Donald Trump und die USA lassen die Verbündeten in Davis spüren, wer in der Welt das Sagen hat. Bei seiner Rede, aber auch hinter den Kulissen.
Davos – Der Start war mehr als holprig. Wegen technischer Probleme an der Air Force One musste Donald Trump seine Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos mit einem Ersatzflugzeug antreten. Doch schon vor dem Abheben war klar, dass sich auch in den Schweizer Bergen mal wieder alles um den US-Präsidenten drehen würde. Und so ist es auch gekommen.
Trumps Rede am Mittwoch (21. Januar) war jene, der rund um den Globus die mit Abstand meiste Aufmerksamkeit galt. Denn der mächtigste Mann der Welt versteht es, die internationale Gemeinschaft pausenlos zu beschäftigen, indem er seine Themen setzt und sie zu den Themen der Zeit macht. Der 79-Jährige und seine große Delegation wissen aber nicht nur um ihre herausgehobene Stellung, sie nutzen sie augenscheinlich auch aus.
Trump teilt in Davos aus: US-Präsident fordert Dankbarkeit von NATO-Partnern ein
Das wird nicht nur deutlich, wenn Trump öffentlich spricht. Einerseits betont, im Falle von Grönland „keine Gewalt anwenden“ zu wollen. Andererseits über die anstehenden Verhandlungen aber auch sagt: „Sie können Ja sagen und wir werden ihnen dankbar sein, oder sie können Nein sagen und wir werden es uns merken.“
Oder zum Thema NATO wissen lässt, dass die Verbündeten den USA bislang kaum etwas zurückgegeben hätten für die jahrzehntelange Unterstützung. Wobei Trump damit völlig unterschlägt, dass die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten bislang der einzige Anlass waren, Artikel 5 zu aktivieren und den Bündnisfall auszurufen. Die Meinung, ohne sein Engagement in seiner ersten Amtszeit würde die NATO gar nicht mehr bestehen, dürfte er zudem exklusiv haben.
Ebenso suggerierte er mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg, ohne den Einsatz der USA würden in Europa heute „alle deutsch und ein bisschen japanisch sprechen“. Auch wenn das Nazi-Regime letztlich im Verbund von den Alliierten zu Fall gebracht wurde.
Trump brüskiert Partner: Kommentar zu Macrons Sonnenbrille
Kanadas Premierminister Mark Carney musste sich anhören, nicht dankbar zu sein. Dabei würde sein Land nur dank der Vereinigten Staaten bestehen. Eine Bemerkung, die laut The Sydney Morning Herald im Publikum für Entsetzen sorgte. Zuvor hatte Carney erwähnt, es sei ein Bruch zwischen den beiden Nachbarländern festzustellen.
Persönlich angesprochen wurde auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. „Ich habe ihn mit dieser wunderschönen Sonnenbrille gesehen. Was zur Hölle ist da passiert?“, spielte Trump auf jenes Accessoire an, das das Pariser Staatsoberhaupt nach Angaben seines Büros als Schutz aufgrund einer Augenentzündung trägt.
Und das waren nur einige Beispiele aus der Rede, in der Trump das so heiß begehrte Grönland mehrmals versehentlich als Island bezeichnete und in der er wie gewohnt die Ellbogen ausfuhr und langjährige Partner auf offener Bühne brüskierte. Doch nicht nur in aller Öffentlichkeit sollen der Republikaner und seine Entourage in Davos auftreten, als würden sie die Regeln vorgeben.
Eklat bei Dinner in Davos? Lagarde verlässt offenbar Saal bei Rede von Trump-Minister
„Das Feedback, das ich dort höre, sind drei Begriffe: Dominanz, Arroganz, Ignoranz“, fasst der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schweinsberg die Eindrücke bei ntv zusammen: „Viele deutsche CEOs waren geschockt, wie arrogant die Amerikaner auftreten und sagen: Europe is done. Ihr seid ein Museum und ihr macht jetzt, was wir euch sagen.“
Zu einem Eklat kam es offenbar bei einem Dinner für geladene Gäste. Wie das Wall Street Journal und Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten, verließ Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, das Event, als US-Handelsminister Howard Lutnick Europa scharf kritisierte.
