„Wollen, dass sie bleiben dürfen“: Bayerische Grundschule kämpft für fünfköpfige Familie

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Familie Gezahegn vor der Pestalozzi-Grundschule in Regensburg. Vater und Mutter möchten in der Pflege arbeiten. © Stefan Aigner

Die Kinder sind bei den Mitschülern beliebt, die Eltern gut integriert. Trotzdem soll eine Familie nach Äthiopien abgeschoben werden – dort drohen Gewalt und Tod.

Regensburg – „Wir wollen, dass Soliana und Eguel an unserer Schule bleiben dürfen.“ „Habt keine Angst, wir stehen hinter euch.“ „Kinder brauchen Freunde, keine Abschiebung.“ Daneben ein durchgestrichenes Polizeiauto.

Abschiebeversuch scheiterte: Crew weigerte sich

Diese Botschaften stehen auf den bunten Plakaten, die Soliana (9), Eguel (7) und ihre Schwester Saron (5) letzte Woche von den Schülerinnen und Schülern der Pestalozzi-Grundschule in Regensburg erhalten haben. Die Schulgemeinschaft ist entsetzt über das, was der Familie vor letzten Mittwoch widerfahren ist.

Zwar scheiterte der Abschiebeversuch – die Crew des Flugzeugs in Frankfurt weigerte sich –, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei wieder vor der Tür steht.

Eltern sprechen gut deutsch und wollen arbeiten

Mihretab Haile Gezahegn, seine Frau Kidan Hinsta und ihre Kinder zeigen, wie wenig der Staat Integrationswillen honoriert. Sie sprechen gut Deutsch, wollen arbeiten – in der Pflege, einem dringend benötigten Bereich –, doch alle Bemühungen um ein Bleiberecht scheiterten.

Der Familie droht die Abschiebung nach Äthiopien. Dort, in der Region Tigray, erwartet sie mit hoher Wahrscheinlichkeit der Tod – durch Hunger oder staatliche Gewalt.

2022 flohen die Gezahegns vor dem Bürgerkrieg in Äthiopien nach Deutschland. Der Konflikt hat über 600.000 Menschen das Leben gekostet. Laut Amnesty International wurden mehr als 120.000 Frauen vergewaltigt, fast zwei Millionen Menschen vertrieben. Mihretab Haile und Kidan Hinsta verloren mehrere Verwandte bei Drohnenangriffen.

„Bis zum Krieg ging es uns gut“, erzählen die Eheleute. Sie hatten ein Haus, ein kleines Auto, kamen zurecht. „Wenn es möglich wäre, würden wir zurückkehren, aber das geht nicht.“

Trotz eines Friedensabkommens 2023 herrschen in Tigray weiterhin Kämpfe. Milizen morden, vergewaltigen und verhaften willkürlich. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Region.

Mutter hatte gerade ihr Kind verloren – da stand die Polizei vor der Tür

Nach ihrer Ankunft in Deutschland landete die Familie in Neumarkt. Sie übergaben den Behörden gutgläubig ihre Pässe, in der Hoffnung, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Beide besuchten erfolgreich Deutschkurse. Der Vater arbeitete als Pflegeassistent bei der Diakonie, die ihm sogar eine Ausbildungsstelle anbot. Doch die Ausländerbehörde verweigerte die Genehmigung.

Die Pässe in den Händen der Behörde hatten einen anderen Effekt: Sie erleichterten die Abschiebung. Am 27. Februar 2025 kam die Polizei. Sie holte die Kinder aus Schule und Kindergarten, nahm den Vater in der Asylunterkunft fest.

Kidan Hinsta war an diesem Tag nicht zu Hause – sie wurde gerade aus dem Krankenhaus entlassen, wo sie nach einer Infektion ihr Kind verloren hatte. Nur deshalb scheiterte die Abschiebung. Stattdessen erhielt die Familie die Aufforderung, Deutschland bis Mitte April zu verlassen.

Aus Angst flohen sie nach Frankreich. Dort lebten sie monatelang auf der Straße, aßen in Notküchen, suchten Hilfe bei Kirchen und sozialen Einrichtungen. Doch auch dort hieß es: Ihr könnt nicht bleiben. Im Oktober kehrten sie nach Deutschland zurück, nach Regensburg. Seitdem leben sie hier, geduldet, mit monatlicher Frist.

Der Vater darf nicht arbeiten. Die Mutter könnte mit Genehmigung der Behörde – doch diese bleibt aus, obwohl es Angebote gibt. Mihretab Haile Gezahegn zeigt einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag als Pflegefachhelfer in Hersbruck. Doch die Ausländerbehörde blockiert. Stattdessen kam am Mittwoch der zweite Abschiebeversuch.

Ohne Pause zum Flughafen - Kinder nässten sich ein

Am Nachmittag klopfte die Polizei an die Tür im Ankerzentrum. Die Familie sollte schnell eine Tasche packen. Ohne Essen oder Toilettenpause ging es direkt zum Flughafen nach Frankfurt. Die Mutter musste mehrfach die Kleidung der Kinder wechseln, die sich vor Angst einnässten. Soliana, die älteste Tochter, hat in Äthiopien miterlebt, wie die Behörden ihren Vater misshandelten. Seitdem fürchtet sie Polizisten.

Auf dem Weg zum Flugzeug – es war halb zehn Uhr abends – flehte sie die Beamten an, sie hierbleiben zu lassen. Die Kinder weinten, die Mutter drohte mit Suizid. „Schiebt mich ab, aber lasst meine Kinder hier“, rief sie.

Letzte Hoffnung Härtefallkommission

Die Crew des Flugzeugs weigerte sich, die Familie mitzunehmen. Um vier Uhr früh kehrten sie nach Regensburg zurück. „Die Beamten sagten, sie kommen wieder – und nehmen uns dann mit Gewalt mit“, weint Kidan Hinsta.

Alle regulären Asylmöglichkeiten sind ausgeschöpft. Die letzte Hoffnung ist die Härtefallkommission des Bayerischen Innenministeriums – ein langwieriger Prozess mit vielen Hürden. Die Schulgemeinschaft der Pestalozzi-Grundschule will das nicht hinnehmen. Am Freitag begannen sie, Unterschriften für die Familie zu sammeln.