Schon um 6.20 Uhr stehen am Montag die ersten Kunden vor einem Discounter in Oberbayern. Der Vorrat an Silvesterraketen und Böllern ist schnell vergriffen.
Es ist stockfinster und eiskalt. Sechs Grad unter null zeigt das Thermometer. Die Straßen in Peißenberg sind wie leergefegt, nur die Ampeln blinken munter grün und rot. Die ganze Marktgemeinde schläft noch. Die ganze Marktgemeinde? Nein. Im Gewerbegebiet an der Hochreuther Straße brennt bereits Licht. Ein Auto nach dem anderen rollt auf den Parkplatz der Lidl-Filiale. Vor dem Eingang des Discounters tappen Dutzende Menschen angespannt von einem Bein auf das andere und pusten sich wärmend in die Hände. Mittendrin ein Vater mit seinem Sohn im Grundschulalter. Beide sind dick eingepackt, tragen große Plastiktüten und nicken sich erwartungsvoll zu. Fast so, als stünden sie kurz vor einem Banküberfall. Doch mit kriminellen Machenschaften haben sie nichts am Hut. Die beiden haben es auf etwas ganz anderes abgesehen: Silvesterraketen und Böller-Batterien.
Um Punkt 7 Uhr hat das Warten ein Ende – und das Schauspiel beginnt. Die gläserne Eingangstür des Discounters weicht zur Seite und die Menschentraube drückt ins Innere. Jetzt ist Schnelligkeit gefragt. Denn der Vorrat ist begrenzt. Nur Augenblicke, nachdem die Meute die große Verkaufshalle gestürmt hat, fällt sie auch schon gierig über das Sortiment an Silvesterkrachern her und füllt eifrig ihre Tüten mit „Super-Sonic“-Raketen oder „Big-Bang“-Batterien. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei und einer nach dem anderen tappt mit einem breiten Grinsen im Gesicht ins Freie.
„Beim letzten Mal sind wir erst um 10 Uhr dagewesen“, erzählt Florian Kohler. Viel zu spät. Damals sei kaum noch etwas übrig gewesen. „Den Fehler machen wir nicht nochmal“, erklärt er lachend und verstaut zusammen mit Sohn Maximilian eine stattliche Batterie im Kofferraum. Diesmal waren die Kohlers erfolgreich und blicken triumphierend zurück zum Supermarkt, wo immer mehr Menschen mit Silvesterraketen unter dem Arm ins Freie drängen. „Ich glaube, da gibt's schon gar nichts mehr“, sagt Florian Kohler grinsend. Am Wochenende hatte die ganze Familie fleißig Prospekte studiert und nach den interessantesten Angeboten durchsucht. „Am meisten angesprochen“ habe sie das Silvesterkracher-Sortiment bei Lidl, sagt Maximilian Kohler.
Nach fünf Minuten war alles weg
„Der hat die besten Sachen“, beteuern auch Thomas Walser und Maxi Arnold aus Böbing. Schon um 6.20 Uhr, eine knappe Dreiviertelstunde vor Ladeneröffnung, trafen die beiden vor dem Discounter ein – und staunten nicht schlecht. Dass sie nicht die Einzigen sein werden, die am Montag Silvesterkracher kaufen wollen, war ihnen klar. Mit einem derartigen Ansturm hatten sie aber nicht gerechnet. „Da war sofort alles weg“, sagt Thomas Walser. „Letztes Jahr standen sie schon bis zum Müller rüber“, erzählt er und deutet auf den benachbarten Drogeriemarkt. „Es wird jedes Jahr mehr. Davon, dass weniger geschossen werden soll, merkt man nichts“, ergänzt sein Spezl. Trotz ihres prall gefüllten Einkaufswagens haben die jungen Männer noch nicht genug. Als Nächstes steht die Netto-Filiale in Hohenpeißenberg auf ihrer Liste, verraten die Böbinger augenzwinkernd: „Mal schauen, was es da noch so gibt.“