Das weltweit größte Atomkraftwerk könnte von Japan wieder in Betrieb genommen werden. Das löst gemischte Reaktionen aus. Ein Appell wird auch an die deutsche Bundesregierung gerichtet.
Hamburg – 11. März 2011: Kaum ein Datum in der Geschichte der Kernenergie dürfte so sehr in Erinnerung bleiben wie der Tag des Fukushima-Unglücks. Ein Erdbeben löste einen Tsunami aus, der das japanische Kernkraftwerk Fukushima Daiichi beschädigte. Es kam zu Explosionen und Freisetzung radioaktiver Substanzen in die Umwelt. Nach der Nuklearkatastrophe wurden alle japanischen Atomkraftwerke vorerst stillgelegt. Nun soll eines der AKWs vor einem Comeback stehen.
Damit wäre das AKW Kashiwazaki-Kariwa das erste Kraftwerk des Fukushima-Betreibers Tepco, das seit der Katastrophe wieder in Betrieb gehen würde. Dass die mögliche Wiederinbetriebnahme mit gewissen Risiken dortzulande verbunden ist, ist offensichtlich. „Fukushima hat gezeigt, wie teuer ein einziger Fehler werden kann“, sagte Pressesprecher des Energieunternehmens Enerix Lucas Flügel im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Japan könnte größtes AKW reaktivieren – „gibt grundsätzlich kein risikofreies Kernenergiekraftwerk“
Besonders vor dem Hintergrund, dass Japan erdbebengefährdet ist, äußern Experten Kritik an einer möglichen Reaktivierung des AKWs Kashiwazaki-Kariwa. „Japan ist wegen der Erdbeben ohnehin ein starkes Risikogebiet. Natürlich wird man die Erfahrungen aus den vergangenen Unfällen einfließen lassen. Es gibt aber grundsätzlich kein risikofreies Kernenergiekraftwerk“, sagte der Energieprofessor Volker Quaschning im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Ob es im Falle einer Wiederinbetriebnahme globale Risiken oder Auswirkungen gäbe, sei schwer zu sagen. Es handele sich zwar um eine Hochrisikotechnologie, aber: „Japan liegt weit entfernt von anderen Ländern, deshalb wären die Folgen anders, als wenn wir beispielsweise über Kernkraftwerk in Frankreich sprechen würden“, so Quaschning.
Auch Flügel grenzt die Dimensionen der Folgen der erneuten AKW-Inbetriebnahme ein. Für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Japan habe der Schritt wenig Auswirkungen, da die politischen Ausbauziele bestehen blieben. „Das größere Problem ist strategisch: Kapital und politische Aufmerksamkeit werden auf eine teure Übergangstechnologie konzentriert, statt die erneuerbaren Strukturen maximal zu beschleunigen“, sagte Flügel.
Warum Japan auf erneuerbare Energien statt auf alte AKW setzen sollte
Dass Japan, statt auf Kernenergie, besser auf den Ausbau der erneuerbaren Energien setzen sollte, lässt sich im Ländervergleich beim Ausbau der Erneuerbaren feststellen. Anders als beispielsweise Deutschland hinkt Japan nämlich beim Ausbau von Solar und Windkraft hinterher. „Japan hat versäumt, rechtzeitig auf erneuerbare Energien zu setzen“, sagte Prof. Quaschning mit Blick auf Entwicklungen bei Windenergie an Land und Offshore Windenergie. Das Land sei praktisch bei der Nutzung erneuerbarer Energien „dort, wo Deutschland vor 10 Jahren war.“
Für Japan sei es deshalb sinnvoll, einen Plan für den Ausbau der Erneuerbaren zu erstellen. „Schaltet man ein Kernkraftwerk wieder ein, schafft man sich möglicherweise ein Problem an anderer Stelle. Langfristig wird Japan an einen Punkt kommen, an dem der gemeinsame Betrieb von Kernenergie und erneuerbaren Energien keinen Sinn ergibt“, so Quaschning.
