Die Ukraine hofft auf Tomahawk-Raketen, um Druck auf Russland auszuüben. Ein Vertreter wirbt in den USA. Doch die Entscheidung liegt bei Donald Trump.
Washington, D. C. – Während die Friedensgespräche im Ukraine-Krieg ohne Durchbruch bleiben, wächst der Druck auf die US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Ein ukrainischer Interessenvertreter drängt in den USA nun offenbar erneut darauf, der Ukraine erstmals Tomahawk-Marschflugkörper zur Verfügung zu stellen. Sie sollen als strategisches Druckmittel gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin genutzt werden.
Im Zentrum der Initiative steht Dan Rice, Präsident der American University Kyiv und ehemaliger Sonderberater des Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte. In seiner damaligen Rolle galt er als Marketing-Experte, mit besonderem Fokus auf US-Regierungsbeamte und das Ziel, Waffenlieferungen zu organisieren. Nun wirbt Rice hinter den Kulissen für einen Kurswechsel: Militärische Hebel sollen Moskau an den Verhandlungstisch zwingen. Dafür traf Rice sich laut der Kyiv Post im Pentagon mit US-Verteidigungsminister Pete Hegseth.
Unsicherheit bei Putin verursachen: Ukraine-Vertreter hat genaue Strategie für Tomahawk-Lieferung
Bei dem Gespräch habe Rice eigenen Angaben zufolge Hegseth direkt gebeten, der Ukraine eine kleine, nicht öffentlich gemachte Anzahl landgestützter Tomahawk-Raketen zur Verfügung zu stellen. Sein Vorschlag laut der Kyiv Post: Von dieser unbekannten Menge Tomahawks jeden Tag eine Rakete auf wertvolle russische Ziele abfeuern. Falls Putin einen Friedensdeal im Ukraine-Krieg weiter ablehnen sollte, sollte die Ukraine das Tempo erhöhen, so Rice. Ein zentrales Mittel sei dabei Unsicherheit, die man so verursachen könne.
Tomahawks gelten als die reichweitenstärksten konventionellen Marschflugkörper der USA. Je nach Variante können sie Ziele in bis zu 4000 Kilometern Entfernung treffen – tief im russischen Staatsgebiet. Dadurch könnten auch kleinere Mengen der Tomahawk-Raketen „enormen Druck auf Putin“ ausüben, so Rice gegenüber der Kyiv Post.
Nur ein paar Tomahawks: Ex-Berater der Ukraine betont vergangene Erfolge gegen Russland
Als Präzidenzfall nannte Rice den erstmaligen Einsatz von ATACMS-Raketen im November 2023. Nachdem die Ukraine dort zwei Dutzend russische KA-52-Kampfhubschrauber attackiert habe, hätte Russland seine Helikopterflotte von der Krim abgezogen und seine Kriegspläne umgeschrieben. Die Lieferung dieser Raketen war wohl nach Angaben der Kyiv Post unter anderem auch der „Marketing-Strategie“ des Ex-Beraters zu verdanken. Für die Tomahawk-Diskussion holt er alte Methoden wieder hoch, inklusive Slogan: „Entfesselt die Tomahawks.“
„Ein paar Tomahawks würden dasselbe bewirken“, sagte Rice. „Die Reichweite ist so groß, dass Russland einfach nicht alle seine kritischen Standorte verteidigen kann.“ Er erinnerte daran, dass die Ukraine bereits über landgestützte Abschusssysteme, die Tomahawsks transportieren können, verfüge – die sogenannten „Typhoons“.
Ukraine-Vertreter will Tomahawk-Hemmschwelle durchbrechen – und spürt Durchbruch für Lieferung
Es ginge Rice auch darum, mit einer kleinen Tomahawsks-Lieferungen die Hemmschwelle zu durchbrechen. „Die erste Einzelwaffe eines neuen Waffensystems ist politisch immer am schwierigsten. Aber sobald man die Schwelle überschritten hat – das Siegel gebrochen hat –, ist die Debatte beendet“, so der Interessensvertreter. Beispiele wie Leopard-Panzer oder HIMARS-Artelleriesysteme hätten gezeigt, dass dann auch der Protest aus Russland versiege.
Rice argumentierte, 100 bis 200 Tomhawks seien „proportional“, wenn man sich die russischen Waffentypen anschaue. Er nannte unter anderem Iskander-Raketen und große Mengen an Shahed-Drohnen. Der Ex-Sonderberater des Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte zeigte sich optimistisch, dass die Ukraine bald so einen Erfolg feiern könnte. Aus seiner Erfahrung mit vergangenen Durchbrüchen sagte er: .„Jedes Mal war die Dynamik offensichtlich“, sagte Rice. „Ich spüre sie jetzt bei den Tomahawks.“
Pentagon gab grünes Licht für Tomahawk-Lieferungen – US-Präsident Donald Trump stellt sich quer
Ende Oktober hatte das Pentagon laut CNN grünes Licht für Tomahawk-Lieferungen an die Ukraine gegeben. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump allerdings betont, die USA bräuchten die Tomahawk-Raketen für die eigene Sicherheit. Hinter geschlossenen Türen soll Trump dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesagt haben, die USA würden zunächst keine Tomahawks liefern.
Allerdings stiegen die Hoffnungen auf eine Lieferung erneut, nachdem das US-Verteidigungsministerium den Kauf von insgesamt 350 neuen Tomahawk-Raketen ankündigte. Defense Express zufolge solle der Kauf insgesamt 785,2 Millionen US-Dollar kosten. Es hieß, dass neben der US-Armee und Marine auch zwei ausländlische Kunden Raketen bekommen sollten, wohl Australien und Japan. Von der Ukraine war bisher keine Rede.
In Trumps Umfeld gibt es unterschiedliche Einschätzungen zu der Tomahawk-Frage. Geggenüber der Kyiv Post kamen zwei anonyme, hochrangige Beamte der Trump-Regierung auf gegensätzliche Einschätzungen. „Präsident Trump will Einfluss, keine Eskalation“, so der eine. Der andere: „Der Präsident glaubt an Schock und Druck. Das ist Einfluss. Echter Einfluss.“ Er behauptete, die Argumente von Rice könnte in der US-Regierung ankommen, weil sie Trumps Verhandlungsstil ähnelten. (Quellen: Kyiv Post, Defense Express, CNN, eigene Recherche) (lismah)