Forscher in Bayern stehen vor einer medizinischen Sensation: Sie haben womöglich einen Durchbruch bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen erzielt.
Erlangen – Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg haben in einer klinischen Studie gezeigt, dass CAR-T-Zellen bei schweren Autoimmunerkrankungen wirksam sein können. Die Behandlung könnte eine Alternative zur lebenslangen Medikamenteneinnahme darstellen. Darüber berichtete das Uniklinikum Erlangen (UK Erlangen) in einer Pressemitteilung. Auch der BR berichtete darüber.
Weltweit größte Studie zu CAR-T-Zellen bei Autoimmunerkrankungen
Die CASTLE-Studie umfasste 24 Patienten mit therapieresistenten Autoimmunerkrankungen, die auf herkömmliche Behandlungen nicht mehr ansprachen. Nach einer einmaligen Infusion mit CD19-CAR-T-Zellen konnten alle Teilnehmer über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr ohne weitere immunsuppressive Medikamente auskommen, berichtet das UK auf seiner Website uk-erlangen.de.
Funktionsweise der CAR-T-Zell-Therapie
Bei der Behandlung werden T-Lymphozyten aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor mit einem chimären Antigenrezeptor (CAR) ausgestattet. Diese modifizierten Zellen können nach der Rückgabe in den Körper gezielt die fehlgesteuerten B-Zellen erkennen und eliminieren, die an der Autoimmunerkrankung beteiligt sind, erklärt das Uniklinikum weiter.
„Da Zellen als Medikament funktionieren, spricht man in diesem Fall auch von einem lebenden Medikament“, sagt Prof. Dr. Andreas Mackensen, Direktor der Medizinischen Klinik 5, laut uk-erlangen.de. Die CAR-T-Zellen können tief in das betroffene Gewebe eindringen und dort die autoreaktiven B-Zellen nachhaltig ausschalten.
„Viele unserer Patientinnen und Patienten haben bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich und haben auf zahlreiche vorherige Therapien nicht ausreichend angesprochen“, erklärt Dr. Melanie Hagen, Oberärztin und Leiterin der Studienambulanz der Medizinischen Klinik 3 Rheumatologie und Immunologie des Uniklinikums Erlangen.
In Oberbayern machte kürzlich eine Frau auf sich aufmerksam, die an einer seltenen Autoimmunerkrankung leidet und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben hat.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor für die Erlanger Forscher
Die CASTLE-Studie entstand durch die Kooperation zwischen der Rheumatologie und der Hämatologie am Uniklinikum Erlangen. „Diese Studie zeigt, wie Erkenntnisse aus der Krebsmedizin auch anderen Patientengruppen zugutekommen können“, erklärt Prof. Dr. Fabian Müller, Oberarzt und Leiter der CAR-T-Zell-Einheit an der Medizinischen Klinik 5, laut uk-erlangen.de. Die Basket-Studie behandelte Patienten mit verschiedenen schweren Autoimmunerkrankungen: systemische Sklerose, systemischer Lupus erythematodes und autoimmune Muskelentzündungen.
Bei allen Erkrankungen handelt es sich um Leiden, die bisher als nicht heilbar galten und eine lebenslange Therapie erfordern. „Unser Ziel ist es, von einer lebenslangen Unterdrückung des Immunsystems wegzukommen“, erklärt Prof. Dr. med. univ. Georg Schett, Direktor der Medizinischen Klinik 3, in der Pressemitteilung des Uniklinikums weiter. Die Studienergebnisse zeigen, dass die positiven Effekte auch ein Jahr nach der Behandlung anhielten, ohne dass die Patienten wieder immunsuppressive Medikamente einnehmen mussten.
Weitere Forschung in Deutschland – Ausblick auf reguläre Verfügbarkeit
Neben Erlangen arbeiten auch andere deutsche Universitätskliniken an ähnlichen Ansätzen. In Dresden wurde erstmals ein Patient mit primärer Immunthrombozytopenie (ITP) mit CAR-T-Zellen behandelt, während Teams in Tübingen und an der Charité Berlin weitere Studien durchführen.
Die CAR-T-Zelltherapie eröffnet erstmals die Perspektive, das Immunsystem bei schweren Autoimmunerkrankungen gezielt neu auszurichten – mit der Chance auf tatsächliche Heilung dieser schwer verlaufenden Erkrankungen.
Die Ergebnisse der CASTLE-Studie wurden im Fachjournal Nature Medicine veröffentlicht. Wann die Therapie außerhalb von Studien verfügbar sein wird, ist noch nicht absehbar. Für betroffene Patienten bedeutet die Entwicklung jedoch eine neue Behandlungsoption, die möglicherweise die dauerhafte Medikamenteneinnahme ersetzen könnte. (Quelle: BR, Uniklinikum Erlangen), (fhz)