Die Situation in Deutschland ist paradox und Außenstehenden nur schwer zu erklären. Auf der einen Seite haben wir einen Fachkräftemangel, der sich in den kommenden Jahren immer mehr verstärken wird. Schon heute fehlen je nach Schätzung bis zu 600.000 gut ausgebildete Fachkräfte, bis 2030 könnte diese Lücke auf bis zu drei Millionen Personen anwachsen.
Auf der anderen Seite tut Deutschland relativ wenig dafür, diese fehlenden Fachkräfte selbst auszubilden. Grundlage dafür wäre eine gute Schulbildung, doch die ist in Deutschland für große Teile der Bevölkerung nicht gegeben. In der neuesten Pisa-Studie von 2022 rangierten deutsche Schüler jeweils im Mittelfeld. Bei der Lesekompetenz reichte es nur für Platz 21, in Mathematik zu Platz 24, in Naturwissenschaften zu Platz 22. Die Punktzahlen lagen dabei jeweils leicht über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Insgesamt wurden Schüler in 81 Staaten getestet.
Die erste Pisa-Studie 2000 hatte noch einen großen Aufschrei in Deutschland ausgelöst und zu hektischer Betriebsamkeit in den Kultusministerien der 16 Bundesländer geführt. Die Ergebnisse haben sich aber sogar noch verschlechtert. In der Lesekompetenz verloren deutsche Schüler von 2000 bis 2022 vier Punkte und blieben auf Platz 21, in Mathematik ging es um 15 Punkte und 9 Plätze nach unten und in Naturwissenschaften, die erst seit 2006 getestet werden, um 24 Punkte und 10 Plätze.
Schlechte Bildung kostet bis 2029 mehr als 100 Milliarden Euro
Das ist auf vielen Ebenen traurig. Auf individueller Ebene bedeutet es, dass Kinder in Deutschland nicht die Bildung erhalten, die sie später zu klügeren Menschen macht und damit auch zu besser bezahlten Jobs und einem sorgenfreieren Leben befähigt. Gesellschaftlich betrachtet entgeht Deutschland hier viel Innovationskraft, die das Land an allen Ecken und Enden nach vorne bringen könnte. Auch finanziell ist schlechte Bildung ein Verlust. Die OECD hatte dazu 2010 bereits eine Studie durchgeführt, die schlussfolgerte, dass das Bruttoinlandsprodukt eines Landes um rund 1,5 Prozent pro Jahr stärker steigen würde, wenn es seine Leistungen in allen drei Pisa-Bereichen um jeweils 25 Punkte steigert. 25 Punkte sind dabei gar nicht mal so viel. Deutschland landete 2022 etwa je nach Bereich zwischen 475 und 492 Punkten. Wir reden hier also über eine Verbesserung von maximal 5,2 Prozent.
Die OECD-Studie „The High Cost of Low Educational Performance” schlüsselte die möglichen, wirtschaftlichen Vorteile einer besseren Bildung auch nach Ländern auf. Für Deutschland wurde bis 2090 ein kumulierter BIP-Zugewinn von acht Billionen PPP-Dollar berechnet. PPP-Dollar sind kaufkraftbereinigte Dollar. In Euro wären das aktuell rund 5,7 Billionen. Das entspricht einer jährlichen BIP-Steigerung von 1,55 Prozent zusätzlich. Beim aktuellen BIP von 4,31 Billionen Euro am Ende des vergangenen Jahres entgehen uns dabei schon 2025 rund 67 Milliarden Euro. Bis Ende 2029 würde sich diese Summe bereits auf mindestens 345 Milliarden Euro steigern. Nun lässt sich Wirtschaftswachstum nicht immer analog in Steuereinnahmen umrechnen, aber selbst, wenn diese nur halb so stark wachsen würden, wären das rund 7,3 Milliarden Euro, die uns dieses Jahr bereits flöten gehen, und bis Ende 2029 kumuliert mindestens 111 Milliarden Euro – genug, um das zuletzt berichtete Finanzloch im Bundeshaushalt fast gänzlich zu stopfen.
Darum schneidet Deutschland so schlecht ab
Dass Deutschland in den Pisa-Studien so schlecht abschneidet, hat mehrere Gründe. Der Chef der Vergleichstests, der deutsche Bildungsforscher Andreas Schleicher, sprach dies erst diese Woche erneut an: „Es ist ein riesiges Problem, wenn ein Bildungssystem sich nicht ausreichend und nicht erfolgreich um Kinder mit Migrationshintergrund kümmert“, sagte er im Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Schon im vorschulischen Bereich würde hier zu wenig getan, damit Kinder mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache richtig lernen würden – was dann später zu Probleme in allen Schulfächern führt, die eben auf Deutsch unterrichtet werden. Ebenso kritisierte er die mangelnde Verfügbarkeit von Kitas, deren Ausstattung sowie die Ausstattung vieler Schulen. „Die Schulen mit den größten Herausforderungen brauchen die meisten Ressourcen. Für diese Schulen müssen wir auch die besten Lehrerinnen und Lehrer gewinnen, mit einer attraktiven Arbeitsumgebung, interessanten Karriereperspektiven und guter Ausstattung.“ Oft passiere aber genau das Gegenteil.
Wie lassen sich also die schulischen Leistungen von Kindern um eben jene 5,2 Prozent steigern, die die OECD als Maßstab gesetzt hat? Dafür gibt es mehrere Ideen aus der Forschung. Übrigens: Mit dann 500 bis 517 Punkten wären wir international immer noch nicht spitze, sondern würde uns nur auf Plätze zwischen acht in Naturwissenschaften und neun in Lesekompetenz und Mathematik verbessern.
