„An ihren Fingernägeln erkannt“: Bruder von Brandopfer offenbart nach Crans-Montana-Tragödie „große Angst“

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Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana kämpft Sofia (16) um ihr Leben. Ihr Bruder erinnert sich an den Tag, der für die italienische Familie alles veränderte.

Mailand – Die Brandkatastrophe vom 31. Dezember 2025 in der Bar „Le Constellation“ im schweizerischen Crans-Montana erschütterte die Welt: 40 Menschen verloren ihr Leben, 116 weitere wurden verletzt, die meisten erlitten schwere Verbrennungen. Der Bar-Besitzer Jacques Moretti ist wieder auf freiem Fuß – gegen eine Kaution von 200.000 Schweizer Franken (rund 215.000 Euro) und unter strengen Auflagen. Während die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung weiterlaufen, kämpfen die Geretteten noch immer um ihr Leben.

Gedenken in Crans-Montana
Die Schwester von Mattia Donadio war mit einer Freundin in der Bar, als das Lokal Feuer fing. © Philipp von Ditfurth/picture alliance/dpa

Eines der Opfer war die 16-jährige Sofia D. Die italienische Jugendliche war über die Feiertage bei einer Klassenkameradin in Crans-Montana zu Gast. Ihr Bruder Mattia und Schwester Alice hatten sich spontan entschieden, sie über Silvester zu begleiten. Der Weg zurück ins Leben wird für Sofia lang und beschwerlich – und ihre Familie durchlebt einen beispiellosen Alptraum.

16-jährige Schülerin bei Brandkatastrophe in Schweizer Bar schwer verletzt – Familie täglich am Krankenbett

„Wir haben Sofia an ihren Fingernägeln erkannt“, erzählt Mattia D. im Corriere della Sera über den schmerzhaftesten Moment seines Lebens. Zwei französische Jugendliche hatten sich nach dem Brand um sie gekümmert. Nach dem Transport ins Krankenhaus verlor die Familie drei quälende Stunden lang den Kontakt zu Sofia, bis sie durch verzweifelte Anrufe bei verschiedenen Kliniken herausfanden, dass sie in Lausanne behandelt wurde.

Der 26-Jährige spricht der italienischen Tageszeitung zufolge mit ruhiger Stimme, doch die Erinnerung an jene Nacht habe tiefe Spuren hinterlassen - nicht nur bei ihm, sondern bei der gesamten Familie. Viele Angehörige der Brandopfer hätten eine „große Angst vor geschlossenen Räumen“ entwickelt. Das Trauma zeigt sich in kleinen Details des Alltags: Sobald sie unterirdische Räume wie Parkhäuser oder Fitnessstudios betreten, suchen sie automatisch nach dem Notausgang.

Täglich verbringt Mattia zusammen mit seinen Eltern Gennaro und Filomena sowie seiner anderen Schwester Alice im Verbrennungszentrum des Niguarda-Krankenhauses in Mailand, wo Sofia aktuell noch immer behandelt wird. „Wir nutzen die frühen Morgenstunden, um zu arbeiten oder Besorgungen zu erledigen, und verbringen dann den ganzen Tag hier“, sagt der Bruder des Brandopfers.

Genesung wird wohl noch Jahre dauern – Brandopfer atmeten in der Silvesternacht giftige Substanzen ein

Mattia macht sich keine Illusionen über den Weg, der vor Sofia liegt. Die Heilung werde „ein langer Prozess“, es gehe „nicht um Monate, sondern um Jahre“. Das Infektionsrisiko sei extrem hoch, erschwerend komme hinzu, dass die Opfer in Crans-Montana Ruß und giftige Substanzen der Schallschutzpaneele eingeatmet hätten, die in der Bar verbaut waren.

Sofia liegt auf der Intensivstation, angeschlossen an lebenserhaltende Geräte. Sie habe nur kurze Phasen des „Aufwachens“, die jedoch nicht mit echtem Bewusstsein gleichzusetzen seien, so Mattia. Die Familie spreche ständig mit ihr, denn das „hilft ihr und auch uns, stärker zu sein“.

„Suchen keine Rache“: Sofias Familie will nicht zurückschauen und blickt optimistisch in die Zukunft

Die Freilassung des Bar-Betreibers Jacques Moretti hat bei vielen Angehörigen und in der Öffentlichkeit Entsetzen ausgelöst. Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni äußerte sich kritisch zu der Entscheidung. „Ich halte dies für eine Beleidigung des Andenkens an die Opfer der Silvester-Tragödie und eine Beleidigung ihrer Familien“, so Meloni auf X. Regierung werde die Schweizer Behörden zur Rede stellen. Informationen des Corriere zufolge sei bereits der italienischen Botschafter in Bern zurückberufen worden, „um weitere Maßnahmen festzulegen“.

Mattia betont im Corriere della Sera jedoch, dass seine Familie keinen Hass empfinde oder Rache wolle, sondern Gerechtigkeit. Sie setzen auf ihr Vertrauen in die Justiz. „ Jetzt ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu bleiben, objektiv und besonnen zu sein und bereit zu sein, wenn es Sofia besser geht“, sagt der 26-Jährige.

Die Welle der Solidarität, die die Familie erfährt, gebe ihr Kraft zum Durchhalten. In den schwärzesten Momenten klammern sich Sofias Angehörige an einen gemeinsamen Traum. Zusammen mit den anderen betroffenen Familien stellen sie sich „den Tag vor, an dem wir alle unsere Kinder wieder zusammen im Freien sehen werden, endlich geheilt.“ (Quellen: Corriere della Sera, X) (jaka)