Erfolge in der Filmbranche, dann Burnout-Gefühl und bröckelnde Beziehung – Gidon fand in Costa Rica eine neue Perspektive. Jetzt lebt er mit Mara mitten im Dschungel.
München/Costa Rica– München war jahrelang ihr Zuhause: Straßenlärm, Westpark-Treffen, Flaucher-Grillen – und das Gefühl, mitten in einer Großstadt genau richtig zu sein. Doch irgendwann reichte es nicht mehr. Gidon und seine Partnerin Mara drehten der Isarmetropole den Rücken zu und wagten den Sprung in ein völlig anderes Leben. Sie entschieden sich in den Regenwald von Costa Rica zu ziehen und dort einen Neustart zu machen.
Gidon kam 1999 im Alter von 20 Jahren aus dem Rheinland nach München und begann dort eine Laufbahn in der Foto-, Film- und Fernsehbranche. Als selbstständiger Szenenbildbauer arbeitete er weltweit und feierte mit zahlreichen Projekten beachtliche Erfolge. Doch irgendwann, so erzählt der heute 46-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion, kam er an einen Punkt, an dem er sich festgefahren fühlte. „Selbst meine Aufträge als Production Designer für eine große deutsche Castingshow in Los Angeles konnten mir irgendwann nicht mehr das Gefühl geben, wirklich erfüllt zu sein.“
Ein erfolgreicher Karriereweg – und dennoch das Gefühl, festzustecken
Die Entscheidung, nach Costa Rica auszuwandern, entstand aus mehreren Gründen. „Alles wurde immer hektischer, wir sind immer schneller gerannt, der Druck wurde immer größer. Man musste zunehmend aufwendige Projekte für immer weniger Geld produzieren, nur um auf dem Markt bestehen zu können – ein Wettrennen, das man nicht gewinnen kann“, erinnert sich Gidon. Schon damals habe er sich gefragt: „Wofür tue ich das eigentlich? Wofür lebe ich?“
Ein weiterer Auslöser war die zunehmende Komplexität seines beruflichen Alltags. „Früher hatte ich komplexe Probleme. Ich musste zum Beispiel eine Einkommenssteuererklärung an die Berufsgenossenschaft schicken, damit sie eine rückwirkende Neuberechnung der Beiträge vornehmen konnte. Es ging um Mindestbeiträge, Beitragsbemessungsgrenzen, Verlustrückträge und Investitionsvorabzüge“, erzählt er. All das führte dazu, dass er sich immer stärker eingeengt fühlte; sein Stresslevel stieg kontinuierlich. „Als Unternehmer muss man sich um sämtliche administrativen Pflichten kümmern – und wenn im Impressum eine Zeile nicht stimmt, drohen sofort hohe Strafen. Am Ende bleibt kaum noch Zeit für die eigentliche Arbeit.“
Bürokratie, Druck, Stress: Der Wendepunkt
In Costa Rica habe sich sein Alltag vollkommen verändert. „Ich wollte diese Bürokratie aus meinem Leben streichen. Heute mache ich überhaupt keine Buchhaltung mehr.“ Dank einer Unternehmensstruktur in den USA müssen Gidon und Mara keine Einkommenssteuer zahlen, und auch rechtlich sei vieles deutlich unkomplizierter. „Wenn du auf einer Bananenschale ausrutschst, kannst du nicht einfach deinen Nachbarn verklagen, weil er den Weg nicht geräumt hat. Hier trägt jeder mehr Eigenverantwortung“ – und genau das schätze er.
Mit 40 hatte Gidon zwei Herzoperationen, die ihn massiv zum Umdenken geführt haben. „Das Leben besteht aus mehr als dem täglichen Kampf, als der Zahl auf meinem Konto. Es kann einfach viel zu schnell vorbei sein“, realisierte der 46-Jährige damals. „Das war der Punkt, an dem ich dachte: So geht es nicht weiter.“ Im Jahr 2022 beschlossen Gidon gemeinsam mit seiner ehemaligen Partnerin, ihre Jobs an den Nagel zu hängen und nach Costa Rica auszuwandern. Dort hatten sie den Plan, ein Retreat aufzubauen.
