„Genesung wird Jahre dauern“: Schülerin überlebte Brand in Crans-Montana – Bruder spricht von „großer Angst“

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Die 16-jährige Sofia überlebte das Feuer in Crans-Montana schwer verletzt. Ihr Bruder Mattia erinnert sich an die bangen Stunden nach der Tragödie.

Mailand – Ein Silvesterabend, der als fröhliche Feier geplant war, wurde zur Tragödie unfassbaren Ausmaßes. Als inm Schweizer Crans-Montana die Bar „Le Constellation“ in Flammen aufging, starben 40 Menschen, 116 weitere trugen teils lebensgefährliche Verletzungen davon. Der verheerende Brand machte internationale Schlagzeilen – nicht nur wegen der hohen Opferzahl, sondern auch wegen der Umstände, die zu der Katastrophe führten.

Außenansicht von Bar in Crans-Montana
Nach dem Brand in der Schweizer Bar werden noch immer zahlreiche Opfer in Kliniken versorgt. © Marco Alpozzi/picture alliance/dpa

Während der Barbetreiber Jacques Moretti mittlerweile gegen 215.000 Euro Kaution wieder in Freiheit ist, kämpft die 16-jährige Schülerin Sofia aus Italien in einem Mailänder Spezialkrankenhaus noch immer um ihr Leben. Ihr Bruder Mattia, der ebenfalls in Crans-Montana war, gewährt nun Einblicke in den qualvollen Alltag einer Familie, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung gefangen ist.

„Haben sie an ihren Fingernägeln erkannt“: Bruder von Brandopfer erinnert sich an Crans-Montana-Tragödie

Sofia war mit ihrer Freundin in der Bar, als das Feuer ausbrauch. Die Identifizierung seiner Schwester wird Mattia D. niemals vergessen. „Wir erkannten sie an ihren Fingernägeln“, schildert der 26-Jährige gegenüber dem Corriere della Sera die traumatischsten Stunden seines Lebens. Französische Jugendliche hatten der bewusstlosen Sofia nach dem Brand beigestanden, bevor Rettungskräfte sie abtransportierten.

Was folgte, war ein Martyrium der Ungewissheit. Drei endlose Stunden habe niemand aus der Familie gewusst, wo sich Sofia befand oder ob sie überhaupt noch am Leben war. Erst durch eine Odyssee von Telefonaten bei verschiedenen Kliniken habe sich herausgestellt: Das Mädchen lag schwer verletzt in einem Lausanner Hospital.

Mattia, seine Eltern Gennaro und Filomena sowie seine andere Schwester Alice leiden heute alle unter derselben psychischen Nachwirkung: „Sobald wir unterirdische Räume betreten, wie Parkhäuser oder sogar manche Turnhallen, suchen wir sofort den Notausgang“, erzählt Mattia. Sie hätten eine „große Angst vor geschlossenen Räumen“ entwickelt. Doch für Sofia bleiben sie stark. Ihr neuer Alltag spiele sich ausschließlich im Krankenhaus ab. Die Familie habe eine eiserne Regel: Niemand wechselt sich ab, alle bleiben zusammen.

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Sofias Zustand ist kritisch und wird es noch lange bleiben. Mattia spricht in der Tageszeitung Klartext über die düsteren Prognosen der Ärzte: „Die Genesung wird sich über Jahre hinziehen, nicht über Monate.“ Die Gefahr von Infektionen sei permanent hoch, zusätzlich belastet durch die giftigen Dämpfe der Schallschutzverkleidung, die Sofia und andere Opfer in der brennenden Bar eingeatmet hatten.

Auf der Intensivstation durchlebe die 16-Jährige kurze Momente des Erwachens, die ihre Familie mit Hoffnung erfüllen, auch wenn echtes Bewusstsein noch fern sei. Mattia und seine Angehörigen sprechen pausenlos mit der an lebenserhaltenden Maschinen angeschlossenen Sofia, überzeugt davon, dass ihre Stimmen sowohl ihr als auch ihnen selbst Kraft spenden.

Vor der Katastrophe führte Sofia ein normales Teenagerleben. Als jüngste der Familie habe sie eine besonders enge Beziehung zu ihrem zehn Jahre älteren Bruder gepflegt. Mattia chauffierte sie regelmäßig zur Schule und zu Sportterminen – alltägliche Geschwistermomente, die heute wie Erinnerungen aus einem anderen Leben wirken. Der letzte normale Kontakt zwischen den Geschwistern fand am Silvestertag statt, nur Stunden vor der Brandkatastrophe.

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Jacques Morettis Entlassung aus der Untersuchungshaft hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni kritisierte die Schweizer Justiz scharf und sprach auf dem Nachrichtendienst X von einer „Beleidigung der Opfer und ihrer Angehörigen“. Die italienische Regierung kündigte diplomatische Schritte an. Wie der Corriere berichtet, sei bereits der italienischen Botschafter in Bern zurückberufen worden, „um weitere Maßnahmen festzulegen“.

Seine Familie strebe nach Gerechtigkeit, nicht nach Vergeltung, betont Mattia. Das Vertrauen in rechtstaatliche Verfahren sei ungebrochen. „Unser Fokus liegt darauf, im Hier und Jetzt zu bleiben, objektiv zu denken und bereit zu sein, wenn Sofia Fortschritte macht“, erklärt der junge Mann seine pragmatische Herangehensweise. Die überwältigende Hilfsbereitschaft, die der Familie in Italien und der Schweiz entgegenschlägt, stärke ihren Durchhaltewillen. (Quellen: Corriere della Sera, X) (jaka)