Trumps aggressive Grönland-Politik schwächt das NATO-Bündnis. Experten befürchten, dass Putin das nutzen könnte. Besonders Norwegen ist in Sorge. Eine Analyse.
US-Präsident Donald Trump startet das Jahr 2026 mit einer hochaggressiven Außenpolitik. Nach den Attacken gegen Venezuela hat er jetzt erneut den Anspruch der USA auf die Insel Grönland, die zu Dänemark gehört, bekräftigt. Trump will die Insel in Besitz nehmen – notfalls auch mit Gewalt; zumindest hat er das nicht explizit ausgeschlossen.
Dass die USA einen NATO-Verbündeten derart unter Druck setzen, versetzt Europa in hohe Alarmbereitschaft. Ein Angriff dürfte das Ende der NATO bedeuten, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) etwa sprach von „historischen Auswirkungen“, wenn Trump seine Drohungen wahrmachen würde. Einen US-Militärschlag halten die meisten Experten aktuell zwar für unwahrscheinlich. Aber allein die Drohgebärden schwächen das Bündnis – und schaffen Präzedenzfälle, sagt Tobias Etzold.
Trumps Grönland-Ansprüche könnten „Putin ermutigen“
„Der Umgang Trumps mit Grönland könnte zum Beispiel Putin ermutigen, seine aggressive Territorialpolitik noch weiter zu eskalieren“, so der Politologe und Nordeuropa-Kenner, der seit Jahren zu internationaler Verteidigungspolitik forscht. Im Norden des Kontinents wachse derweil die Angst vor einem „Domino-Effekt“: „Trumps Aktionen lassen die NATO aktuell schwächer erscheinen. Putin könnte das nutzen und als Freikarte sehen, seine Ambitionen in Richtung Spitzbergen zu forcieren.“
Der Archipel Spitzbergen liegt rund 600 Kilometer nördlich der norwegischen Festlandküste im Polarmeer. Seit dem sogenannten Spitzbergenvertrag von 1920 hat Norwegen die Souveränität über das Gebiet, das seit Jahrhunderten verschiedenen Nationen als Basis etwa für Kohleabbau und Fischerei dient. „Russland hat immer wieder an der Souveränität Norwegens gezweifelt. In den letzten Jahren gab es öfter Provokationen. Einmal etwa sind russische Veteranen auf Spitzbergen aufmarschiert“, erzählt Etzold.
Ein Angriff auf Spitzbergen würde unter Artikel 5 des NATO-Vertrags fallen – also: Verbündete wären verpflichtet, Norwegen Beistand zu leisten. Experten glauben: Russland könnte die Inselgruppe attackieren, um die NATO zu testen. Robin Allers, der an der Hochschule für Verteidigung in Norwegens Hauptstadt Oslo lehrt, hält einen russischen Angriff aktuell zwar nicht für wahrscheinlich. Aber: Dass das NATO-Bündnis angesichts der jüngsten Trump-Aktionen aufzuweichen droht, sorge vor allem in kleineren beziehungsweise bevölkerungsärmeren Ländern wie Norwegen, das eine direkte Grenze zu Russland hat, für ein Dilemma. „Einerseits verurteilt man das Vorgehen gegen Grönland. Andererseits fragen die Norweger sich: Können wir es uns wirklich leisten, einen Bruch mit den USA zu riskieren?“
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Norwegen tendiere aktuell dazu, sich noch enger einer europäischen Verteidigungszusammenarbeit anzuschließen. Gemeinsam mit Deutschland baut das Land etwa hochmoderne U-Boote und kauft Leopard-Panzer aus deutscher Produktion. Experten monieren immer wieder, dass Europa sich zu lange auf den Schutz durch die USA ausgeruht habe. „Tatsächlich konnten die Europäer es sich leisten, keine eigene Allianz aufbauen zu müssen“, sagt Allers. „Aber immerhin: Europa ist eine Ansammlung von sehr potenten Staaten, die derzeit viel für Verteidigung ausgeben. Die europäischen NATO-Staaten sind auf dem Weg zu einem von den USA unabhängeren Bündnis.“ Wenngleich das Ziel immer sei, die USA in der Allianz zu halten.
Allers sieht derweil ein anderes Problem: „Wir betreiben jetzt viel Aufwand in der Arktisregion wegen der aktuellen Ereignisse. All diese Fähigkeiten sollten wir aber viel eher für Sicherheitsgarantieren an die Ukraine einsetzen. Als Allianz sind wir von dem Krieg dort abgelenkt.“ Die Sicherung der NATO-Nordflanke sei zwar durchaus sehr bedeutend – „aber der Fokus auf die Ost-Flanke wäre jetzt wichtiger“.