Jacques Moretti ist nach Zahlung einer Kaution aus der U-Haft entlassen worden. Besonders in Italien wurde die Gerichtsentscheidung scharf kritisiert.
Crans-Montana – Angehörige und Anwälte der Opfer der verheerenden Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana reagieren mit Entsetzen auf die Freilassung des Bar-Betreibers Jacques Moretti. Das zuständige Gericht im Kanton Wallis hob die Untersuchungshaft des 49-Jährigen gegen eine Kaution von 200.000 Schweizer Franken (etwa 215.000 Euro) auf.
„Ein Skandal und eine Schande für die Opfer und ihre Familien“, kommentierte Jean-Luc Addor, der die Angehörigen eines bei dem Unglück getöteten Jugendlichen vertritt. Christophe de Galembert, Anwalt eines trauernden Vaters, bezeichnete die Freilassung als „unerwartet und schockierend“.
„Beleidigung des Andenkens an die Opfer der Tragödie“ - Scharfe Reaktionen aus Italien auf Freilassung
Die Entscheidung erfolgte knapp drei Wochen nach dem verheerenden Brand in der Bar „Le Constellation“ in der Silvesternacht, bei dem 40 Menschen starben – die Hälfte davon minderjährig. Weitere 116 Personen erlitten Verletzungen, viele davon schwere. Besonders brisant: Unter den Todesopfern befanden sich sechs junge Menschen aus Italien, was auch internationale Reaktionen hervorrief.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagiert „empört“ auf die Nachricht der Freilassung. „Ich halte dies für eine Beleidigung des Andenkens an die Opfer der Silvester-Tragödie und eine Beleidigung ihrer Familien, die unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden. Die italienische Regierung wird die Schweizer Behörden zur Rede stellen“, wird Meloni vom Corriere della Sera zitiert.
Der italienische Außenminister Antonio Tajani sprach von einem „echten Affront“ gegenüber den Familien der Opfer. Die Freilassung Morettis, der seit dem 9. Januar in Untersuchungshaft saß, stößt bei den Opferanwälten auf grundsätzliche Bedenken. Romain Jordan erklärte gegenüber AFP, seine Mandanten seien schockiert darüber, „dass erneut keine Rücksicht auf die Gefahr von Absprachen und des Verschwindens von Beweismitteln genommen wird“. Die Kaution wurde laut Gerichtsangaben von einem Freund des Bar-Betreibers hinterlegt.
Barbetreiber muss sich täglich bei Polizei melden
Das Gericht versuchte, mit Auflagen einem möglichen Fluchtrisiko entgegenzuwirken. Moretti muss sich täglich bei der Polizei melden, darf die Schweiz nicht verlassen und musste alle Identitäts- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft hinterlegen. Gegen ihn und seine Frau, die unter Auflagen bereits auf freiem Fuß war, wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung ermittelt. Sie weisen jede Schuld von sich. „Jessica und Jacques Moretti werden weiterhin gemeinsam auf alle Anfragen der Behörden reagieren“, ließen die Anwälte der Verdächtigen laut Nachrichtenagentur Ansa mitteilen.
Die Ermittler vermuten als Brandursache Feuerwerksfontänen an Flaschen, die zu nahe an die mit Schaumstoff verkleidete Decke gehalten wurden. Moretti hatte während einer Vernehmung angegeben, diesen schalldämpfenden Schaumstoff selbst in einem Baumarkt gekauft und angebracht zu haben. Mehr als drei Wochen nach der Katastrophe werden nach Angaben von Schweizer Behörden und Krankenhäusern noch immer rund 70 Verletzte in der Schweiz und anderen Ländern medizinisch betreut. Einige Schwerbrandverletzte befinden sich weiterhin auf Intensivstationen und kämpfen um ihr Leben. (Quelle: afp, Corriere della Sera, Ansa) (jm)