Arbeitsmarkt-Studie enthüllt: GenZ spricht nur aus, was viele Arbeitnehmer denken

In vielen Unternehmen öffnet sich eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Während Arbeitgeber mit New-Work-Begriffen, Benefits und Markenversprechen auftreten, berichten Beschäftigte von zunehmender Belastung, sinkender Orientierung und abnehmender Zufriedenheit. Die kommunizierten Leitbilder kollidieren spürbar mit dem gelebten Alltag und die Diskrepanz wächst.

Zwei neue Reports helfen, diese Stimmung einzuordnen. Die Factorial-Studie „HR-Realtalk: Gehalt, Sinn oder Flexibilität – Was zählt wirklich?“ und der Indeed-Work Wellbeing Report 2025 zeigen, welche Kräfte im Hintergrund wirken und warum viele Organisationen die Verbindung zu ihren Beschäftigten verlieren.

Arbeitswelt Deutschland: Was Beschäftigte wirklich wollen

Im HR-Realtalk wurden 500 Menschen aus ganz Deutschland befragt. Die Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, aber dennoch nüchtern, fast schon ernüchternd:

Erkenntnis 1: Gehalt schlägt alles.

Am Ende zählt das Geld. Zu niedriges Gehalt ist der häufigste Kündigungsgrund noch vor Kultur und Belastung.

Erkenntnis 2: Gen Z will Geld statt Work-Life-Balance.

Die Gen Z, also alle etwa 18- bis 24-Jährigen wollen finanzielle Sicherheit in einer Welt steigender Lebenshaltungskosten und wackliger Rentenmodelle.

Erkenntnis 3: Mit dem Alter wächst der Wunsch nach Sinn.

70 Prozent der 45 bis 50-Jährigen wünschen sich eine spannende oder sinnvolle Tätigkeit. Arbeit soll tragen, nicht nur zahlen.

Erkenntnis 4: Stress hat Struktur, keinen Zufall.

Organisatorische Defizite wie etwa schlechte Kommunikation, Überlastung und Überstunden sind die größten Belastungsfaktoren. Sie betreffen alle Generationen.

Erkenntnis 5: Flexibilität heißt Kontrolle über Zeit.

Für 30 Prozent der Befragten sind flexible Arbeitszeiten die wertvollste Freiheit. Das ist ihnen sogar wichtiger als Homeoffice.

Erkenntnis 6: Kultur ist kein Soft-Faktor.

Ein schlechtes Miteinander ist der zweithäufigste Kündigungsgrund. Wer bleibt, bleibt wegen des Teams. Und wer geht, geht oft wegen der Atmosphäre.

Erkenntnis 7: Werte zählen.

40 Prozent achten auf die Moral des Arbeitgebers. Den Ergebnissen zufolge ist das eine stille, aber wirksame Währung.

Der Report zeigt, dass Beschäftigte vor allem Fairness, Planbarkeit, Respekt wollen. Obendrauf kommt die materielle Sicherheit. Und vieles davon fehlt in deutschen Unternehmen. 

Gen Z im Fokus: ein Reality-Check

Die Debatten über die Gen Z laufen seit langer Zeit heiß. Anspruchsvoll soll sie sein, weich, wenig belastbar. Die Daten zeigen: Das Bild ist verzerrt.

Gen Z ist „nicht belastbar“? 

Nein. Sie reagiert besonders empfindlich auf schlechte Kommunikation. Das ist ein Hinweis auf höhere Erwartungen an Transparenz, nicht auf geringere Robustheit.

Gen Z hat „kein Interesse an Karriere“? 

Ja, aber Karriere verliert insgesamt an Bedeutung. Nicht nur bei der Gen Z. Der Selbstzweck hat offenbar an Glanz verloren.

Gen Z will „so wenig arbeiten wie möglich“?

Die Work-Life-Balance hat für die Gen Z laut Befragung nicht die höchste Priorität. Gehalt ist ihnen viel wichtiger. Aber nicht aus Ego, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit.

Gen Z hat „zu viel Selbstbewusstsein“?

Das ist wohl eine Frage der Interpretation. Die Gen Z hat eher ein klares Bewusstsein für Grenzen und für mentale Gesundheit. Was früher verschwiegen wurde, wird heute ausgesprochen.

Kurz: Die Gen Z ist kein Sonderfall. Sie formuliert nur deutlicher, was viele denken.

Wohlbefinden im Job: Deutschland bildet international Schlusslicht 

Während der HR-Report vor allem den Blick nach innen auf Strukturen, Erwartungen und Bruchlinien innerhalb deutscher Unternehmen richtet, erweitert der Work Wellbeing Report 2025 von Indeed die Perspektive. Er setzt die Befunde in einen internationalen Kontext und zeigt, wie Deutschland im globalen Vergleich dasteht. Spoiler: ernüchternd.

Deutschland liegt beim Wohlbefinden im Job erneut auf dem letzten Platz. Nur jeder Fünfte ist demnach im Job zufrieden. Die Zufriedenheit ist seit 2023 dramatisch von 41 Prozent auf 24 Prozent gefallen. Stress steht 2025 als Kündigungsgrund auf Platz zwei.

Die Parallelen zum HR-Report sind kaum zu übersehen. Auch der Indeed-Report zeigt deutlich, wie eng Wohlbefinden und Innovationskraft miteinander verknüpft sind.

Zufriedene Teams arbeiten kreativer und produktiver. Zudem gehen sie deutlich offener mit neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz um. Wo jedoch die Kultur bröckelt, verliert auch die digitale Transformation an Tempo. Schlechte Stimmung und geringe Zufriedenheit wirken wie Sand im Getriebe. 

Gleichzeitig rutschen private Belastungen immer stärker nach: Fast die Hälfte der Befragten nennt den Job als größten täglichen Stressfaktor, häufig verbunden mit Schlafproblemen und Erschöpfung. All das verweist auf eine zentrale Erkenntnis: Unzufriedenheit ist längst kein individuelles Empfinden mehr, sondern entwickelt sich zu einem systemischen Risiko für Produktivität, Anpassungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Deutschlands Arbeitsmarkt am Wendepunkt

Die beiden Studien zeigen eine Arbeitswelt, die an Substanz verliert. Beschäftigte suchen nach Stabilität: faire Bezahlung, klare Kommunikation, tragfähige Belastungsniveaus, Respekt und echte Flexibilität. Auch die Gen Z überzeichnet diese Wünsche nicht. Sie macht sie sichtbar.

Für Arbeitgeber heißt das: Wohlbefinden ist kein Nice-to-have mehr. Es ist der Rohstoff, aus dem Produktivität, Innovation und Resilienz entstehen. Wer ihn ignoriert, verliert.