"Schlimmstes Grippejahr aller Zeiten" in Australien – das ist auch für uns alarmierend

In der Zeit kurz vor Weihnachten denken die Menschen an vieles, aber nicht unbedingt an das Grippevirus. Allerdings: Die Variante H3N2 von Influenza A breitet sich aus. Australien erlebte 2025 gar „das schlimmste Grippejahr seit Beginn der Aufzeichnungen“. Das meldeten die Mediziner bereits Ende Oktober.

In Australien beginnen die Wintermonate im Juni, wenn bei uns Sommer ist. Entsprechend früher startet dort auch die Grippezeit und ist in der Regel im Oktober wieder vorüber. Doch in diesem Jahr ist ein Ende noch nicht in Sicht: Seit November nehmen die Fallzahlen wieder zu, Krankenhäuser füllen sich, wie die Gesundheitsbehörden berichten.

Die oberste Gesundheitsbeamtin des australischen Bundesstaates New South Wales, Kerry Chant, sagte: „Im Vergleich zu anderen Grippesaisons fällt auf, dass die aktuelle Erkältungszeit länger anhält, was Anlass zur Sorge gibt. Normalerweise sinken die Grippezahlen im September oder Anfang Oktober deutlich, nachdem sie ihren Höhepunkt im Winter erreicht haben – doch wir haben bereits November, und die Fallzahlen steigen weiter.“

Für den australischen Datenjournalist Mike Honey sieht es eher nach einer zweiten Grippewelle in New South Wales aus als nach einem „langen Ausläufer“. Die Fallzahlen seien den ganzen November über gestiegen, schreibt er auf der Plattform „X“.

Das bedeuten die Zahlen aus Australien für Deutschland

Warum interessiert in Deutschland nun, wie die Grippe sich in Australien ausbreitet? Der Winter auf der Südhalbkugel findet dort schon vor unserem statt. „Die Entwicklung in Australien bezüglich einer sich zeigenden zweiten Welle ist für den Verlauf von Influenza nicht ungewöhnlich und spricht für die Übertragbarkeit des Virus“, erklärt der Epidemiologe Ralf Reintjes auf Nachfrage von FOCUS online. „Die Entwicklung in Australien und Neuseeland ist oft ein guter Indikator für den bei uns zu erwartenden Verlauf.“

Auch in Großbritannien steigen derzeit die Fallzahlen stark an. Der Experte appelliert daher: „Es ist ein guter Zeitpunkt, sich impfen zu lassen.“ Denn der Schutz braucht etwa 14 Tage, um sich aufzubauen – gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten und den Feiertagen.

Vorweihnachtszeit kann frühere Welle begünstigen

„Es kann sein, dass diese Grippesaison früher beginnt und die Welle einen höheren Peak haben wird als in den Jahren zuvor“, prognostizierte der Virologe Timo Ulrichs bereits Ende November. Ein früherer Beginn noch in der Vorweihnachtszeit erhöhe wegen vermehrter Kontakte zudem das Risiko für einen schnellen Anstieg der Fallzahlen. 

Besorgt ist der Epidemiologe allerdings nicht. Die Entwicklung entspreche der gewohnten Situation vor der Coronapandemie. Da beobachteten wir ebenfalls leichtere und schwerere Grippewellen.

Wie gut der Indikator Australien die letzten Jahre funktioniert hat

Von der Tendenz her hat Australien als Blick in die Zukunft in den vergangenen Jahren funktioniert. Es zeigten sich allerdings Besonderheiten während der Corona-Pandemie: Damals bremsten die Maßnahmen nicht nur die Ausbreitung der Coronaviren, sondern auch der Grippeviren – jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Grippewellen in den Ländern. Denn, was die heftige Influenzasaison 2019 in Australien ist, entspricht der Zeit 2019/2020 in Deutschland. Diese Grippewelle fiel mit etwa elf Wochen kurz aus, weil sie abrupt durch Corona-Maßnahmen endete.

Generell dienen die Berichte aus Australien dienen als gutes Frühwarnsystem für Deutschland. Dabei gilt beim Vergleich der Infektionszahlen zu bedenken: Die Nachrichten aus Australien beeinflussen, wie sich Menschen in Europa verhalten. Sprich, Europäer lassen sich vermehrt impfen, wenn von der anderen Seite der Erdkugel schlimme Fälle berichtet werden, so wie aktuell. Das wiederum wirkt sich auf den Schweregrad der Welle hierzulande aus, sodass sie gegebenenfalls weniger heftig ausfällt.

