Diese deutsche Stadt hat weltweite Bedeutung in der Mumienforschung

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Hier in Baden-Württemberg lag ein Schatz in einem unaufgeräumten Keller versteckt. Das dazugehörige Museum entwickelte sich zu einem Zentrum der internationalen Mumienforschung.

Stuttgart – In einer baden-württembergischen Stadt im Rhein-Neckar-Gebiet schlummerte jahrzehntelang ein vergessener archäologischer Schatz. Was als routinemäßige Aufräumaktion begann, entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Mumien-Forschungsprojekte der Welt.

Im Jahr 2004 sollte ein Angestellter Ordnung im chaotischen und verwinkelten Kellerdepot der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen schaffen. Zwischen verstaubten Kisten, deren muffiger Geruch von vielen Jahrzehnten erzählte, stieß er entsetzt auf absolut Unerwartetes: 19 mumifizierte Tote warteten auf ihre Entdeckung. Darunter befanden sich eine vertrocknete Mutter mit zwei Kindern, eine Frau mit langen Haaren, und ein Kleinkind mit missgestaltetem Kopf.

Das Gruselkabinett wird wissenschaftlich untersucht

Der Großteil dieser makabren Sammlung entstammte dem Erbe eines Malers und Professors für Historienmalerei, Gabriel von Max (1840-1915). Er hatte ein privates Kuriositätenkabinett besessen, das neben den einbalsamierten Leichen unter anderem auch hunderte von Schädeln beherbergte. Seine Faszination für den Tod teilte Max mit anderen reichen Zeitgenossen: Wer damals etwa ins Land der Pharaonen pilgerte, kehrte mit auf Basaren erstandenen Grabbeigaben zurück – diese wurden dann zur Schau gestellt, zum Beispiel auf Partys. Nach dem Tod von Gabriel von Max kaufte die Stadt Mannheim die Mumien.

Mumie eines Jugendlichen aus Nordost-Asien.
Hier die Mumie eines Jugendlichen aus Nordost-Asien. © Imago/Markus Prosswitz/Masterpress

Als die Bomben des Zweiten Weltkriegs zu fallen begannen, brachte man die Mumien zu ihrem Schutz in den Keller. Dort gerieten sie in Vergessenheit. Während oben die Schritte der Museumsbesucher klackten, ruhten die Mumien stumm in der Dunkelheit – bis 2004.

Modernste Technik lüftet Rätsel

Der damalige Zufallsfund erwies sich als Segen für die Forschung: Das „German Mummy Project“ entstand, in dessen Rahmen nicht nur der Mannheimer Kellerfund untersucht wurde, sondern auch Mumien aus unterschiedlichen europäischen Museen und Sammlungen. So führte das Projekt Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Fachrichtungen zusammen: Anthropologen, Forensiker, Genetiker, Restauratoren, Physiker.

Mumien aus einer ungarischen Gruft: Die 26-Jährige Frau starb bei der Geburt im Jahr 1794, ihr Kind lebte nur wenige Stunden.
Mumien aus einer ungarischen Gruft: Die 26-Jährige Frau starb bei der Geburt ihres Sohnes im Jahr 1794, der Säugling (links im Bild) lebte nur wenige Stunden. © Imago/Markus Prosswitz/Masterpress

Radiologen nutzten neue Verfahren etwa der Computertomographie. Damit konnten zum Beispiel zwei kleine Gegenstände in den Fäusten einer südamerikanischen Mumie identifiziert werden: Die Frau hielt Kinderzähne umklammert. Warum bekam sie diese mit ins Grab? Das sei unklar, so der Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen, Professor Dr. Wilfried Rosendahl, gegenüber IPPEN.MEDIA. Mittels 3D-Druck wurden originalgetreue Nachbildungen der Zähne angefertigt.

Durch moderne Labortechnik fand man auch heraus, dass das mumifizierte Kleinkind mit dem deformierten Kopf im 14. Jahrhundert in Amerika lebte und nur zwei bis drei Jahre alt wurde. Sein Kopf war durch straffe Binden absichtlich verformt worden: Ein verlängerter Schädel habe dem damals geltenden Schönheitsideal entsprochen, wie Rosendahl gegenüber unserer Redaktion sagte.

Mit Harz einbalsamierte Mumien kommen nicht nur aus Ägypten

Diese Ergebnisse der Mumienforscher sowie weitere aufregende Infos zu Lebensumständen, Ernährungsgewohnheiten, Umweltbedingungen, Krankheiten und Verletzungen der Menschen, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gestorben waren, wurden auf einer Wanderausstellung präsentiert. Sie zeigte etwa über fünfzig vollständige Mensch- und Tiermumien – von Dinosaurierfunden bis zu berühmten Moorleichen.

Tiere mumifizieren sich ohne menschliches Zutun etwa bei extremer Trockenheit, wie sie in der Wüste herrscht. Hier die Naturmumie einer Hyäne.
Tiere mumifizieren sich ohne menschliches Zutun etwa bei extremer Trockenheit, wie sie in der Wüste herrscht. Hier die Naturmumie einer Hyäne. © Imago/Markus Prosswitz/Masterpress

Der Erfolg dieser weltweit größten und ersten fachübergreifenden Ausstellung zum Thema war überwältigend: Mehr als drei Millionen Besucher kamen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, in den USA und Japan zu der Schau.

Das Mannheimer „German Mummy Project“ bewies erstmals, dass die Ägypter nicht die einzigen waren, die mit Harzen einbalsamierten – die Methode gab es auch in Altamerika. Und die Forschungsarbeit geht weiter. Ihr Schwerpunkt liegt auf ägyptischen und südamerikanischen Mumien sowie europäischen Kirchen- und Gruftmumien.

(Quellen: www.rem-mannheim.de, eigene Recherche, Guido Kleinhubbert: Düstere Geheimnisse – Was mysteriöse Fundstücke über die deutsche Vergangenheit verraten, Penguin 2025.)

Hier erfahren Sie, wie Ötzi, die berühmte Gletschermumie aus den Tiroler Alpen, zu Lebzeiten aussah. Und hier geht es um einen anderen Schatz, den Archäologen im Bodensee fanden.