Ähnlich sieht es auch Flügel. „Japan selbst zeigt mit seinen Zielen für 40–50 Prozent Erneuerbare bis 2040 und massiven Investitionen in neue PV-Technologien, dass die Zukunft in einem diversifizierten, dezentraleren System liegt. Jede strategische Fixierung auf Atomkraft verzögert diesen Übergang“, sagte der Pressesprecher.
„Wer heute in neue oder reaktivierte Reaktoren investiert, baut Infrastruktur für die 2040er- und 2050er-Jahre. Bis dahin werden Erneuerbare plus Speicher die deutlich günstigere und sicherere Option sein – das zeigen alle Kostenkurven.“ Und auch die Reaktivierung des AKWs selbst könnte ein großer Kostentreiber sein. „Die Kosten für Nachrüstung und Sicherheitsupgrades sind so hoch, dass der wirtschaftliche Betrieb alter Anlagen zunehmend infrage steht – selbst dann, wenn sie technisch wieder ans Netz dürften“, so Flügel.
Größtes AKW soll wieder ans Netz: Darum setzt Japan auf eine Hochrisikotechnologie
Warum also will Japan überhaupt auf eine Hochrisikotechnologie setzen? Auch das lässt sich beantworten, wenn man den Fortschritt beim Ausbau der Erneuerbaren in Japan betrachtet. Laut Quaschning ist das Land noch weit davon entfernt, den Strom wie Deutschland zu rund 60 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen, da Japan nach dem Unglück in Fukushima viele Kernkraftwerke heruntergefahren und die Lücke zunächst mit fossilen Energien gedeckt hatte, also auch mit LNG.
Aus Systemsicht werde das AKW im Falle einer Reaktivierung deshalb kurzfristig vor allem zwei Dinge tun: die teure fossile Importe (LNG, Kohle) teilweise ersetzen und die CO₂-Emissionen senken, solange der Ausbau der Erneuerbaren und der Netze noch hinter den technisch möglichen Zielen zurückbleibt, erklärte Flügel.
Größtes AKW wieder aktiv? Energiebranche appelliert an Bundesregierung: „Kein Beispiel nehmen“
Sollte die Reaktivierung des AKWs Kashiwazaki-Kariwa durchgesetzt werden, gäbe es für Deutschland zumindest beim Ausbau der Erneuerbaren keine direkte Bremswirkung. Hierzulande sei die Wirkung vor allem politisch, weniger physikalisch, so Flügel. Er appelliert an die Bundesregierung: „Deutschland sollte sich an diesem Kurs kein Beispiel nehmen. Wir haben bewiesen, dass sich ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien mit Versorgungssicherheit vereinbaren lässt – ohne Milliarden in alternde Reaktoren zu verbraten.“
Auch Quaschning sieht für Deutschland „praktisch keinen Nutzen“ beim Weiterbetrieb der Kernenergie. In Deutschland wurden die letzten AKWs im Jahr 2023 abgeschaltet. „Die drei Kernkraftwerke hatten einen minimalen Einfluss auf den Strompreis und der Einfluss auf die Versorgungssicherheit ist auch gering, genauso wie der Anteil am Energiebedarf. Es besteht also ein hohes Risiko, mit kleinem Nutzen“, sagte Prof. Quaschning.
Blick in die Zukunft von AKWs und möglichen Comebacks – Risikobewusstsein nimmt offenbar ab
Diskussionen über die Inbetriebnahme älterer Atomkraftwerke werden auch künftig nicht abreißen – und werden auch nicht im Falle einer Reaktivierung des japanischen Atomkraftwerks aufhören. „Man merkt, dass das Risikobewusstsein immer wieder abnimmt. Das haben wir bei Tschernobyl oder bei Fukushima gesehen. Deutschland hat nach dem Vorfall in Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie vollzogen, nun will die Union wieder einsteigen. Die Risikofragen zu solchen Unglücken spielen irgendwann keine Rolle mehr. Das wird wohl weltweit so sein“, so Quaschning. (Quellen: eigene Recherche und Anfragen) (bohy)