Frühkindliche Bildung, Kitas, Kindergärten
Verschiedene Studien, etwa die „Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ (NUBBEK) stellten schon in den 2010er Jahren fest, dass die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem schon bei Kleinkindern beginnt. So gehen Kinder aus Migrationsfamilien meist später in Kitas und Kindergärten als Kinder aus Familien ohne einen solchen Hintergrund. Dafür gibt es meist zwei Gründe: Erstens gibt es bei den Eltern sprachliche wie kulturelle Barrieren – viele wissen etwa schlicht nicht, dass sie einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben, können sich den nicht leisten oder misstrauen der Bildung in der Einrichtung.
Grund Zwei ist, dass dieses Misstrauen oft angebracht ist. Die NUBBEK-Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Qualität in der Betreuung gerade von Kindern, die nicht oder schlecht Deutsch sprechen, maximal mittelmäßig ist.
Die Bundesregierung hatte daraus Konsequenzen gezogen. 2016 führte die damalige Große Koalition das Programm „Sprach-Kitas“ ein, aus dem für rund 6000 Einrichtungen Halbtagsstellen für sprachliche Bildung finanziert wurden. Die Ampel-Koalition verlängerte das Programm noch einmal bis 2023, dann lief es aber aus. Lediglich Bayern und Nordrhein-Westfalen führten es auf eigene Kosten noch eine Weile weiter. Forscher der Universitäten Berlin und Bamberg attestierten dem Programm in einer Evaluation 2021 durchaus achtbare Erfolge, mahnten aber an, dass es noch an Kita-Plätzen allgemein mangele – ein Umstand, der bis heute nicht behoben ist. Wo es Plätze gibt, mangelt es aber oft an Personal. In allen Bundesländern sei hier noch „Luft nach oben“, mahnte Susanne Viernickel, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Leipzig, 2022 in einer Anhörung des Bundestages.
Dabei wäre frühkindliche Bildung im Vergleich zu den späteren Gewinnen nicht teuer: Die Bertelsmann-Stiftung schätzt, dass es jährlich rund 4,3 Milliarden Euro kosten würde, genug Kitas mit genug Personal auszustatten. Das Sprach-Kita-Programm kostete rund 400 Millionen Euro pro Jahr.
Grundschulen
Während im Kindergarten noch alle mehr oder weniger gleichbehandelt werden, beginnt ab der Grundschule die Auslese. Schüler mit Migrationshintergrund, die etwa die deutsche Sprache nicht gut genug beherrschen, fallen hier schnell zurück, weil sie in allen Fächern dem Unterricht schlecht folgen können. Das lässt sich oft bis zum Abschluss dann nicht mehr korrigieren. Lehrer sind in dieser Situation oft überfordert, denn es gibt schlicht zu wenige von ihnen für zu viele Schüler – individuelle Förderung fällt deswegen häufig unter den Tisch.
Die Bertelsmann-Stiftung schätzte bereits 2018, dass ab diesem Jahr allein im Grundschulbereich rund 35.000 Lehrer bundesweit fehlen werden. Die Situation wird ab kommenden Jahr noch verschärft, denn dann greift der Rechtsanspruch auf einen Platz in der Offenen Ganztagsschule. Doch analog zum gleichen Anspruch bei Kitas fehlt es auch hier an Personal und Kapazitäten. „Das wird nicht realisierbar sein“, hatte Gerd Landsberg, Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, schon 2023 gesagt.
Bisher steuern nur einige Bundesländer dagegen. Hamburg etwa hat vergangenes Jahr verpflichtende Deutschtests für Vierjährige eingeführt. Getestet werden die Sprachkenntnisse dabei spielerisch, damit kein Prüfungsdruck entsteht. Am Ende gibt es ein Geschenk. Hat ein Kind Defizite, muss es vor der Einschulung ein Vorschuljahr einlegen. Bayern und Nordrhein-Westfalen machen ähnliche Tests, andere Bundesländer planen sie in den kommenden Jahren einzuführen.
Die Bundesregierung hatte sich zudem vergangenes Jahr mit den Länder auf das „Startchancen-Programm“ geeinigt. Dabei sollen 4000 Schulen in Brennpunkten gefördert werden. Zwei Milliarden Euro jährlich werden über zehn Jahre investiert. Allerdings gehen 40 Prozent der Fördergelder in bauliche Verbesserungen, nur 30 Prozent in mehr Personal von Lehrern bis Sozialpädagogen.
Für tatsächlich bessere Bedingungen müsste Kommunen aber genug Geld zur Verfügung gestellt werden, um den Anspruch auf Ganztagsbetreuung flächendeckend umzusetzen – sowohl baulich als auch vom Personal her. Auch das wäre im Vergleich zum Profit nicht teuer. Die Bertelsmann-Stiftung berechnet die notwendigen Personalkosten auf 5,3 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr.
Fazit
Für Kindergärten, Kitas und Schulen würde also Investitionen von weniger als zehn Milliarden Euro pro Jahr deutliche Verbesserungen bringen. Bis diese sich in Wirtschaftswachstum und Steuermehreinnahmen niederschlagen, würde es allerdings dauern. Bis ein heute 3-Jähriger seinen ersten Job anfängt und Steuern bezahlt, werden mindestens 20 Jahre vergehen. Die anfänglichen Investitionen lägen also bei rund 200 Milliarden Euro in diesem Zeitraum. Nach Wirtschaftskraft würden die sich danach aber in nur zwei Jahren amortisieren, nach Steuereinnahmen – konservativ gerechnet – in sieben Jahren.