Indien will drittgrößte Volkswirtschaft der Welt werden. Deutsche Unternehmen könnten profitieren. Experten waren aber vor Euphorie. Eine Analyse.
Es wäre der größte Rüstungsdeal der indischen Geschichte – und abgeschlossen werden soll er mit Deutschland: Laut einem Bericht des Wirtschaftsdiensts Bloomberg vom Donnerstag wollen der Schiffsbauer TKMS aus Kiel und das indische Staatsunternehmen Mazagon für acht Milliarden US-Dollar gemeinsam mehrere U-Boote bauen, Technologietransfer nach Indien inklusive.
Für Bundeskanzler Friedrich Merz kommt die Nachricht von der möglichen Einigung zum denkbar günstigsten Zeitpunkt: Am Sonntag bricht er nach Indien auf, zusammen mit einer großen Wirtschaftsdelegation. Bei einem Gespräch mit Indiens Premierminister Narendra Modi im westindischen Ahmedabad und einem Treffen mit deutschen Unternehmern in der Techmetropole Bangalore in Südindien wird es vor allem um die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde gehen. Und die ist für die kränkelnde deutsche Wirtschaft so etwas wie ein Hoffnungsschimmer.
Auch wegen China-Flaute: „Für Deutschland wird Indien immer wichtiger“
„Für Deutschland wird Indien immer wichtiger – weil die Exporte nach China zurückgehen und auch die USA ein zunehmend problematischer Partner werden“, sagte Samina Sultan vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dem Münchner Merkur von Ippen.Media.
Tatsächlich erreichte der deutsch-indische Handel 2024 ein Rekordhoch, allerdings auf niedrigem Niveau. In der Rangliste der deutschen Handelspartner lag Indien 2024 lediglich auf Platz 23. Deutsche Unternehmen exportierten etwa zehnmal so viel in die USA wie auf den Subkontinent, und aus China wurde mehr als zehnmal so viel importiert wie aus Indien. „China spielt in einer ganz anderen Liga als Indien. Was deutsche Autohersteller in China in einer Woche verkaufen, das ist in Indien ein ganzes Jahresgeschäft“, sagt Adrian Haack, der das Indien-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Neu-Delhi leitet.
China wird allerdings immer mehr zum Problemfall für die deutsche Wirtschaft. Das Land konsumiert wegen einer anhaltenden wirtschaftlichen Flaute zu wenig und produziert viele Hightech-Güter, die einst aus Deutschland importiert wurden, mittlerweile selbst. Während die deutschen Exporte nach China 2024 um 7,6 Prozent zurückgingen, stiegen die Ausfuhren nach Indien um 2,6 Prozent. Verglichen mit vor fünf Jahren lag das Wachstum im Indien-Handel sogar bei knapp 70 Prozent. Von Indien als „Zukunftsmarkt“ spricht deshalb die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes GTAI.
Noch ist die weltgrößte Demokratie ein sehr armes Land. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag laut Weltbank 2024 bei weniger als 2700 US-Dollar im Jahr (Deutschland: 56.000 Dollar, China: 13.300 Dollar) – aber sechsmal so hoch wie noch im Jahr 2000. Eine konsumfreudige Mittelschicht entsteht.
Und: Das Schwellenland investiert massiv in die Infrastruktur, allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Flughäfen in Indien verdoppelt. „Es müssen Tunnel gebohrt, Züge gebaut und Flugzeuge angeschafft werden. Da winken große Geschäfte für europäische Unternehmen“, sagt KAS-Experte Haack. Schon heute beschäftigen Unternehmen wie Mercedes-Benz, SAP und Bosch in Indien Zehntausende Mitarbeiter, vor allem in der Forschung.
EU und Indien wollen Freihandelsabkommen schließen
Noch im Januar wollen Indien und die EU ein Freihandelsabkommen schließen, verhandelt wird mit Unterbrechungen schon seit 2007. Der Pakt soll Zölle verringern, Lieferketten vereinfachen und einheitliche Handelsregeln festlegen. „Profitieren könnte davon zum Beispiel der Maschinenbau, der Indien bei der grünen Transformation unterstützen könnte. Auch deutsche Autobauer könnten profitieren und mehr nach Indien exportieren“, sagt IW-Ökonomin Sultan.
Hallo, ich bin Sven Hauberg. Als Asien-Redakteur für die Frankfurter Rundschau, den Münchner Merkur und die weiteren Marken von Ippen.Media verfolge ich das politische und wirtschaftliche Geschehen in China und im übrigen Asien. Was bewegt die Menschen vor Ort? Und was bedeutet der Aufstieg Chinas für uns hier in Deutschland? Antworten finden Sie in meinem Newsletter „China kompakt“. Hier können Sie sich kostenlos anmelden – ich freue mich auf Sie!
Auch Indien wolle europäische Unternehmen ins Land holen, sagt Haack von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Indien importiere derzeit viele Produkte aus China, die es ebenso gut selbst herstellen könnte – auch mithilfe europäischer Firmen. „Indien hat also ein Eigeninteresse daran, dem europäischen Fertigungssektor einen besseren Zugang zu schaffen.“ Noch allerdings macht es Indien europäischen Unternehmen schwer, Fuß zu fassen. „Indien ist relativ protektionistisch“, sagt Sultan, auch die überbordende Bürokratie sei ein Hindernis.
Ministerpräsident Modi hat derweil große Ambitionen für sein Land. Laut seiner Regierung hat Indien im vergangenen Jahr Japan als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt überholt – und soll „in den nächsten zweieinhalb bis drei Jahren“ auch an Deutschland vorbeiziehen. Im aktuellen Fiskaljahr, das im März endet, wuchs die indische Wirtschaft um geschätzte 7,4 Prozent. Und das trotz hoher Strafzölle der USA, die Donald Trump wegen indischer Öl-Geschäfte mit Russland gegen Neu-Delhi verhängt hatte. Treiber des Wirtschaftswachstums ist vor allem die starke Nachfrage im Inland: Weil die indische Bevölkerung immer weiter wächst, wird auch mehr konsumiert.
International ist die indische Wirtschaft derzeit allerdings kaum konkurrenzfähig. „Es gibt keine indischen Unternehmen, die in entwickelten Märkten dominante Rollen spielen. Kaum jemand im Westen nutzt in seinem Alltag Produkte, die in Indien hergestellt wurden“, sagt KAS-Experte Haack. Allein durch eine hohe Binnennachfrage könnte sich Indien nicht zum Hochlohnland entwickeln. Dass deutschen Unternehmen in Indien ähnliche Konkurrenz erwächst wie derzeit in China, ist derzeit also unwahrscheinlich. Im Jahr 2047 aber, wenn Indien den 100. Jahrestag seiner Gründung begeht, will das Land endlich zu den entwickelten Nationen aufgeschlossen haben. (Quellen: Gespräche mit Adrian Haack und Samina Sultan, Bloomberg, Bundeskanzleramt, Germany Trade & Invest, Statistisches Bundesamt, Weltbank, indische Regierung, Reuters)