Die Stadt Sarajevo versinkt im Smog. Die Feinstaub-Grenzwerte sind gefährlich hoch, Flugzeuge bleiben am Boden, Kinder sollen zu Hause bleiben.
Sarajevo – Sarajevo kämpft mit einer dramatischen Luftverschmutzung, die alarmierende Ausmaße erreicht hat. Am Donnerstag (25. Dezember) wurden die gesetzlichen Grenzwerte für Feinstaub stellenweise um das Zehnfache überschritten, wie Heute.at berichtet. Die bosnische Hauptstadt ist von einer dichten, braunen Smogschicht umhüllt, die wie eine Giftglocke über der Stadt liegt.
Das Schweizer Messnetz IQAir klassifizierte die Luftqualität als „sehr ungesund“ mit einem Luftqualitätsindex von 225. Weltweit ist die Luft nur in Lahore (Pakistan) und Delhi (Indien) aktuell schlechter. „Die Konzentration giftiger Partikel sei in Sarajevo mitunter zehnmal höher als sie sein sollte“, warnt Enis Krecinic, Experte für Luftverschmutzung am staatlichen meteorologischen Institut gegenüber Euronews. Nur das 172 Meter hohe Avaz-Twist-Gebäude ragt noch aus der dichten Smogschicht heraus.
Giftwolke über Sarajevo: Drastische Notmaßnahmen verhängt
Die Behörden reagierten mit einem Bündel drastischer Maßnahmen, wie Kosmo.at berichtet: Fahrzeuge über 3,5 Tonnen sowie alle Autos, die nicht den EU-Umweltstandards entsprechen, dürfen nicht ins Stadtzentrum. Bauarbeiten im Freien und öffentliche Versammlungen wurden temporär untersagt.
Der öffentliche Gesundheitsdienst des Kantons Sarajevo empfahl den Bürgern, sich möglichst nicht im Freien aufzuhalten. Kinder sollen zu Hause bleiben, schreibt Euronews. Viele Menschen, die dennoch auf die Straße mussten, trugen bereits Atemschutzmasken.
Anwohner der Hauptstadt leiden unter der Giftwolke
„Es ist furchtbar, wir ersticken, vor allem Menschen mit Herzproblemen“, klagt eine Anwohnerin gegenüber ZDF. Der Straßenverkehr kam bei dem dichten Nebel fast zum Erliegen. Seit dem späten Mittwochabend breitete sich eine dicke, schmutzig braune Nebelbrühe über die Stadt aus.
Sarajevo liegt in einem Talkessel, umgeben von Bergen. Bei Windstille sammeln sich die Abgase von Heizungen und Verkehr tagelang in der Luft. Im Winter leiden die Bewohner traditionell unter extremer Luftverschmutzung, da viel mit Kohle und Holz geheizt wird. Aber besondere Umweltereignisse wie Vulkanausbrüche können dafür sorgen, dass sich die Luftqualität massiv verschlechtert.
Sarajevo gehört zu den Städten mit der schlechtesten Luftqualität
Der besonders gefährliche ultrafeine Feinstaub PM2,5 dringt bis in die tiefsten Lungenregionen vor und kann Krebserkrankungen, Herzinfarkte oder Atemwegsbeschwerden verursachen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kranke und Kinder. Sarajevo steht laut Euronews regelmäßig auf den vorderen Plätzen der Städte mit der weltweit schlechtesten Luftqualität. Am Donnerstag hatte demnach nur Indiens Hauptstadt Neu-Delhi noch schlechtere Werte. Doch auch in Deutschland werden regelmäßig schlechte Werte gemessen.
Die dramatische Luftverschmutzung in Sarajevo ist kein Einzelfall auf dem Westbalkan. Laut einem Bericht der Weltbank sterben in Bosnien jährlich etwa 3.300 Menschen vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung – das entspricht neun Prozent aller jährlichen Todesfälle im Land. Rund 16 Prozent dieser gesundheitlichen Belastung konzentrieren sich auf Sarajevo und Banja Luka im Nordwesten Bosniens. (Quellen: Heute.at, Euronews, ZDF, Kosmo.at, Weltbank) (tt)
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