Der langjährige Trump-Weggefährte sei der letzte Redner gewesen und habe für Unbehagen unter einigen anwesenden Europäern gesorgt, als er die europäischen Volkswirtschaften verunglimpfte und von einer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit den USA sprach. Laut einem BBC-Reporter sagte Lutnick sogar, in Bezug auf die europäische Wirtschaft sei der Kontinent „tot“.
Trump-Stress mit US-Politikern: Newsom offenbar Zugang zu Event verweigert
Es sollen auch Buhrufe zu vernehmen gewesen sein. Ein Sprecher des Handelsministeriums bestritt den Berichten nach, dass jemand während der Rede fluchtartig den Saal verlassen habe, und fügte an, lediglich der einstige US-Vize-Präsident Al Gore habe gebuht.
Der Demokrat ließ demnach durch einen Sprecher mitteilen, er habe Lutnick zugehört und ihn „in keinster Weise unterbrochen“. Weiter heißt es in der Erklärung: „Es ist kein Geheimnis, dass ich die Energiepolitik dieser Regierung für wahnsinnig halte. Und am Ende seiner Rede habe ich meine Meinung dazu geäußert, und einige andere taten es mir gleich.“
Seine Meinung äußert auch Gavin Newsom oft klar und deutlich. Kaliforniens Gouverneur gilt als einer der größten Trump-Kritiker in der US-Politik. Wie sein Büro via X mitteilte, wurde ihm auf Druck des Weißen Hauses und des Außenministeriums der Zutritt zum sogenannten USA House – einer zum US-Pavillon umfunktionierten Kirche in Davos – verweigert. Dort habe er auf Einladung des offiziellen Medienpartners Fortune einen Vortrag halten wollen. „Wie schwach und erbärmlich muss man sein, um solche Angst vor einem Kamingespräch zu haben?“, twitterte Newsom.
In dieser Angelegenheit meldete sich auch Anna Kelly, Sprecherin des Weißen Hauses, zu Wort und ließ im Duktus ihres Chefs wissen: „Niemand in Davos weiß, wer der drittklassige Gouverneur Newscum (Trumps Spitzname für Newsom, d. Red.) ist oder warum er sich in der Schweiz vergnügt anstatt die vielen Probleme zu lösen, die er in Kalifornien verursacht hat.“
Trump attackiert Gastgeber Schweiz: Zollsatz nach Anruf von Bundespräsidentin erhöht
Der US-Präsident selbst stellte bei seiner aufsehenerregenden Rede auch fest: „Ich möchte niemanden beleidigen.“ Was zumindest einem Zuhörer ein Lachen entlockte. Denn Trump zeigte sich nicht einmal als guter Gast. Über die Schweiz sagte er: „Sie sind nur wegen uns so gut.“
Zudem gab Trump der 2025 amtierenden Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter die Schuld daran, die Schweiz mit 39 statt 30 Prozent Zöllen überzogen zu haben. Sie habe ihn angerufen und sich gegen den zunächst verhängten Zollsatz ausgesprochen. „Und sie wiederholte sich ständig. Sie ging mir einfach auf die Nerven“, betonte er. Also habe er den Satz sogar erhöht.
Diese Aussagen ließen Elisabeth Schneider-Schneiter, eine weitere Schweizer Politikerin, fassungslos zurück. Laut New York Times sagte sie: „Ich war wirklich verblüfft. Wir sind die Gastgeber. Wir garantieren seine Sicherheit vom Flughafen bis nach Davos, und das mit öffentlichen Steuergeldern, und ich war überzeugt, dass wir die Handelsfrage gelöst hatten.“
Wie sich offenbarte, mussten auch die Schweizer erkennen, dass in diesen Tagen in Davos nach Trumps Regeln gespielt wird. Ganz so, wie es der US-Präsident kennt. Einzig die Technik in der Air Force One schien sich wirklich dagegen aufzulehnen. (Quellen: The Sydney Morning Herald, ntv, Wall Street Journal, Bloomberg, BBC, X, New York Times) (mg)