Die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland liegen deutlich niedriger als in den Jahren zuvor. Während die Bundesnetzagentur abwinkt, mahnen die Gasversorger zu mehr Vorsorge.
Berlin – In Deutschland ist es kalt, es wird geheizt und die Gasspeicher leeren sich. Momentan liegt der Füllstand aller Gasspeicher in Deutschland bei unter 40 Prozent, vor genau einem Jahr waren es noch 61 Prozent, wie EU-Daten zeigen, auf die die Bundesnetzagentur verweist. Besteht Anlass zur Sorge? Die Bundesnetzagentur geht zwar zurzeit von einer gesicherten Gasversorgung aus, doch bei den Gasversorgern mahnt man zur Vorsorge. Ein Überblick.
„Die winterlichen Witterungsverhältnisse bereiten uns bei der Gasversorgung keine Sorgen“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, Mitte Januar den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil und die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet.“ Der Füllstand zu Beginn des neuen Jahres liege zwar deutlich unter dem Niveau des Vorjahres, bewegt sich aber aus Sicht der Behörde in einem angemessenen Rahmen.
„Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen“
Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper sagte Anfang dieses Jahres aber: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Die Füllstände der deutschen Gasspeicher seien niedriger als in den Vorjahren, da die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeicherung fehlten. Daher seien viele Speicher nur teilweise gebucht. „Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.“
Mit etwas Sorge blickt auch der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE, Stefan Dohler, auf die aktuellen Füllstände. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, sagt Dohler. „Es ist ein Zeichen, dass die Mechanismen, die die Politik geschaffen hat, so nicht funktionieren. Es gab im vergangenen Sommer keine Preissignale im Markt, die Gasspeicher zu befüllen.“
LNG-Terminals sorgen dafür, dass Gasspeicher an Bedeutung verlieren
Auf öffentlicher Seite herrscht allerdings Gelassenheit: „Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland“, sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU). Denn Gasspeicher sind vor allem als Puffer für Engpässe bei der Gasversorgung gedacht. Durch die neuen Terminals an Nord- und Ostsee, an denen Flüssigerdgas (LNG) ankommt, nimmt ihre Bedeutung nun zunehmend ab.
So könnte man mit den vorhandenen deutschen Importterminals für Flüssigerdgas (LNG) in den kalten Monaten November bis März etwa 16 Prozent der Nachfrage decken. Das entspreche 32 Prozent der Kapazität der deutschen Erdgasspeicher. Die Terminals gewährleisteten das ganze Jahr eine sehr flexible Möglichkeit, Gas zu importieren. „Das führt dazu, dass Gasspeicher relativ gesehen an Attraktivität verloren haben zur Sicherstellung der Gasversorgungssicherheit.“ Das Ministerium habe bei der Füllung der Erdgasspeicher klar auf den Markt gesetzt. Eine Verordnung schreibt bestimmte Füllstände vor.
Experten sehen keine Mangellage – auch wenn die „Situation nicht entspannt“ sei
Von der Bundesnetzagentur hieß es, der Gasspeicherfüllstand sei ein wichtiger Indikator für zusätzlich verfügbare Versorgungsabsicherungen – jedoch sei er nicht alleinig relevant. „Deutschland verfügt über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten.“ Die Gaspreise bewegten sich in einem stabilen, wenn auch leicht ansteigenden Korridor, was für die Jahreszeit und Witterung aber nicht ungewöhnlich sei. „Diese Stabilität ist darauf zurückzuführen, dass es am Weltmarkt ausreichend Gas gibt, das unter anderem über die LNG-Terminals importiert werden kann. Insofern gehen wir aktuell von einer gesicherten Gasversorgung aus.“
Auch von NDR Data befragte Experten sehen derzeit keine Mangellage bei der Versorgung mit Erdgas: „Die Situation ist nicht entspannt, aber es gibt auch keine Anzeichen, dass es kritisch ist“, sagt Jochen Linßen, Experte für Energiesysteme am Forschungszentrum Jülich. Die Situation auf dem Gasmarkt sei eine andere als vor der Gaskrise, weil Norwegen mittlerweile viel Erdgas liefere und Deutschland außerdem Flüssigerdgas LNG beziehe.
Gasspeicher leeren sich: Ewe-Chef mahnt zu mehr Vorsorge
EWE-Chef Dohler mahnt aber zu mehr Vorsorge. „Es wäre gut, jetzt darüber zu sprechen, welche Instrumente es gibt, die einerseits den Markt halten, andererseits aber auch ausreichende Sicherheit schaffen für besondere Ereignisse. Das sollte jetzt in diesem Jahr passieren.“ Der Manager schlägt etwa die Schaffung einer nationalen, strategischen Gasreserve vor – ähnlich wie es sie für Erdöl gibt.
Dohler verweist etwa auf Österreich, das so eine Gasreserve hat. „Dort wird bewusst Gas als Puffer eingespeichert, was nicht angetastet wird, und nur für Notfälle zur Verfügung stehen sollte.“ Eine staatliche Stelle regele dort über Ausschreibungen die Befüllung von Speichern in einem bestimmten Volumen. Quellen: dpa, NDR, https://agsi.gie.eu/, Bundesnetzagentur