Druckerei Jägerhuber aus Starnberg feiert seltenes Jubiläum

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Riesenurkunde anlässlich 150 Jahre Firmengeschichte: Druckereiinhaber Josef Jägerhuber mit der Würdigung der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. © privat

Es ist ein seltenes Jubiläum: Die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern hat die Druckerei Josef Jägerhuber GmbH aus Starnberg zum 150-jährigen Bestehen mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet. Der Traditionsbetrieb an der Wittelsbacherstraße blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Ende 1875 ging alles los. Franz-Xaver Gegenfurtner (1830–1906), ein nach Starnberg Zuagroaster aus dem Bayerischen Wald, legte am Schlossberg im Haus Nummer 192 den Grundstein für eine Druckerei und einen Verlag. Kurz darauf erschienen die ersten Ausgaben des „Land- und Seeboten“.

Die Zeitung erschien zunächst einmal pro Woche und erfreute sich schnell großer Beliebtheit. Lokalnachrichten fanden sich dort auf einer Augenhöhe mit Neuigkeiten aus dem Königreich Bayern, dem Deutschen Reich und der weiten Welt. 150 Jahre später gibt es die aus dieser Gründung hervorgegangene Druckerei Josef Jägerhuber GmbH noch immer – Grund genug für die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern, das Traditionsunternehmen mit einer Ehrenurkunde zum Firmenjubiläum zu würdigen. IHK-Präsident Klaus Josef Lutz und Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl haben diese unterschrieben.

Der „Land- und Seebote“ erschien von 1875 bis 1979.
Der „Land- und Seebote“ erschien von 1875 bis 1979. © privat

Mittlerweile führt der 62 Jahre alte Josef Jägerhuber das Unternehmen in der vierten Generation. „Wir sind eine der ältesten Druckereien in Oberbayern“, sagt er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Und wer ihn fragt, was er denn im Internetzeitalter überhaupt noch druckt, bekommt eine klare Antwort: „Bis auf Geld drucken wir für unsere Kunden Drucksachen aller Art.“ Das sind zwar keine Tageszeitungen mehr – der „Land- und Seebote“ wurde 1979 eingestellt –, aber viele andere Erzeugnisse. „Zum Beispiel Broschüren, Zeitschriften und Visitenkarten“, sagt Jägerhuber. Auch Bände der „Starnberger Stadtgeschichte“ sind in der Druckerei Jägerhuber entstanden. Der Betrieb übernimmt die Satztechnik, gedruckt wird dann in der Regel bei ehemaligen Mitarbeitern, die im Gegensatz zu Jägerhuber noch über eigene Druckmaschinen verfügen. „Wir machen nichts im Internet, sondern nur regional“, betont der 62-Jährige.

Josef Jägerhuber hat das Handwerk von der Pike auf gelernt und eine Ausbildung als Buch- und Offsetdrucker absolviert. Sein Zwillingsbruder Ludwig Jägerhuber, der seit vielen Jahren dem Stadtrat angehört, ist gelernter Schriftsetzer. Beide haben anschließend vier Semester Drucktechnik studiert.

Vom Kursbuch bis zur Lebensmittelkarte

Aber wie wurde aus der Firmengründung von Franz-Xaver Gegenfurtner überhaupt die Druckerei Jägerhuber? „1901 ging der Zeitungsverlag mit Druckerei an Ferdinand Geiger über“, berichtet Josef Jägerhuber. „Dieser entschloss sich 1908, Druckerei und Redaktion räumlich zu trennen.“ Das Druck- und Verlagshaus blieb am Schlossberg, Redaktion und Anzeigenabteilung zogen an die Wittelsbacherstraße. „In der Druckerei liefen die Maschinen nicht nur für Zeitungen, sondern für sämtliche Druckaufträge, die anfielen: Ansichtskarten, Künstlerkarten, Eisenbahnkursbücher, Rechnungsformulare, Obsttüten, Kellnerblocks, Kommunionzettel, Arbeitsverträge, Gebets- und Gesangsbücher, der Ortsplan für den Fremdenverkehr, Plakate, Toilettenpapier.“ Aus Fehldrucken und Papierresten wurde Konfetti für das Faschingstreiben gestanzt.

Ferdinand Geiger starb 1909, im Jahr darauf übernahm ein vierköpfiges Konsortium den Betrieb. Es bestand aus dem Buchbindermeister Anton Marx, dem Architekten Engelbert Schnell aus Tutzing, dem Unternehmer Josef Sigl – und dem späteren Starnberger Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Josef Jägerhuber (1867–1939). Er wurde zum Geschäftsführer der Land- und Seebote GmbH bestimmt. Seitdem ist der Name Jägerhuber untrennbar mit der Druckerei verbunden. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg dessen Sohn Josef Jägerhuber jun. (II., 1897–1947) als Verlagsleiter und Leiter der Druckerei ein. Er führte die Firma durch Inflation und Weltwirtschaftskrise, musste danach aber auch miterleben, wie sich die Nazis den „Land- und Seeboten“ im Jahr 1937 mit 25 anderen Provinzzeitungen einverleibten. Jägerhuber erkrankte darüber schwer, wurde bettlägerig und starb 1947.

Sein Sohn Josef Jägerhuber (III., 1926–2019) übernahm die Druckerei, nachdem er zwei Jahre zuvor schwer verwundet von der Ostfront und aus Gefangenschaft zurückgekehrt war. Der Neustart wurde durch Aufträge der amerikanischen Militärregierung erleichtert. „Unter strenger Überwachung durch Polizei wurden Lebensmittelkarten für sieben Landkreise, amtliche Bekanntmachungen, Plakate und sogar Geldwechselscheine anlässlich der Währungsreform 1948 beauftragt“, schildert dessen Sohn Josef Jägerhuber (IV.). Auch die jüdische Zeitung „Das Freie Wort“ für die im Feldafinger DP-Lager untergebrachten ehemaligen KZ-Häftlinge entstand an der Wittelsbacherstraße, wohin auch die Druckerei längst umgezogen war. In der Hochphase beschäftigte der Betrieb rund 25 Mitarbeiter. „Wir drucken alles außer Geld“ – die Geschichte ist für diesen Satz der beste Beweis.