Retreat-Pläne in Costa Rica – und ein geplatzter Traum
Doch auch in Mittelamerika verlief längst nicht alles so reibungslos wie erhofft. Der Investor sprang ab – und damit brach der gesamte Plan in sich zusammen. „Plötzlich stand ich vor wirklich großen, existenziellen Problemen“, berichtet der 46-Jährige. Die angespannte Situation belastete zudem die damalige Beziehung, schließlich kam es zur Trennung. „Man kann sagen: Ich bin so richtig auf die Nase gefallen.“ Mehr als ein Jahr kämpfte Gidon sich durch wirtschaftliche Schwierigkeiten. „Es war hart, aber irgendwann habe ich eine neue Vision entwickelt, mich neu ausgerichtet und mich Schritt für Schritt wieder aufgebaut.“
Bei einem Sommerbesuch in Deutschland wendete sich das Blatt. Gidon lernte die 32-jährige Mara über eine Dating-App kennen. „Wir haben angefangen zu schreiben und am nächsten Tag direkt stundenlang telefoniert“, erzählt er. Für Mara stellte die große Distanz kein Hindernis dar – im Gegenteil. „Wir haben schnell gemerkt, dass unsere Visionen perfekt zusammenpassen.“ Keine vier Wochen später saß sie im Flugzeug nach San José; das erste Date der beiden fand am Flughafen in Costa Rica statt.
Seit drei Monaten lebt das Paar nun gemeinsam in einem kleinen gemieteten Haus mitten im Regenwald. „Um uns herum gibt es nur Büsche und ein paar Bananenplantagen“, sagt Gidon. Beide arbeiten remote; sie coachen Menschen und unterstützen sie dabei, wieder zu sich selbst zu finden. Auch für die Zukunft ist das klar ihr Weg. Ihren Traum eines eigenen Retreats haben sie nicht aufgegeben. „Wir verwirklichen unsere Vision vom ‚magischen Garten‘ – einem Ort, an dem wir gemeinsam Menschen helfen wollen, sich wieder selbst zu begegnen“, erklärt der 46-Jährige.
Warum sie keinen Heimweh-Moment bereuen
Vermissen würden die beiden ihre frühere Heimat nicht, auch wenn der Umzug eine deutliche Umstellung war. „Viele Dinge, die es in Deutschland gibt, existieren hier einfach nicht. Wenn ich in Deutschland einen Staubsaugerbeutel brauche, bestelle ich ihn auf Amazon und halte ihn ein paar Tage später in der Hand“, sagt Gidon. In Costa Rica sei das völlig anders: Viele Produkte müssten aus den USA bestellt werden, die Lieferzeiten seien lang und die Preise wegen Zollgebühren deutlich höher. „Das Komfortlevel in Deutschland ist sehr hoch.“ Mara stimmt zu: „Vermissen wäre trotzdem das falsche Wort. Es ist eher eine Umstellung, an die man sich gewöhnt.“ In den vergangenen drei Monaten habe sie sich ohnehin in ihre neue Heimat verliebt. „Es ist das ganze Jahr warm, alles wächst hier so üppig, und der Ozean ist in der Nähe“, schwärmt sie.
„München bleibt natürlich weiterhin meine Lieblingsstadt in Deutschland“, beteuert die 32-Jährige. Zurück geht es für das Paar jedoch nicht mehr. „Unser Ziel ist es, hier sattelfest zu werden, uns ein dauerhaftes zu Hause aufzubauen und dabei auch etwas für andere Menschen zu tun“, erklärt Gidon. In die Isarmetropole geht es künftig nur noch für Familienbesuche. Eigene Recherche (ab)