Nach Maduros Verhaftung jagen Paramilitärs US-Bürger in Venezuela. Washington fordert zur sofortigen Ausreise auf. Das Regime hält an der Macht fest.
Caracas/Washington, D.C. – Die Vereinigten Staaten haben ihre Bürger aufgefordert, Venezuela unverzüglich zu verlassen. Zuvor waren Berichte über bewaffnete Paramilitärs bekannt geworden, die versuchen, im Land verbliebene US-Bürger aufzuspüren. Die gesamte Lage bleibt ungewiss, denn die Maduro-Regierung ist keineswegs kollabiert. Durch die Instabilität droht ein regionaler Flächenbrand, der Auswirkungen bis nach Europa hat.
Obwohl die Verhaftung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro inzwischen eine Woche zurückliegt, scheint sein Regime weiterhin intakt zu sein – inklusive des gesamten bürokratischen und militärischen Apparats. Die in Caracas als Interimspräsidentin vereidigte Delcy Rodríguez war zuvor Maduros Stellvertreterin. Und Verteidigungsminister Vladimir Padrino hat ihr sogleich die Unterstützung der Streitkräfte zugesagt.
USA fordern Bürger zur Ausreise auf: Paramilitärs machen Jagd auf US-Amerikaner in Venezuela
Innenminister Diosdado Cabello, ein Hardliner, leitete derweil am 3. Januar eine Welle von Repressionen ein und setzte paramilitärische Gruppen (colectivos) ein, um die Straßen zu patrouillieren und jegliche Feierlichkeiten bezüglich der Absetzung Maduros zu unterbinden. Berichten zufolge fahren sie mit Gewehren bewaffnet auf Motorrädern durch die venezolanische Hauptstadt und errichteten in der Stadt zahlreiche Kontrollpunkte. Doch nicht nur die Protestierenden können ins Visier der Paramilitärs geraten; teils sollen die regierungsnahen Milizen gezielt Jagd auf US-Bürger machen.
In einer am Samstag (10. Januar) versandten Sicherheitswarnung rief das US-Außenministerium daher zur Vorsicht auf. „US-Bürger in Venezuela sollten wachsam bleiben und bei Reisen auf der Straße Vorsicht walten lassen“, hieß es in der Warnung. Das Außenministerium empfahl weiter, das Land sofort zu verlassen, da einige internationale Flüge aus Venezuela wieder aufgenommen wurden. Das venezolanische Außenministerium reagierte mit einer Stellungnahme. In dieser hieß es, die Warnung basiere „auf erfundenen Berichten, die darauf abzielen, eine Risikowahrnehmung zu schaffen, die nicht existiert“. In Venezuela herrsche „absolute Ruhe, Frieden und Stabilität“.
Trump plant Besuch in Caracas: US-Präsident hofft auf sichere Verhältnisse in der Zukunft
Auf Frieden und Stabilität hofft offenbar auch US-Präsident Donald Trump, der vergangene Woche gegenüber der New York Times erklärte, er würde Venezuela gerne in Zukunft besuchen. „Ich denke, irgendwann wird es sicher sein“, so der US-Präsident gegenüber Reportern. Zuvor hatte er behauptet, die USA würden das südamerikanische Land nach einem nächtlichen Angriff auf Caracas „regieren“.
Aber selbst wenn das Regime trotz Maduros Absetzung einen Weg gefunden haben sollte weiterzubestehen, droht Venezuela erhebliche Instabilität. Das geht aus einem Bericht des Thinktanks The European Union Institute for Security Studies (EUISS) hervor. Behalte Trump die Blockade der Öl-Exporte bei, müsse Venezuela im Jahr 2026 auf mehr als 70 Prozent der Ölproduktion verzichten – und damit die wichtigste Quelle öffentlicher Einnahmen verlieren. Weitere wirtschaftliche Härten für die Bevölkerung wären die Folge; eine humanitäre Krise drohe.
Europa ist direkt betroffen: Kokainhandel und Normenverletzung bedrohen nicht nur die regionale Sicherheit
Kriminelle Gruppen könnten in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielen. In Venezuela existieren laut dem Bericht zahlreiche „Megabandas“ – schwer bewaffnete Organisationen, die im Drogenhandel, bei Erpressungen, Entführungen und Auftragsmorden aktiv sind. Kolumbianische Organisationen wie die FARC oder das Ejército de Liberación Nacional (ELN) kontrollieren einen Großteil des Kokainhandels nach Europa. Unmittelbar nach Maduros Verhaftung rief die ELN dazu auf, zu den Waffen zu greifen, um dem „US-Imperialismus entgegenzutreten“. Ein geschwächtes oder instabiles Regime könne diesen Gruppen ermöglichen, ihre Kontrolle auszuweiten und grenzüberschreitende Operationen zu intensivieren.
Die regionalen Auswirkungen dürften dabei kaum auf Venezuela beschränkt bleiben, so die Analyse des EUISS. Mehrere lateinamerikanische Länder – Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay – haben die US-Operation verurteilt. Andere wie Argentinien und Ecuador begrüßten Maduros Festnahme. Diese Spaltung spiegle eine größere regionale Kluft zwischen Trumps Verbündeten und Regierungen wider, die über die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin alarmiert sind.
Europa könne von dem drohenden Zusammenbruch der regionalen Stabilität direkt betroffen sein. Einerseits gelange der größte Teil des aus Kolumbien und Venezuela stammenden Kokains nicht in die USA, sondern nach Europa. Zudem trage die Verletzung von Normen wie Souveränität und territorialer Integrität zur Aushöhlung der internationalen Regeln bei - also eben jene Regeln, die die EU in der Ukraine, in der Taiwanstraße und anderswo aufrechtzuerhalten versuche. Europa und die Karibik seien somit enger miteinander verbunden, als oft angenommen werde. (Quellen: The European Union Institute for Security Studies, The Guardian) (tpn)