Sanktionen westlicher Staaten begann sich diese Einschätzung der russischen Bevölkerung zu verändern, wie die Studie festhält.
Deutlicher Stimmungsumschwung seit 2022
Einen weiteren Bruch markierte das Jahr 2022. Nach Beginn des militärischen Vorgehens Russlands gegen die Ukraine verschärfte sich die negative Haltung gegenüber Deutschland deutlich. Bereits im Mai 2022 gaben 66 Prozent der Befragten an, eine schlechte Meinung von Deutschland zu haben. Damit erreichte die Ablehnung laut Studie einen Höchststand.
Auch in den Folgejahren blieb das Deutschlandbild überwiegend negativ. Im Jahr 2025 äußerten 58 Prozent der Befragten eine negative Einstellung gegenüber Deutschland. Davon bewerteten 34 Prozent das Land als „sehr negativ“ und 24 Prozent als „überwiegend negativ“. Gleichzeitig hatten 25 Prozent eine gute Meinung von Deutschland, berichtete das Lewada-Zentrum.
Unterschiede nach Alter, Wohnort und Mediennutzung
Besonders ausgeprägt ist die Ablehnung Deutschlands bei älteren Befragten. In der Altersgruppe ab 55 Jahren äußerten sich 70 Prozent negativ. In Moskau lag dieser Wert bei 75 Prozent. Ebenfalls überdurchschnittlich kritisch eingestellt waren Personen, die die Arbeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin gutheißen, sowie Befragte, die dem staatlichen Fernsehen als wichtigste Informationsquelle vertrauen, teilten die Studienautoren mit.
Deutlich positiver fällt die Einschätzung bei jüngeren Menschen aus. Unter den unter 25-Jährigen haben 48 Prozent eine gute Meinung von Deutschland. Auch Befragte, die der politischen Entwicklung im Land kritisch gegenüberstehen oder alternative Informationsquellen wie Telegram nutzen, äußerten sich häufiger positiv, berichtete das Institut.
Deutschland im Spannungsfeld eines widersprüchlichen Westbildes
Die Studie beschreibt ein grundsätzlich ambivalentes Verhältnis der russischen Öffentlichkeit zu westlichen Staaten. Einerseits gebe es ausgeprägte Ablehnung, die auch Deutschland betreffe. Andererseits zeigten viele Befragte weiterhin Bewunderung für den wirtschaftlichen Wohlstand und die Lebensverhältnisse in Europa und den USA, erklärten die Autoren.
Diese Gegensätze stünden nach Darstellung der Forscher im Zusammenhang mit innenpolitischen Entwicklungen. Politische Kräfte, die an der Sicherung bestehender Machtverhältnisse interessiert seien, hätten die kritische Haltung gegenüber westlichen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Deutschland erscheine dabei vor allem als Teil der Europäischen Union und weniger als eigenständiger Akteur, berichtete das Lewada-Zentrum.
Antiwestliche Botschaften prägen die öffentliche Meinung
Nach Einschätzung der Studienautoren trägt die gezielte Kritik an westlichen Staaten zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung bei. Rechtsstaatliche Prinzipien, Demokratie und individuelle Freiheiten würden in der öffentlichen Kommunikation häufig negativ dargestellt und mit Instabilität oder wirtschaftlichen Risiken verbunden.
Die Lenkung der öffentlichen Meinung erfolge dabei vor allem über antiwestliche Ressentiments und die Darstellung früherer Reformen der 1990er Jahre als Ursache sozialer Unsicherheit. Deutschland werde in diesem Zusammenhang ähnlich bewertet wie andere europäische Staaten, hieß es.
Die Untersuchung des unabhängigen russischen Lewada-Zentrums basiert auf einer repräsentativen Befragung von 1.612 Erwachsenen in Russland. Die Interviews wurden persönlich in den Wohnungen der Befragten geführt. Befragt wurden ausgewählte Personen aus 137 Ortschaften in der gesamten Russischen Föderation. Das Lewada-Zentrum ist ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Moskau. Die Studie analysiert langfristige Trends im Verhältnis der russischen Bevölkerung zu westlichen Staaten und stützt sich auf Vergleichsdaten aus mehreren Jahren. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsinfive.de.)