Warum sich Grippevirus H3N2 ausbreitet

Wegen seiner zahlreichen Mutationen scheint sich das Grippevirus H3N2 durchzusetzen. Das sagte Gülşah Gabriel, Leiterin der Abteilung Virale Zoonosen am Leibniz-Institut für Virologie in Hamburg der „Süddeutschen Zeitung“. Wie gefährlich die neue Variante tatsächlich ist, sei noch unbekannt, erklärte Gabriel. Gewiss sei aber: „H3N2 infiziert die unteren Atemwege und verursacht deshalb häufiger Lungenentzündungen als H1N1. Deshalb sind wir alarmiert“, führte die Virologin aus. „Als wir im Winter 2022/23 besonders viele Influenza-Todesfälle hatten, war das ebenfalls ein H3N2-dominanter Winter.“

So verbreitet ist H3N2 in Deutschland

In den offiziellen Zahlen für Deutschland zeigt sich jetzt eine klare Zunahme der Grippeinfektionen. „Die Influenza-Positivenrate ist in den letzten zwei Wochen deutlich angestiegen, der Beginn der Grippewelle deutet sich an“, heißt es im aktuellen Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Grippesituation im Allgemeinen. „Es zirkulierten bisher hauptsächlich Influenza A(H3N2)- und A(H1N1)pdm09-Viren.“ Dennoch sind es bisher lediglich geringe Werte im zweistelligen Bereich. 

Weiter berichtet das RKI, dass die Influenza-A-Viruslast im Abwasser ebenfalls in den letzten Wochen angestiegen sei.

Gegen diese Virentypen wirken die aktuellen Grippeimpfstoffe

Dass nun in vielen Ländern ein mutierter Influenza-Stamm grassiert, ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Die Impfstoffe, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die jeweilige Saison empfiehlt, entstehen immer aufgrund von Vorhersagen zu den Varianten, die dann vermutlich im Umlauf sind.

Die in Europa zugelassenen Influenza-Impfstoffe zielen grundsätzlich auf alle geläufigen Subtypen ab, sprich A(H1N1), A(H3N2), B-Virentypen. Die zirkulierenden Viren können durch Mutationen allerdings stark von ihrem Virusstamm abweichen. Ältere Studien zeigen, dass die Wirkung der Impfung dadurch deutlich geringer sein kann, vor allem für H3N2-Varianten.

Wie schützen die Impfstoffe vor Influenza A (H3N2)? 

„Die neue Variante H3N2 wurde erst im Juni 2025 entdeckt, da war es schon zu spät, den saisonalen Grippeimpfstoff noch anzupassen“, erläutert Ulrichs. „Aber der vorbereitete Impfstoff für die Herbst-Winter-Saison schützt immer noch gut, es könnte allerdings vermehrt zu Impfdurchbrüchen kommen.“

Diese Einschätzung bestätigt ein aktueller Preprint, der also noch nicht von anderen Fachleuten geprüft wurde. Er bilanziert zur Influenza A(H3N2) Subklade K (J.2.4.1), die den Beginn der Grippesaison 2025/26 in England dominiert: Der Schutz ist etwas geringer als in anderen Jahren. Dennoch liege die Wirksamkeit des Impfstoffs hinsichtlich Krankenhausaufenthalten und -einweisungen derzeit im üblichen Bereich 

  • von 70 bis 75 Prozent bei Kindern und
  • 30 bis 40 Prozent bei Erwachsenen. 

Das Team schreibt: „Unsere Daten deuten darauf hin, dass die Impfung weiter ein wirksames Präventionsmittel gegen zirkulierende Influenza A(H3N2) ist.“

Daran können Sie erkennen, ob Sie Grippe haben

Grippe kann unterschiedliche Verläufe nehmen. Aber: „Typisch für Influenza ist ein schlagartiger Beginn – mit Fieber und Gliederschmerzen. Innerhalb von Stunden fühlen sich die Leute plötzlich richtig krank“, sagt Uwe Popert von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Nachrichtenagentur dpa. 

Die Symptome einer Grippe sind oft stärker ausgeprägt als bei einer klassischen Erkältung: starke Kopfschmerzen, ein fieser, trockener Reizhusten und ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl. Schnupfen kommt bei einer Influenza eher selten vor. Und Ältere entwickeln oft kein Fieber. 

Verläuft die Infektion ohne Komplikationen, bessern sich die Beschwerden meist nach fünf bis sieben Tagen wieder. Oft bleibt der Husten für insgesamt zwei bis drei Wochen.

Wenn Sie unsicher sind, finden Sie auch beim Patientennavi des Ärzlichen Notdienstes Hilfe.