Deutschlands demokratische Mitte schmiert ab - wegen ihrer kommunikativen Arroganz

2025 war kein Jahr der politischen Überraschungen. Aber es war das Jahr, in dem endgültig sichtbar wurde, wer politische Realität akzeptiert – und wer sie verdrängt.

Die demokratische Mitte verliert nicht, weil Extremisten besser argumentieren. Sie verliert, weil sie sich weigert, anzuerkennen, wo politische Wirkung heute entsteht.

Nicht im Bundestag. Nicht in Ausschüssen. Nicht in wohlformulierten Reden für ein Publikum, das es so nicht mehr gibt. Sondern auf Plattformen.

Der Bundestag ist keine Debattenarena mehr – er ist Rohmaterial. Wer heute im Bundestag spricht, spricht nicht mehr primär zu Abgeordneten.

Die eigentliche Debatte findet im Hochformat statt – mit Untertiteln, Zuspitzung und emotionaler Dramaturgie

Er spricht zu Kameras. Zu Algorithmen. Zu einer Öffentlichkeit, die Inhalte nicht mehr hört, sondern konsumiert.

Reden werden nicht mehr gehalten. Sie werden geschnitten. Argumente werden nicht mehr abgewogen. Sie werden verwertet. Der Bundestag ist längst zur Produktionsstätte geworden.

Die eigentliche Debatte findet im Hochformat statt – mit Untertiteln, Zuspitzung und emotionaler Dramaturgie. Das ist keine Meinung. Das ist die Realität politischer Kommunikation im Jahr 2025.

Wer Social Media noch immer für ein Randphänomen hält, hat den Anschluss an die gesellschaftliche Wirklichkeit verloren. Mehr als 60 Prozent der Deutschen nutzen soziale Netzwerke regelmäßig. Das Wachstum kommt nicht aus der Jugend – sondern aus den älteren Generationen. Facebook und YouTube sind längst keine Jugendmedien mehr. Sie sind der digitale Marktplatz der Republik.

Und die Jüngeren? Junge Führungskräfte, Unternehmer, Entscheider haben kein Zeitungsabo mehr. Sie beziehen ihre Informationen aus Plattformen. Aus geteilten Artikeln. Aus Clips, die wirken – nicht aus Texten, die korrekt sind.

Wer dort nicht strategisch stattfindet, existiert politisch nur noch im Archiv. 

Warum Extremisten gewinnen – und die Mitte verliert

Extremisten sind nicht erfolgreicher, weil sie recht hätten. Sondern weil sie kommunikativ erwachsen sind. Sie sprechen nicht für den Raum, sondern für die Kamera. Sie denken nicht Diskurs, sondern Dramaturgie.

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Einstieg. Eskalation. Pointe. Empörung ist für sie kein Unfall. Sie ist Methode. Die Zahlen sind eindeutig: Extremistische Parteien erzielen auf sozialen Plattformen deutlich höhere Reichweiten als die Parteien der Mitte – teilweise mit weniger Personal, weniger Mandaten, aber klarer Strategie.

Während Extremisten zuspitzen, erklärt die Mitte - während andere emotionalisieren, relativiert sie. 

Das ist kein Zufall. Das ist Kompetenz. Der größte Irrtum der demokratischen Mitte: Seriosität schützt. Die Mitte hält sich für differenzierter. Für staatstragender. Für moralisch überlegen. Und genau deshalb verliert sie.

Sie verwechselt Seriosität mit Wirkung. Komplexität mit Relevanz. Haltung mit Anschlussfähigkeit. Während Extremisten zuspitzen, erklärt die Mitte. Während andere emotionalisieren, relativiert sie. Während Clips entstehen, entstehen Protokolle.

Das ist keine Stärke. Das ist Hybris. Diese Niederlage ist selbstverschuldet. Die Fakten liegen nicht erst seit gestern auf dem Tisch. Sie liegen seit Jahren vor. Die Plattformverschiebung. Die Reichweiten. Die Alterskohorten. Die Mechaniken von Aufmerksamkeit.

Die nächste Bundesregierung könnte von Extremisten geprägt werden - nicht, weil die klüger sind

Wer 2025 noch immer so kommuniziert wie 2005, handelt nicht aus Unwissenheit. Sondern aus Bequemlichkeit. Aus Überheblichkeit. Aus Beratungsresistenz. Man hält sich für zu klug, um neue Werkzeuge ernsthaft zu lernen. Zu staatstragend, um Rhetorik neu zu trainieren. Zu überzeugt von der eigenen moralischen Position, um sich ehrlich mit Wirkung auseinanderzusetzen.

Wenn sich daran nichts ändert, wird die nächste Bundesregierung nicht deshalb von Extremisten geprägt, weil diese klüger wären. Sondern weil die demokratische Mitte kommunikativ nicht mehr anschlussfähig ist. Nicht, weil sie falsch liegt. Sondern weil sie nicht mehr verstanden wird.

Emotionen entscheiden Wahlen. Und wer das Feld der Emotionen räumt, überlässt Macht denen, die es skrupellos bespielen. 

Wie lange will sich die demokratische Mitte noch einreden, dass ihre Kommunikationsverweigerung moralische Überlegenheit sei

Ich schreibe das nicht aus theoretischer Distanz. Ich beschäftige mich seit über einem Jahrzehnt mit den systemischen Veränderungen von Kommunikation. 2013 erschien mein Buch Kommunikationsrevolution Social Media. 2016 folgte Herzlich willkommen im Datengefängnis.

Ich bin 53 Jahre alt. Und erreiche heute auf Instagram hunderttausende Menschen mit einer Reichweite im Millionenbereich – quer durch alle Altersgruppen.

Nicht, weil ich jung bin. Nicht, weil ich provoziere. Sondern weil ich akzeptiert habe, dass Öffentlichkeit sich verändert hat – und politische Kommunikation sich ihr anpassen muss.

Das ist kein Appell. Es ist ein Befund. Der Bundestag ist längst Bühne. Die Plattformen sind längst Machtzentren. Die Frage ist nicht, ob man das gut findet. Die Frage ist: Wie lange will sich die demokratische Mitte noch einreden, dass ihre Kommunikationsverweigerung moralische Überlegenheit sei – während andere mit zeitgemäßer Rhetorik politische Realität schaffen?

2025 hat diese Frage nicht verursacht. Aber es hat sie endgültig beantwortet.

Michael Ehlers ist Rhetoriktrainer, Bestsellerautor und Geschäftsführer der Institut Michael Ehlers GmbH. Er coacht Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Medien. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.