Der Tölzer Arzt Dr. Korbinian Gauß engagiert sich seit 2022 ehrenamtlich für die „German Doctors“ in Entwicklungsländern. Nach prägenden Eindrücken in Indien arbeitete er unter schwierigen Bedingungen auf den Philippinen und in Bangladesch, wo er mittellose Menschen medizinisch versorgte. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit dokumentiert er die Lebensumstände vor Ort als Fotograf.
Bad Tölz – Kurz nach seinem Medizin-Studium reiste der Tölzer Arzt Dr. Korbinian Gauß nach Indien. Es war ein Urlaub, der ihm die Augen geöffnet hat. Er sah Elend und Lebensumstände wie noch nie zuvor in seinem Leben. Ihm wurde klar: „Hier könnte ich als Arzt vielen Menschen helfen.“ Also schloss er sich den „German Doctors“ an, einem Verein, der in Notstandsgebieten von Entwicklungsländern tätig ist. Für diese Organisation arbeitete er im Jahr 2022 sechs Wochen lang ehrenamtlich auf den Philippinen und zuletzt sechs Wochen lang in Bangladesch, ohne dafür Geld zu bekommen. „Wir sind eine Weltgemeinschaft, und da sollte man auch an solchen Orten tätig sein“, sagt der 37-Jährige. „Es gehört für mich einfach dazu, dass man einen Teil seiner Lebenszeit mit selbstloser Hilfe für andere verbringt.“
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Begeisterter Fotograf
Als begeisterter Fotograf hat er in Bildbänden die Eindrücke dokumentiert, die er in den beiden Entwicklungsländern gesammelt hat. Er zeigt Bilder aus Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Kinder suchen im Hafen nach verwertbarem Schrott. Frauen durchwühlen Müllhalden, auf der Suche nach verwertbaren Gegenständen. Arbeiter ziehen auf Karren Steine durch eine Ziegelei, eingehüllt in dichte Staubwolken: „Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal“, sagt Gauß. „Extreme Staubbelastung, kein Atemschutz und damit verbunden Staublungen.“ Der Tölzer sah mehrstöckige Wellblechhütten mit Löchern im Boden: „Es gibt da häufig Erdbeben und Überschwemmungen. Es kommt oft vor, dass die Hütten zusammenbrechen oder abbrennen – und keiner kriegt was mit.“ Eine Frau hält ihr Kind in den Armen. Sie steht auf einer Wiese, der Plastikmüll reicht fast bis zu den Knöcheln. „So sieht es flächendeckend im ganzen Land aus“, sagt Gauß. Es gebe keine geordnete Abfall-Entsorgung und keine Kanalisation: „Das geht natürlich mit entsprechenden Gerüchen einher.“
Viele Infektionskrankheiten
Durch den Mangel an Hygiene gebe es in Bangladesch viele Infektionskrankheiten. Gauß arbeitete in Chittagong, der zweitgrößten Stadt des Landes, rund vier Millionen Menschen leben in diesem Ballungsgebiet. Der Tölzer behandelte Patienten mit Tuberkulose, Krätzmilbenbefall, Atemwegserkrankungen und Durchfall. Letzteres sei die Haupt-Todesursache für Säuglinge und Kinder in Bangladesch, erläutert der Arzt. Bluthochdruck und Diabetes seien ebenfalls stark auf dem Vormarsch, weil die Ernährung der armen Menschen sehr kohlenhydratlastig und zuckerhaltig sei. Als Facharzt für Innere Medizin sei das breite Spektrum an Krankheiten, das er behandeln kann, „sehr spannend“. Zu seiner Arbeit gehören aber auch kleinere chirurgische Eingriffe, wie die Behandlung von Knochenbrüchen.
Während Gauß in Chittagong im „Medical for the Poorest of the Poor“ zwei Behandlungszimmer hatte, war er im Norden der Philippinen für das Projekt „Rolling Clinic“ unterwegs: „Man fährt da mit einem Pickup-Truck jeden Tag zu einem neuen Dorf, stundenlang durch unwegsames Gelände, über Matschpisten und durch den Regenwald. Wir sind so weit gefahren, wie wir konnten – manchmal mussten wir aber auch unser Equipment schultern und die letzten Kilometer zum Dorf gehen.“ Gauß erinnert sich an eine typische Behandlungs-Situation in einem Dorf an einem Fluss: „Da haben sie eine Reihe von Klappstühlen aufgestellt. Da haben sich die Patienten draufgelegt, und ich hab‘ Ultraschall gemacht.“ Insgesamt empfand er den Einsatz auf den Philippinen angenehmer als in Bangladesch, „weil da frische Luft war, und man war nicht ständig dem Smog und den Abgasen ausgesetzt“. Das Spektrum der Krankheiten sei in beiden Ländern ähnlich gewesen, auf den Philippinen hatte er allerdings deutlich seltener mit Atemwegserkrankungen zu tun.
Gauß stammt aus Ingolstadt, 2014 erhielt er seine staatliche Zulassung als Arzt. Als Notfallmediziner ist er für die Münchner Berufsfeuerwehr auf der Feuerwache 7 tätig, hauptberuflich arbeitet er in einer Privatklinik in Marienstein. Seit eineinhalb Jahren wohnt er in Bad Tölz. Für seine Einsätze für „German Doctors“ musste sich der Tölzer zunächst bewerben. „Die schauen, ob man fachlich und menschlich für die Arbeit geeignet ist“, berichtet er. Er habe den Eindruck, dass bei den „German Doctors“ sehr verantwortungsbewusst mit den Spendengeldern umgegangen werde.
„Die Arbeit birgt auch ein gewisses Risiko, selbst zu erkranken.“
Sein Umfeld reagiere „überwiegend positiv“ auf seine Tätigkeit, auch seine Lebenspartnerin unterstütze ihn sehr gut. Natürlich schwinge aber immer eine gewisse Sorge mit: „Die Arbeit birgt auch ein gewisses Risiko, selbst zu erkranken. Und die Lebensumstände in diesen Ländern sind auch gefährlicher als bei uns.“ Es sei daher ein „gewisser Mut“ erforderlich: „Das ist ein Risiko, das man bei dieser Arbeit eingehen muss.“ Es gebe schließlich keine Alternative zu den „German Doctors“: „Die Hilfe, die wir leisten, richtet sich an mittellose Menschen. Also an Menschen, die an der untersten Stufe der Gesellschaft angesiedelt sind. Wenn die ärztliche Versorgung nicht bezahlt werden kann, wird sonst niemand tätig.“