An Silvester rasen die Retter zu Böller-Verletzten und Alkohol-Unfällen. Bei manchen Fahrten zu brennenden Häusern wurden Notarzt-Wagen schon mit Böllern beworfen.
Jeder schaut auf die Uhr. Auch ein Internist, ein Chirurg und die Besatzung der Rettungswagen. Der Zehn-Sekunden-Countdown zum Jahreswechsel, der auf den kleinen und großen Silvestersausen der Region ein recht feuchtfröhlicher Anlass zum Prosten ist, ist für die Ärzte der Kreisklinik die kurze Ruhe vor dem langen Sturm. „Meist geht‘s pünktlich um Mitternacht los“, weiß Dr. Christoph Preuss, Oberarzt an der Klinik des Landkreises. Dann klingelt der Notruf und die Retter rasen los, vorbei an fröhlich Böllernden zu den ersten Verletzten einer gefährlichen Nacht. „In den vergangenen Jahren gab es durchaus höhere Einsatzzahlen im Rettungsdienst“, lautet die wertfreie Bilanz des erfahrenen Mediziners. Häufig sind kleine Unfälle mit Knallkörpern. „Die werden in der Regel ambulant versorgt.“ Ganz schwere Vorfälle mit Böllern, Feuerwerk und Krachern sind im Isar-Loisach-Land die Ausnahme.
In kalten Dezembernächten – oder am frühen Januarmorgen, je nach Perspektive – geschehen bei so viel Trubel auf den Straßen auf die ganz üblichen Unfälle: „Wir behandeln auch Stürze bei Glätte“, vielleicht sogar Auto-Unfälle. An Silvester kommt der Party-Charakter des Abends dazu: „Es sind jedes Jahr Alkohol-Fälle dabei.“ Vergiftungen oder rauschbedingte Unfälle sind eher die Regel als die Ausnahme in der ersten Nacht des neuen Jahrs. Weil so viele private Feiern stattfinden wie an keinem anderen Tag im ganzen Jahr, sind Fondue-Verbrühungen auch eine Silvester-Besonderheit.
Nicht nur Silvester-Typisches beschäftigt die Ärzte
Deutschlandweit ist der Jahreswechsel die verletzungsintensivste Zeit des Jahres. Das Bayerische Rote Kreuz fährt alle 20 Sekunden zu einem Notfall im Freistaat aus, HNO-Ärzte gehen von 8000 Knalltraumata pro Jahr aus. Und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat in den Intensivstationen Buch geführt: Üblicherweise werden 26 Patienten pro Tag mit den typischen Neujahrs-Unfällen in Kliniken zwischen Wattenmeer und Königssee aufgenommen. Gezählt wurden nur besonders schwere Verletzungen. Im Klinikjargon sind das „ICD-W49.9“-Verletzte: Solche, die wegen Feuerwerk, fallenden Gegenständen oder Maschinen verletzt werden. Am 1. Januar 2025 schnellte diese Zahl bundesweit auf 100 stationär aufgenommene Schwerverletzte hoch. Kleine statistische Besonderheit: 80 Prozent dieser Feuerwerks-Verletzten sind männlich. Was nicht in die Statistik fließt, sind ambulant versorgte Böller-Verletzte. Die DKG rechnet mit einem Vielfachen an Verletzten, die nicht in die Statistik fließen.
Wie viele Verletzte an Silvester? „Eine der arbeitsreichsten Schichten“ in der Klinik
Preuß sagt: „Es ist eine der arbeitsreichsten Schichten im ganzen Jahr.“ Er hat Verständnis, dass vor allem junge Ärzte großen Respekt vor der Neujahrs-Nachtschicht in der Notaufnahme haben. Heuer sind zwei erfahrene Kollegen im Dienst, ein Internist und ein Chirurg – also eine übliche Nachtschicht-Besetzung. Reicht das? Preuß lacht. „Das muss es.“ Die Krankenhäuser könnten nicht beliebig viele Notärzte ins neue Jahr schicken. „Die Entscheidung treffe ich nicht, aber es gäbe nicht viele Möglichkeiten, mehr Personal einzusetzen.“
Böller und Raketen sorgen im Einsatz für Komplikationen
Für Preuß selbst beginnt das Arbeitsjahr am 1. Januar um 7 Uhr. Zur Frühschicht ist noch genug aus der Nacht zu tun, weiß er aus Erfahrung. „Das sind unliebsame Dienste.“ Er selbst ist nicht nur aus beruflichen Gründen kein Silvester-Enthusiast. „Ich feiere andere Anlässe mehr“, sagt er. Böller und Raketen lösen beim Ickinger auch weniger feierliche Gefühle aus. Und qua Beruf weiß er um die Gefahren – sowohl die unmittelbaren als auch die mittelbaren: „Der Müll bleibt ja auch noch auf der Straße liegen, wo wir mit dem Rettungswagen durchmüssen.“ Bei einem Silvester-Einsatz als Notarzt wurden kleine Böller gar unter sein Auto geworfen. „Das fanden die Leute an der Straße wohl ganz lustig.“ An dem Abend war er auf dem Weg nach Geretsried, wo ein Wohnhaus brannte – wegen eines verunglückten Feuerwerkskörpers.